Amnesty Journal Japan 16. Dezember 2021

Made in Fukushima

Eine in Felder aufgeteilte flache Landschaft, in der Reis angebaut wird, am Horizont erheben sich Hügel.

Nur wenige Kilometer vom havarierten AKW Fukushima Daiichi entfernt: Reisfelder in Futaba.

Vor zehn Jahren havarierte ein japanisches Atomkraftwerk nach einem Erdbeben und einem Tsunami. Bis heute stellen sich Fragen, was die Sicherheit insbesondere von Nahrungsmitteln betrifft. Einige Menschen trauen den offiziellen Messungen nicht, andere wollen unbedingt wieder Landwirtschaft betreiben, wieder andere satteln um.

Ein Ortsbesuch von Felix Lill

Bei der Fahrt durch den japanischen Küstenort Futaba in der Präfektur Fukushima bemüht sich Tatsuhiro Yamane um Optimismus. Anlass dafür hat er kaum. Mit seinem Kleinwagen passiert er eine Metzgerei zu seiner Rechten, die seit einem Jahrzehnt von keinem Menschen mehr betreten wurde. Die Decke ist eingestürzt, Hunde streunen durch die Ruine. Kurz dahinter steht ein Ziegelsteinbau mit zersprungenen Fenstern und einer verlassenen Ladentheke, der in besseren Tagen ein kleines Lebensmittelgeschäft war. Die Shotengai, eine ehemalige Einkaufsstraße, ist verlassen.

Das nördlich von Tokio gelegene Fu­taba ist seit der Nuklearkatastrophe von Fukushima eine Geisterstadt. "Am Tag der Katastrophe hatten die Menschen zwei Stunden, um alles zu packen und das Weite zu suchen", sagt der 36-Jährige. Die 6.000 Einwohner_innen wurden evakuiert und sind bis heute nicht zurückgekehrt.

Yamane sitzt im Gemeinderat von Futaba und hofft, dass ein Teil der Bevölkerung nächstes Jahr zurückkehren kann. Er gibt sich zuversichtlich, obwohl nur zehn Prozent tatsächlich eine Rückkehr planen. Vor allem die Jüngeren haben entweder schon anderswo eine Familie gegründet und Wurzeln geschlagen oder halten das Leben in der alten Heimat wegen der Strahlung für zu unsicher. Am Bahnhof von Futaba misst ein festinstallierter Geigerzähler die Belastung, sie liegt mit 0,25 Mikrosievert pro Stunde etwas über dem Grenzwert von 0,23. In der Mehrzweckhalle, einen guten Kilometer von der Einkaufsstraße entfernt, waren es zuletzt 2,88 Mikrosievert.

"Bald wollen wir wieder Reis anbauen", sagt Tatsuhiro Yamane, der mittlerweile landeinwärts zu teilweise brachliegenden Feldern fährt. Bäuerinnen und Bauern, die hier einst wohnten, führen derzeit Probeernten durch. Die Ergebnisse der Strahlungsprüfungen könnten nächstes Jahr kommen. "Für viele Menschen waren die Äcker die Lebensgrundlage", sagt Yamane. Eine Rückkehr zur Landwirtschaft wäre gut für die lokale Wirtschaft – und für den Ruf der ganzen Region.

"Allgemein essbar"

Am 11. März 2011 erlangte die Präfektur Fukushima traurigen Ruhm, als sie von einem Erdbeben der Stärke 9 heimgesucht wurde. Der nachfolgende Tsunami mit seinen 20 Meter hohen Wellen verschluckte ganze Dörfer an der Küste.
Etwa 20.000 Menschen kamen ums ­Leben, Hunderttausende verloren ihr ­Zuhause.

Der Tsunami traf auch das direkt am Meer gelegene Atomkraftwerk Fukushima Daiichi mit voller Wucht. In drei der sechs Reaktoren kam es zu Kernschmelzen, Radioaktivität trat aus. Alle Menschen im Umkreis von 30 Kilometern mussten die Region verlassen.

