Amnesty Journal 21. September 2021

Hotspots der Erde

Vogelperspektive auf eine Schneelandschaft, in der eine Herde von Rentieren steht.

Wie lange sie wohl noch Schnee unter den Hufen haben? Rentiere im Norden Schwedens.

Die Klimakrise betrifft alle Regionen der Welt. Bestimmte Bevölkerungsgruppen aber werden besonders hart getroffen. Fünf Beispiele belegen, wie Menschenrechte verletzt werden, weil sich die ­Lebensbedingungen drastisch ändern.

Von Patrick Loewenstein

Der ursächliche und augenfällige Zusammenhang ­zwischen Klimawandel und Menschenrechten wurde jahrzehntelang vernachlässigt. Der Anstieg der Durchschnittstemperaturen und immer häufiger auftretende Extremwetterereignisse haben vor allem in sogenannten klimasensiblen Zonen verheerende Konsequenzen. Das gilt für Ökosysteme und Artenvielfalt ebenso wie für die meisten Menschen in großen Teilen des globalen Südens und indigene Bevölkerungsgruppen.

Die von den Industrieländern durch Treibhausgasemissionen herbeigeführten Veränderungen gefährden oder vernichten gleichermaßen Existenzgrundlagen und kulturelle Identitäten. Dabei werden folgende Artikel der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte verletzt oder eingeschränkt: Artikel 1 (Freiheit, Gleichheit, Solidarität), 2 (Verbot der Diskriminierung), 13 (Freizügigkeit und Auswanderungsfreiheit), 14 (Asylrecht), 22 (Recht auf soziale Sicherheit), 23 (Recht auf Arbeit, gleichen Lohn) und 25 (Recht auf Wohlfahrt).

Verletzt werden außerdem zahlreiche wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte, zum Beispiel auf Nahrung und Gesundheit, die im UN-Sozialpakt garantiert sind, sowie das Recht auf Wasser. Systematisch missachtet werden auch die Deklaration der Rechte indigener Völker und das unter dem Dach der Internationalen Arbeitsorganisation zustande gekommene Übereinkommen über eingeborene und in Stämmen lebende Völker in unabhängigen Ländern (ILO 169).

Indigene Bevölkerungsgruppen und nomadisch lebende Menschen ohne festes Territorium sind ohnehin oft Opfer von Diffamierung, Diskriminierung sowie sozialer, ökonomischer, politischer und ethnischer Marginalisierung. Hinzu kommen vermehrt die Folgen der Klimakrise. Wesentliche Aspekte von deren Auswirkungen werden hier an fünf Beispielen verdeutlicht: den indigenen Saami, Inuit und Kolla, den mongolischen ­Nomad_innen sowie vielen Bäuer_innen in ­Ostafrika.

Alle Beispiele dokumentieren: Klima- und Naturschutz sind von den Menschenrechten nicht zu trennen. Sie müssen noch stärker zusammengedacht werden, um weltweit Klimagerechtigkeit herzustellen.

Europa: Verhungernde Rentiere

Eine der letzten indigenen Bevölkerungsgruppen Europas ­verliert ihre Existenzgrundlage. Der Lebensrhythmus und die Lebensweise vieler in Norwegen, Schweden, Finnland und Russland lebender halbnomadischer Saami werden seit Jahrhunderten von den jahreszeitlich-futterbedingten Wanderrouten der Rentiere bestimmt. Das größte Problem – neben Abholzung, Bergbau und Umweltverschmutzung – ist der klimabedingte Temperaturanstieg. Im Winter fressen die Rentiere Moose, Flechten und Pilze, im Frühjahr und Sommer junge Triebe und Gras. Mit ihrem Geweih können sie Futter freischaufeln, das unter Schnee verborgen ist. Aufgrund der höheren Temperaturen fällt der Niederschlag inzwischen jedoch häufiger als Regen, der dann gefriert und eine Eisschicht über dem Schnee bildet, die das Ren nicht durchdringen kann.

