Autor Dmitry Glukhovsky: Prophet des Untergangs
In seinen populären Science-Fiction-Büchern thematisiert der Schriftsteller Dmitry Glukhovsky Kriegsverbrechen und die autoritäre Entwicklung in Russland. Das macht ihn zu einem international gesuchten Feind des Kreml.
Von Tigran Petrosyan
Es ist eine Welt ohne morgen. Träume, Pläne, Hoffnungen – all das hat hier keinen Ort. Gefühle sind Instinkten gewichen, und der wichtigste davon ist der Wille zu überleben. Um jeden Preis". Dmitry Glukhovsky beschreibt eine Welt nach einem verheerenden Atomkrieg, in der die Zivilisation zerstört ist. In den unterirdischen Tunneln der Moskauer U-Bahn haben die Überlebenden Unterschlupf gefunden. Sie züchten Champignons und Schweine, während die Ärmsten gezwungen sind, sich von Rattenfleisch zu ernähren. Es herrscht Dunkelheit und Angst.
Mit seinem 2002 erschienenen Debütroman "Metro 2033" sowie den Fortsetzungen "Metro 2034" (2009) und "Metro 2035" (2015) etablierte sich Dmitry Glukhovsky in der modernen russischen Literatur und wurde zum Meister des Science-Fiction-Romans. Im letzten Teil der Trilogie kritisiert der 46-jährige Autor auch die russische Gesellschaft und das politische System in Moskau. "Denken Sie, dass wir bis 2033 schon im Metro leben werden?", fragt der Autor rhetorisch auf seinem X-Account.
Als "ausländischer Agent" eingestuft
Glukhovsky ist auch Dramatiker und Journalist – und ein unnachgiebiger Kritiker des Kreml. Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine 2022 verließ er seine Heimat. Er lebt heute in Europa. Zu seinem Schutz muss sein genauer Aufenthaltsort ungenannt bleiben, da der russische Staat weiterhin versucht, seiner habhaft zu werden – er ist als "ausländischer Agent" eingestuft. Aufgrund seiner Beiträge in den Online-Netzwerken, in denen er öffentlich gegen den russischen Krieg gegen die Ukraine Stellung bezieht, schrieb ihn das russische Innenministerium zur Fahndung aus. 2023 verhängte ein Moskauer Gericht in Abwesenheit eine achtjährige Haftstrafe in einer Strafkolonie gegen ihn. Man warf ihm vor, aus politischen Hassmotiven "Falschnachrichten" über die russischen Streitkräfte verbreitet und "künstlich Beweise erstellt" zu haben.
"Die russischen Behörden wollten mich auch über Interpol zur Fahndung ausschreiben", erzählt Glukhovsky. "Aber da sich Interpol nicht mit politischen Angelegenheiten befasst, hat die Behörde das Ersuchen abgelehnt. Ich fahre aber weder nach Russland noch in die ehemaligen Sowjetrepubliken noch in Länder, mit denen Russland befreundet ist. Wahrscheinlich für die nächsten 10 bis 15 Jahre. Das bedeutet, dass ich aktiv ein neues Leben anfangen muss. Ohne Russland."
Doch der russische Staat verfolgt ihn weiter. Und Glukhovsky thematisiert weiterhin die russischen Kriegsverbrechen und die Unterdrückung in seiner Heimat – in Romanen, Tagebüchern und Kolumnen in der internationalen Presse. Er schreibt mit einer Leidenschaft, die das politische Klima der Gegenwart herausfordert. Mutig und unbeirrbar. Seine Worte sind scharf wie ein Messer und entlarven die Lügen und die Propaganda des Kreml.
Düstere Szenarien
Die Entschlossenheit, die Wahrheit zu sagen, ist in jedem seiner Romane spürbar. Seine Geschichten sind keine einfachen Erzählungen, sondern scharfsinnige, kraftvolle Anklagen. Seine Romane sind nicht nur fiktionale Werke, sie sind Spiegel der Realität, die gleichzeitig die Fantasie anregen und die kritische Auseinandersetzung fordern. Seine Metaphern wirken wie ein Schlag ins Gesicht und bleiben einem noch lange nach dem Lesen im Gedächtnis. Die Ereignisse, die er beschreibt, sind beunruhigend. Bilder, die er malt, sind brutal, jedoch oft auch poetisch. Die Handlungen seiner Romane spielen in der Regel in geschlossenen Räumen. In der Metro, in einer Wohnung in Moskau, im Smartphone.
