Amnesty Journal Russische Föderation 04. Dezember 2017

Im Netz der Zensur

Maria Alyokhina und Nadezhda Tolokonnikova von Pussy Riot halten Plakate von Amnesty International.

In Ungnade. Maria Alyokhina und Nadezhda Tolokonnikova von Pussy Riot im November 2014.

Das staatliche Vorgehen gegen regierungskritische Künstler wie den Theatermacher Kirill Serebrennikov oder die Punkband Pussy Riot zeigt: Russland hat ein wirksames Geflecht der Zensur etabliert.

Von Barbara Kerneck

Cate Blanchett, Volker Schlöndorff und der Pianist Igor Levit – Prominente aus aller Welt haben die Petition zugunsten des Moskauer Starregisseurs Kirill Serebrennikov unterzeichnet. Empört sind sie über die demütigenden Umstände, unter denen man den 48-jährigen, homosexuellen Künstler und bekennenden Buddhisten Ende August 2017 festnahm. Nicht in Moskau, wo er wohnt und an dem für ihn geschaffenen Theater Gogol-Center inszenierte, sondern während einer Dienstreise nach Sankt Petersburg, von wo man ihn erst wieder heimbugsierte. Und dann noch die elektronische Fuß­fessel während seines Hausarrests!

Man wirft dem regierungskritischen Serebrennikov vor, umgerechnet rund eine Million Euro staatlicher Fördergelder für seine Experimentierbühne Plattform unterschlagen zu haben. Schon lange bezichtigen Oppositionelle ihrerseits Präsident Wladimir Putin und dessen Regierung der Korruption. Die ließ im Gegenzug ihre politischen Gegner, wie den Rechtsanwalt und Präsidentschaftskandidaten Alexei Navalny, wegen ähnlicher Vergehen anklagen. Parallel zu dieser Entwicklung politisierte sich das russische Kulturleben.

Noch in den Jahren 2011/12 waren in den russischen Großstädten Zehntausende von gut ausgebildeten jungen Leuten auf die Straßen geströmt, um gegen Wahlfälschungen zu protestieren. Seither wird jeder politische Protest im Keim erstickt. Der von der politischen Entscheidungsfindung abgeschnittenen ­jüngeren Generation erscheint das öffentliche Leben heute öde. Nur im Kulturbetrieb, in Theatern und bei Performances ist noch etwas los.

Wie bei Serebrennikovs Aktion "Stalins Trauerprozession" am 22. Dezember 2016 im Gogol-Zentrum. Eine theatrale Nachstellung der Ereignisse vom 5. März 1953, an dem in Moskau nicht nur Stalin starb sondern auch der Komponist Sergej Prokofjew. Das Stadtzentrum war wegen der zu dem aufgebahrten Tyrannen drängenden Bürger unpassierbar. Doch gegen deren Strom trugen sechs Konservatoriumsstudenten Prokofjews Leichnam zur eigenen Trauerfeier. Die Einnahmen des Abends spendete Serebrennikov der 2016 in Moskau gegründeten Stiftung Erinnerung für die Opfer der sowjetischen politischen Verfolgungen. Am 30. Oktober dieses Jahres hat diese in Moskau ihr erstes Denkmal errichtet: die "Mauer der Trauer", ein monumentales Relief.

Serebrennikovs Fall hat Vorgänger. Erstmals protestierten die Weltöffentlichkeit und zahlreiche Prominente 2003 gegen gerichtliche Verfolgung von Kulturschaffenden im neuen Russland. Vierzig bildende Künstler und Künstlerinnen hatten damals an einer Ausstellung namens "Vorsicht Religion" teilgenommen – im Sacharow-Zentrum, einer unabhängigen kulturellen Begegnungsstätte. Russisch-orthodoxe Fundamentalisten verwüsteten den Raum und die Kunstwerke. Verurteilt wurden aber nicht die Vandalen, sondern die Veranstalter der Ausstellung: wegen Beleidigung der Gefühle der Gläubigen. Es blieb noch bei Geldstrafen.