Eine weitere Lebensgrundlage der Saami, der Fischfang, ist ebenfalls bedroht. "Die zu heißen Sommer sorgen dafür, dass Kaltwasserfische aussterben", sagt Tero Mustonen, der die Wechselwirkungen zwischen Klimawandel, Biodiversität und ­indigener Lebensweise untersucht. Mustonen, Mitautor des sechs­ten Berichts des Weltklimarats (IPCC), sieht weitere Gefahren: "Auf dem von Saami besiedelten Gebiet sind riesige Mengen CO2 im Boden gespeichert. Steigt die Temperatur weiter, wird es freigesetzt. Aber wir brauchen diese Regionen dringend für die Stabilität des Weltklimas."

Die meisten Saami sind mit der Rentierwirtschaft verbunden, obwohl nur noch rund 15 Prozent direkt davon leben. Einige erwirtschaften ein Nebeneinkommen mit Schmuck oder Schnitzereien nach Art ihrer Vorfahren. Auch das Nebeneinkommen sei gefährdet, sagt Mustonen: "Die traditionellen Lebensweisen als Jäger, Fischer und Rentierhirten werden vom Klimawandel immer weiter eingeschränkt, und das hat einen sehr negativen Effekt auf Wirtschaft und Kultur – kurzum: auf den gesamten ­Lebensstil."

Ihrer ursprünglichen ökonomischen Grundlage beraubt, werden mehr und mehr Saami in die Sesshaftigkeit gezwungen und verlieren ihre soziale und kulturelle Identität. Viele Saami haben sich mittlerweile organisiert. Durch nationale und internationale Initiativen ist ihre politische Lage etwas besser geworden. Auch werden ihnen neue Weiderechte gewährt. Doch Weideland, rechtliche Ansprüche und politische Absichtserklärungen nutzen nicht viel, wenn die Vernichtung der Lebensgrund­lage droht.

Südamerika: Kolla leiden unter "Weißem Gold"

Als Spanien im 16. Jahrhundert die reichen Silbervorkommen Südamerikas ausbeutete, wurde die indigene Bevölkerung in den Minen versklavt. Der Reichtum floss vollständig nach Europa. Eine ähnliche Geschichte scheint sich heute mit dem "Weißem Gold" Lithium zu wiederholen.

Vogelperspektive auf einen Salzsee in Bolivien, in dem Lithium abgebaut wird; in einer weiten weißen Fläche erscheinen kleine quadratische Kästchen.

Entstanden aus einem ausgetrockneten See: Lithiumabbau in der größten Salzpfanne der Erde (Salar de Uyuni, Bolivien).

Das Leichtmetall ist ein wichtiger Rohstoff zur Batterieherstellung für E-Autos, Laptops und Handys. Der Bedarf steigt enorm, da viele Industriestaaten zur Senkung der CO2-Emissionen vermehrt auf E-Mobilität setzen. Im Bemühen, ihre Klimabilanz zu verbessern, zerstören sie gleichzeitig die ökonomische und kulturelle Welt der Kolla, einer der letzten indigenen Bevölkerungsgruppen Südamerikas. Sie leben auf knapp 4.000 Metern Höhe im Grenzgebiet zwischen Bolivien, Argentinien und Chile – und genau dort befinden sich rund drei Viertel der weltweiten Lithiumvorkommen.

Annelen Micus, Amnesty-Expertin für die Klimakrise, weist darauf hin, dass Lithiumbatterien für die Elektromobilität dringend nötig sind, aber menschenrechtskonform und umweltgerecht hergestellt werden müssen. Dieses Ziel gilt auch für die von Hoch- und Salzwüsten geprägte Andenregion, eines der trockensten Gebiete der Erde. Doch für den Lithiumabbau werden große Mengen der extrem knappen Ressource Wasser benötigt: um eine Tonne des Rohstoffs zu gewinnen, verdunsten zwei Millionen Liter Grundwasser. Zudem werden riesige Mengen an feinem Staub und Chemikalien freigesetzt. Eine Lama-Hirtin berichtet, dass neugeborene Tiere mit Behinderungen und Krankheiten zur Welt kommen, seit die Bergbaufirmen im ­sogenannten Lithiumdreieck tätig sind.