"In meinen fiktionalen Werken habe ich oft ein überzogenes, apokalyptisches Bild der Welt und der Lage in Russland gezeichnet", erklärt der Autor. "Es ging mir dabei darum, meine häufig jungen Leser*innen vor den Gefahren zu warnen, die totalitäre Propaganda, imperiale Nostalgie und mangelnde Bereitschaft, aus den Katastrophen der Vergangenheit zu lernen, mit sich bringen".
Analyse der autoritären Entwicklung
In seinem letzten Buch "Wir. Tagebuch des Untergangs" analysiert er die autoritäre Entwicklung in Russland der vergangenen zehn Jahre – von zunehmenden Repressionen bis hin zum zerstörerischen Krieg gegen die Ukraine. Weil er dabei das Konzept der "russischen Welt" auseinandernimmt, wurden seine Bücher in Russland aus Bibliotheken entfernt und aus Buchhandlungen verbannt.
Auch bei seinen Auftritten und Interviews ist Glukhovsky nicht zimperlich. Direkt und oft frech spricht er die Dinge an, die ihm auf der Seele brennen. Auch Schimpfwörter gehören zu seinem Vokabular. Ein Gespräch mit ihm ist nie langweilig, es fordert, regt an, und bleibt in Erinnerung.
"Der Mensch wächst durch seine Verletzungen. Diese Spuren – Dellen, Kratzer, Brüche – prägen das Einzigartige der Persönlichkeit. Oft entsteht aus diesen dramatischen Erfahrungen Inspiration. Ich versuche, das zu verstehen, was mich erschüttert und verletzt hat, und arbeite es in meiner Kunst auf, sei es im Film oder in der Literatur. Der Anreiz ist oft nicht das, worauf ich zugehe, sondern das, wovor ich fliehe. Das gibt mir den Impuls, voranzukommen."
Einschüchterung, Lügen, Repression
Glukhovsky zeichnet ein düstereres Bild der Zukunft Russlands: "Das Problem besteht darin, dass es keinen Regierungswechsel gibt und die Regierung den Menschen ständig erklären muss, warum ihre Macht unantastbar und heilig ist. Um diese Macht zu rechtfertigen, wird eine falsche Ideologie geschaffen und verbreitet. Das bedeutet, dass die Unveränderlichkeit der Macht viele zusätzliche Maßnahmen erfordert, die das Leben für viele unerträglich macht. Dazu gehören Einschüchterung, Lügen und Repression – man beschuldigt Feinde und gibt vor, gegen diese Feinde kämpfen zu müssen." Und damit Wladimir Putin weiter regieren könne, brauche es neue Terroranschläge, neue Kriege, neue Repressionen, eine fünfte Kolonne, Spione, Verräter. "Es wird notwendig sein, Attentate auf Parteikollegen zu inszenieren. All das ist notwendig, so wie es für Stalin, für Lenin, für Franco und für jeden autoritären Herrscher notwendig war. Es sind erprobte Methoden, und es ist unwahrscheinlich, dass diese wenig talentierten Leute jetzt etwas Neues erfinden werden."
Warum leisten die Menschen in Russland nicht mehr Widerstand? Auch ihn beschäftigt diese Frage. Eine mögliche Antwort: Es herrsche Angst. Das Volk wisse nicht mehr, wie die Politik funktioniert: "Das gilt übrigens auch für die Armee, die im Lauf des vergangenen Jahrhunderts immer wieder durch Wellen von Repressionen 'gesäubert' wurde. Wie sagt man so schön: Wenn sich die Herren prügeln, tun den Bauern die Köpfe weh".
Tigran Petrosyan ist freier Journalist. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.