Der Philosoph Michail Ryklin erinnert sich: "Die Staatsduma klagte damals in einem Brief die Künstler im Voraus wegen Beleidigung des gesamten russischen Volkes an. Das Parlament aber folgt bei uns heute immer den Befehlen der Exekutive". Für die Duma-Petition stimmten 265 von 267 anwesenden Abgeordneten, von denen wohl kaum jemand die Ausstellung gesehen hatte. "Dahinter konnte nur direkt die russische Regierung stehen", meint Ryklin, sie habe von Unzulänglichkeiten, vor allem von den sozialen Problemen im eigenen Staat ablenken müssen und neue Sündenböcke gebraucht.

Ein ähnliches Gerichtsverfahren gegen Kuratoren folgte 2006. Bei beiden Prozessen drängten sich fanatische orthodoxe Gläubige, bärtige Männer in härenen Kitteln neben bezopften Frauen in Gerichtskorridoren und -sälen, dazu Kosaken mit Säbeln. Diese Statisten bedrohten die Angeklagten physisch und grölten: "Jidden raus aus Russland!" Dass sich der Patriarch der russisch-orthodoxen Kirche von diesen Ausschreitungen nicht distanzierte, auch dagegen protestierte schließlich die Frauengruppe Pussy Riot mit ihrem Punk-Gebet in der Moskauer Christus-Erlöser-Kirche. Zwei der Sängerinnen wurden 2012 wegen "Rowdytums aus religiösem Hass" zu je zwei Jahren Lagerhaft verurteilt.

"Die russisch-orthodoxe Kirche konnte sich seit der Ära des Kommunismus nicht mehr aus ihrer Rolle als Unterabteilung des Staatsapparates befreien", sagt Mikhail Kaluzhsky, bis vor drei Jahren noch Leiter der Theaterprogramme des Sacharow-Zentrums. In deren Rahmen rollte der Schweizer Regisseur Milo Rau 2013 diese drei Gerichtsverfahren mit Originalakteuren neu auf und drehte dabei seinen Film "Die Moskauer Prozesse". ­Aggressive Proteste radikaler Gläubiger brachten seine Arbeit allerdings fast zum Erliegen.

Heute lebt Mikhail Kaluzhsky mit seiner Familie in Berlin. "Wir wären nur sehr ungern noch länger in jenem Land geblieben", sagt er. Der Journalist und Theatermacher hat eine Liste von in Russland aktuell gebräuchlichen Zensurinstrumenten ­erstellt.

Auch wenn Russland seiner Verfassung zufolge angeblich noch immer frei von Zensur ist: Gerade Gesetze bilden heute ihre wichtigste Grundlage. 2010 wurde zuerst die "Beleidigung religiöser Gefühle Gläubiger" verboten, danach die "Verbreitung von Informationen, welche der Gesundheit und Entwicklung von Kindern schaden", und ergänzend dazu die "Propaganda homosexueller Beziehungen". 2014 verbot der russische Gesetzgeber das Fluchen im öffentlichen Raum. Seit Neuestem darf nicht mehr jeder rechtmäßige Käufer einer legalen Filmkopie diese auch zeigen. Die Vorführung bedarf jetzt einer zusätzlichen Lizenz. Nach den gesetzlichen Druckmitteln stehen auf Kaluzhkys Liste die gern genutzte "Stimme des Volkes" – und ­finanzielle Hebel.

Die finanzielle Situation russischer Theater kennt Grigory Kofman, vormals künstlerischer Leiter des Russischen Theaters Berlin, aus dem Effeff. Etwa sechzig von ihnen haben bereits an dem europäischen Theaterfestival "LIK" teilgenommen, das der gebürtige St. Petersburger seit Jahren in Nordwestrussland organisiert. Diese Theater klagen notorisch über Geldmangel, und hier setzt dann die Zensur an: "Hinter den Kulissen kommt dann die Antwort: Sie müssen eben Ihr Repertoire ändern!", ­erklärt Kofman. "Allerdings hat mir kein Regisseur eines Privattheaters je gesagt: Ich habe dieses oder jenes Stück abgesetzt, weil …, aber ich bin mir sicher, dass es so läuft. Das heutige System ist tausendmal schlauer als das sowjetische, nicht so grob und direkt."