Beim Umgraben des Bodens wird das Land zudem komplett verwüstet, natürliche Barrieren zwischen Salz- und Süßwasser werden eingerissen. Das Wasser wird ungenießbar für Mensch und Tier. Die beim Bergbau eingesetzten Chemikalien und der Verlust des Trinkwassers könnten dafür sorgen, dass die jahr­tausendealte Existenzgrundlage bald verschwindet. Denn beim internationalen Wettrennen um die knappe Ressource Lithium verhallen Proteste der Kolla gegen die Bergbaukonzerne weitgehend ungehört. Gerichtsverfahren und Prozesse ziehen sich meist über Jahre hin oder enden zugunsten der Bergbaufirmen.

Clemente Flores, Gemeindesprecher der Kolla, fasste 2019 die Situation so zusammen: "Der Staat will Batterien. Aber wir können keine Batterien essen. Wir essen das, was wir hier anbauen. Der Abbau von Lithium für Europa und der Wechsel zum Elektroauto wird unsere Gemeinden und unsere Landschaft umbringen. Ihr glaubt, damit könnt ihr die Menschheit retten, aber ihr werdet uns alle umbringen."

Nordamerika: Schwitzende Inuit

Ganze Dörfer der Inuit versinken im Schlamm. Der Temperaturanstieg lässt den Permafrost auftauen, Böden sinken ab, Straßen, Landepisten und Stromleitungen werden unbrauchbar, Häuser unbewohnbar. Bis vor rund 20 Jahren bildeten die gefrorenen Böden ein betonhartes Fundament für die gesamte Infrastruktur. Orte an der Küste, früher vom Packeis umschlossen oder auf Permafrostböden gebaut, fallen den getauten Böden zum Opfer oder werden von den Herbststürmen ins Meer gespült.

In Arktis und Subarktis lassen sich die Folgen des Temperaturanstiegs besonders früh ablesen. Er erfolgt dort zwei bis drei Mal schneller als in den meisten anderen Weltregionen und vollzieht sich nach Angaben des IPCC im Rekordtempo. Ökosysteme werden stark beschädigt, die Artenvielfalt nimmt ab. Die natürliche Umgebung der Inuit in Kanada, Alaska, Grönland und Russland wird vernichtet.

Milzbrand-Vergiftungen durch Bakterien in Lebensmitteln treten auf, die im ehemals dauergefrorenen Boden unschädlich waren. Auch Erreger längst ausgerottet geglaubter Seuchen, die im Permafrostboden konserviert waren, tauen wieder auf – die Folgen sind noch nicht absehbar. Jahrhundertelang waren auch archäologische Zeugnisse in den Permafrost­böden gut konserviert. Nun vermehrt sich ein Pilz, der die meist aus Holz gefertigten Gegenstände zerstört. Das kulturelle Erbe der Inuit geht verloren.

Klimawandel ist ein Menschenrechtsthema. Das betonte Sheila Watt-Cloutier,  ehemalige Vorsitzende einer Organisation zur Stärkung der Rechte und Kultur der Inuit, bereits 2015 in ihrem Buch "The right to be cold". Die Trägerin des Alternativen Nobelpreises weist auf die Rechte auf Kultur, Bildung, Gesundheit, Sicherheit und natürliche Lebensumstände hin, die permanent verletzt würden. Die Inuit haben zwei Möglichkeiten: Sie können sich der neuen Umgebung anpassen, also auf ihre ursprüngliche Lebensweise verzichten oder – wie Pflanzen und Tiere – immer weiter gen Norden ziehen. Viele haben angesichts der radikalen Veränderung vor der Klimakrise kapituliert. Derart entwurzelt, zählen die Inuit heute zu den Bevölkerungsgruppen mit der höchsten Suizidrate weltweit.

Asien: Aus Weideland wird Wüste

Seit Jahrtausenden züchten Nomad_innen Vieh in der mongo­lischen Steppe. Mit ihren Ziegen, Schafen, Yaks, Pferden und ­Kamelen ziehen sie von einer Futterstelle zur nächsten. "Diese Tierarten sind nicht nur die Grundlage der Naturweidewirtschaft, sondern auch kulturprägende Elemente", betont die ­Bonner Mongolistik-Professorin Ines Stolpe.

