Amnesty Journal 01. Januar 2020

Sowjetischer Blues

Zwei Gitarrenspieler sitzen sich beim Musizieren gegenüber.

Vanya Zhuk und Daniel Kahn (rechts) widmen sich den hintergründigen Liedern Bulat Okudschawas

Eine Hommage an einen sowjetischen Dissidenten – der Klezmer-Modernisierer Daniel Kahn interpretiert den russischen Liedermacher und Dichter Bulat Okudschawa.

Von Daniel Bax

Der russische Liedermacher Bulat Okudschawa ist eine Legende. Mit seinen satirischen, philosophischen und hintergründigen Versen und seinen melancholischen Melodien eroberte er in den 1960er Jahren ein intellektuelles Großstadt-Publikum – in der Sowjetunion, im Ostblock und darüber hinaus. Da die meisten seiner Lieder in der Sowjetunion lange Zeit nicht veröffentlicht werden durften, weil seine Texte den Behörden suspekt waren, machten Tonbandmitschnitte, die am Küchentisch oder, später, bei seinen Konzerten entstanden waren, privat die Runde. Okudschawa war im wahrsten Sinne des Wortes ein Underground-Star, seine Lieder wurden von der Jugend auf der Gitarre nachgespielt und -gesungen.

Aufgrund seiner Breitenwirkung und seines Stils wurde er wahlweise mit dem französischen Chansonnier George Brassens oder mit Bob Dylan verglichen. Im Unterschied zu diesen blieb Okudschawa ein kommerzieller Erfolg jedoch lange verwehrt. Erst Mitte der 1970er Jahre, als in der Sowjetunion ein kulturelles Tauwetter einsetze, erschienen dort erste Alben von ihm auf Vinyl. Bis dahin waren seine Lieder lediglich in einigen Filmen erschienen, die nicht zuletzt dadurch Kultstatus erhielten. Außerdem schrieb er Drehbücher und verfasste Gedichte. Die offizielle Anerkennung kam erst spät: 1991 wurde Okudschawa mit dem Staatspreis der untergehenden Sowjetunion ausgezeichnet. 1997 starb er auf einer Lesereise in Paris, er hinterließ rund 200 Lieder und etwa tausend Gedichte.

Der Songwriter Daniel Kahn hat Okudschawa schon vor langer Zeit für sich entdeckt, da lebte er noch in Detroit. Seit er vor 14 Jahren nach Berlin zog, hat sich Kahn mit seiner Band »The Painted Bird« und einer Mischung aus Klezmer, Punk und Folk einen Namen gemacht. Auf seinem neuen Album "Bulat Blues" widmet sich Kahn Okudschawas Oeuvre, dessen poetische Liedtexte er ins Englische übertragen hat. Begleiten ließ er sich vom Moskauer Virtuosen Vanya Zhuk auf dessen russischer siebensaitiger Gitarre. Entstanden ist eine leidenschaftliche Hommage, die Okudschawa in den Songwriter-Olymp erhebt, in den er gehört.

Zusammen mit Zhuk spielte Kahn das Album in wenigen ­Tagen ein, wobei die Reihenfolge der Lieder auf dem Album der zeitlichen Abfolge entspricht, in der Kahn die Songs für sich ­entdeckt und übersetzt hat – es beginnt mit dem »Gebet des ­François Villon«. Okudschawas Balladen waren meist persönlich, metaphorisch und auf den ersten Blick unpolitisch. Seine obrigkeitskritische und antimilitaristische, von der Erfahrung des Kriegs geprägte Haltung lässt sich aus Stücken wie »Papiersoldat« herauslesen. Okudschawas Ruf als Oppositioneller rührte aber vor allem daher, dass er sich einer offiziellen Karriere verweigerte, gegen die staatliche Zensur protestierte und auch Petitionen für verfolgte Autoren wie Alexander Solschenizyn unterschrieb. Diese Verweigerungshaltung ließ ihn zu einem Idol der Jugend im Ostblock werden, in der postsowjetischen ­Diaspora wird sein Name bis heute mit ehrfürchtigem Klang ausgesprochen. Mit seinen einfühlsamen Nachdichtungen hat Daniel Kahn ihm nun ein Denkmal gesetzt, das zur Neuentdeckung dieses russischen Volksbarden anregt.

Album: Daniel Kahn, Bulat Blues (Oriente)

Mehr dazu