Zum Vorwurf, Serebrennikow habe sich finanzielle Unregelmäßigkeiten zu Schulden kommen lassen, sagt Kofman: "Kein Kulturunternehmen in Russland hat 'saubere Kassen'. Eine 'saubere' Abrechnung im heutigen System ist unmöglich. Es gibt so viele Vorschriften und Abrechnungsschemata, dass man als Leiter immer versuchen muss, zu schummeln."

"Heutzutage spielt die Selbstzensur bei uns eine wichtigere Rolle als die von oben", hat auch Maria Stepanova beobachtet, die Chefredakteurin von Russlands unabhängigem Internetkulturmagazin colta.ru. Ihr Medium finanziert sich durch Crowdfunding. "Das Wichtigste für die da oben ist, über eigene Claqueure zu verfügen", sagt sie und spielt dabei vermutlich auf die gläubigen Randalierer und rechtsextreme Rockergruppen an. "Die so Agierenden müssen gar nicht formell mit dem Staat verbunden sein, ihr Vorgehen hat die Aufgabe, Angst zu erzeugen. Diese Atmosphäre der Angst verändert unsere Gesellschaft." In ihrem Arbeitsalltag habe es viele Fälle gegeben, "in denen mich ein Kurator oder Galeriebesitzer bat, über den einen oder anderen Aspekt seiner bevorstehenden Ausstellung lieber nichts zu schreiben, denn sonst bekäme er 'Probleme'".

Die Zensur erfasst den gesamten russischen Alltag, auch kleine Buchgeschäfte, Galerien und Kulturhäuser. Die noch ­unlängst in den Städten prangenden bunten Graffiti sind übertüncht. Ein junger russischer Künstler auf Auslandsreise erzählt: "Ein paar kleine Galerien oder Kulturhäuser haben Vortragsabende über unliebsame Kunst zugelassen, zum Beispiel zu ­aktueller sozialkritischer Kunst. Am nächsten Tag drohte man den Leiterinnen mit Entlassung." Dafür präsentierten die staatlichen Kunsthallen jetzt immer mehr Ausstellungen mit Sozialistischem Realismus, "die uns zeigen, wie schön es damals war", so der Künstler.

Auch der Buchmarkt und die Bibliotheken verarmen. Nur ein Beispiel: Aus der großen Moskauer Buchhandlung Respublika verschwand historische Literatur, "weil sie überprüft werden müsse", wie es offiziell hieß. Die Glorifizierung der Sowjetgeschichte ist in vollem Gange. Auch wenn zur Einweihung der "Mauer der Trauer" in Moskau Präsident Putin persönlich erschien – landesweit wird das Gulag-Gedenken verdrängt.

In der im Osten an den Ural grenzenden Region Perm hat man das seit 1995 von einer Nichtregierungsorganisation getragene Gulag-Museum Perm 36, das sich mit politischer Repression in der Sowjetzeit befasste, graduell verstaatlicht. 2013 muss­te deshalb das dortige Festival "Pilorama", zu dem auch Amnesty International regelmäßig inhaltliche Beiträge leistete, seine Aktivitäten einstellen. Die Ursache hierfür mögen die freiheitlichen gesellschaftspolitischen Diskussionen wie auch die Auftritte von Popstars auf dem Festival gewesen sein, die bei der russischen Obrigkeit in Ungnade gefallen waren.

Der Stückeschreiber und Theatermacher Mikhail Kaluzhsky ist dem Zensurterror entkommen. Für das russische Kulturleben fürchtet er aber, dass es "in Provinzialität versinkt". Die Medien seien schon weitgehend gleichgeschaltet, nun wählten die Machthaber die Kultur als Arena für ihre Konflikte. "Gleichzeitig", sagt Kaluzhsky, "knöpfen sie sich die Geschichte vor. Die nächsten Opfer werden Historiker sein."

Mehr dazu