Vogelperspektive auf eine Grassteppenlandschaft, in der zwei Jurten stehen, vor denen Tiere grasen.

Immer weniger grün: Nomadenzelte und Schaf- und Ziegenherde in der mongolischen Povinz Tuv.

Karge Böden, geringe Niederschläge und eine kurze Vegetationsperiode prägen die nomadische Viehhaltung. Seit Jahren nehmen Dürren infolge der Klimakrise zu. Ein weiterer ver­heerender Effekt ist die Zunahme sogenannter Dsud-Ereignisse, einem wetterbedingten Massensterben von Millionen Weide­tieren. Abholzung und wasserintensiver Bergbau verschärfen die ­Situation zusätzlich. Flüsse und Seen trockneten aus, einige Gewässer seien mit giftigen Chemikalien belastet, erklärt Stolpe. "Für die Regierung des sehr rohstoffreichen Landes hat der Bergbau aber weiter Priorität, Gesetze zur Einhaltung von Umweltstandards werden teils ignoriert." Halten die Entwicklungen an, sind immer mehr Menschen gezwungen, die nomadische Viehzucht aufzugeben.

Afrika: Milliarden von Heuschrecken

Ganze Ernten wurden vernichtet, Viehweiden kahlgefressen. Ostafrika hat  2019/20 die schwerste Heuschreckenplage seit Jahrzehnten erlebt. Sie bedrohte die Existenzgrundlage von rund 40 Millionen Menschen. Am schwersten waren Somalia, Kenia und Äthiopien betroffen, aber auch der Südsudan, Uganda und Tansania. Allein in Äthiopien wurde die Hälfte der Weideflächen zerstört.

Die Schwärme, die am Tag bis zu 150 Kilometer zurücklegen können, sind laut Welternährungsorganisation (FAO) "beispiellos in ihrer Größe und ihrem Zerstörungspotenzial". Eine Wüstenheuschrecke frisst am Tag das Äquivalent ihres eigenen Körpergewichts, das sind nur rund zwei Gramm. Ein Schwarm kann aber bis zu eine Milliarde Insekten umfassen und benötigt rund zwei Millionen Kilo Nahrung pro Tag.

Bereits in den Jahren zuvor wurden viele der ohnehin kargen Ernten in Ostafrika durch Extremwetterereignisse dezimiert, dazu kommen nun die Insekteninvasionen. "Klimawandelbedingte Dürren und Überschwemmungen werden in den nächsten Jahren deutlich häufiger Heuschreckenplagen hervorrufen", sagt der kenianische Geoinformatiker Kenneth Kemucie Mwangi. Die Hitze und die feuchten Böden sorgen für optimale Bedingungen. Brut- und Entwicklungszyklen werden dadurch beschleunigt, das Populationswachstum wird exponenziell – das entspricht einer Verdoppelung alle zwei Wochen.

Was tun? "Wichtig ist gutes Monitoring, um Voraussagen zu Schwarmgrößen und Wanderrouten der Heuschrecken treffen zu können. Es müssen weitere Frühwarnsysteme sowie regionale Notfallpläne und -zentren geschaffen werden, um der steigenden Anzahl der Katastrophen zu begegnen", sagt Mwangi, der sich für das Forschungszentrum ICPAC mit den Folgen des Klimawandels in Ostafrika befasst. Während der vergangenen Plage konnten auf diese Weise in Kenia große Teile der Ernte ­gerettet werden.

Patrick Loewenstein ist Biologe und freier Journalist. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.

HINTERGRUND

COP 26 in Glasgow

Die UN-Klimakonferenz COP 26 war ursprünglich für den November 2020 geplant, wurde aber wegen der Covid-19-Pandemie auf 2021 vertagt. Sie findet nun vom 31. Okto­ber bis zum 12. November im schottischen Glasgow statt. Amnesty fordert, dass sich die Bundesregierung auf dem Klimagipfel gemeinsam mit der EU für multilaterale ­Lösungen und eine ambitioniertere Klimapolitik anhand menschenrechtlicher Kriterien engagiert. Das Ziel muss sein, die globale Erwärmung auf maximal 1,5 Grad zu ­begrenzen. Mehr zur COP 26.

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