Zehn Jahre später stellt sich die Frage: Werden sie jemals zurückkommen? Und wäre das richtig? 55 Kilometer südlich von Futaba, in Iwaki, der mit 335.000 Einwohner_innen größten Stadt der Präfektur, macht sich Mayumi Iida täglich Gedanken darüber. "Ich finde es gut, dass die Bäuerinnen und Bauern in Futaba wieder anbauen wollen. Aber ich bin skeptisch", sagt sie. Die Mutter eines zehnjährigen Kindes arbeitet für die Privatklinik Tarachine, die in den Monaten nach dem Atom-GAU gegründet wurde. "Ich war damals schwanger", erzählt Mayumi Iida. "Viele Menschen waren sich sehr unsicher, was die Lebensmittelsicherheit anging."

Mehrere Frauen aus Iwaki sammelten damals aus Sorge um ihre Kinder Spenden für Messgeräte und die Beschäftigung medizinischen Personals. Heute stehen in den Räumlichkeiten der unabhängigen Klinik mehrere Maschinen, die Beta- und Gammastrahlung bis auf zwei Stellen nach dem Komma angeben. Damit soll auch der Regierung auf die Finger geschaut werden. "Die Ergebnisse sind in der Regel ähnlich", sagt Mayumi Iida, die stets einen ruhigen Blick bewahrt. "Aber einige unserer Maschinen sind genauer."

Eine Wissenschaftlerin in einem Kittel steht in einem Labor und schüttet eine Flüssigkeit von eibnem Gefäß in ein anderes.

Kontrolliert die offiziellen Messwerte: Mayumi Iida.

Die offiziellen Grenzwerte, etwa für den sicheren Verzehr von Nahrungsmitteln, stellt die Klinik Tarachine infrage. Bei Messwerten von unter 100 Becquerel seien Nahrungsmittel "allgemein essbar", behauptet die japanische Regierung. "Diese Zahlen richten sich aber offenbar an männlichen Personen in der Pubertät aus", sagt Iida. "Menschen sind aber nicht gleich. Kinder sind anfälliger." ­Hinzu kämen individuelle Unterschiede bei der Verträglichkeit. Dies bestätigen Expert_innen. Alex Rosen, Kinderarzt und Vorsitzender der Organisation IPPNW, die sich für atomare Abrüstung und gegen Atomkraft einsetzt, weist darauf hin, dass jeder Körper unterschiedlich auf Strahlung reagiere. Ein allgemeiner Grenzwert für alle sei zwingend ungenau. Seit Jahren untersucht die IPPNW die Strahlung in Fukushima.

In der Klinik Tarachine können die Einwohner_innen von Fukushima ihre Nahrung testen lassen. Das Klinikpersonal sammelt auch selbst Lebensmittel, für die Fukushima früher bekannt war: Pfirsiche und Reis vom Feld, Pilze aus dem Wald, Fische aus Fluss und Meer. "Sobald unsere Maschinen auch nur zwei Stellen hinter dem Komma einen Wert über Null messen, erklären wir die Nahrungsmittel für nicht essbar", sagt Mayumi Iida. Und das komme regelmäßig vor.

Viele Menschen in Fukushima fühlen sich von der Regierung alleingelassen, sehen ihre Grund- und Menschenrechte verletzt. Denn laut Artikel 25 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte hat jeder Mensch "Anspruch auf eine Lebenshaltung, die seine und seiner Familie Gesundheit und Wohlbefinden einschließlich Nahrung, Kleidung, Wohnung, ärztlicher Betreuung und der notwendigen Leistungen der sozialen Fürsorge gewährleistet". Außerdem wird dort postuliert: "Mutter und Kind ­haben Anspruch auf besondere Hilfe und Unterstützung."

Nur Durchschnittswerte

Nach dem Reaktor-GAU wurde unter Kindern auffallend häufig Schilddrüsenkrebs festgestellt, die Regierung bestreitet jedoch einen Zusammenhang mit radioaktiver Strahlung. Als Tausende Menschen nach Iwaki evakuiert wurden, erhielten die Betroffenen anfangs zwar Entschädigungen, die Unterstützungen wurden jedoch nach und nach gestrichen. Nach offiziellen Angaben gelten derzeit nur noch rund 40.000 Menschen als evakuiert. Wer nicht zurückkehren will, wird nicht mitgezählt.
Die Angst vor der Strahlung ist weiterhin groß. "Viele Dinge bleiben einfach unklar", sagt Mayumi Iida in einem Ton, der klingt, als hätte sie das alles schon sehr oft erklärt. "Die Strahlungswerte sind nur Durchschnittswerte, und bei der Nahrung wird ja gar nicht alles gemessen."

Die japanische Regierung betont zwar, jedes in den Verkauf gehende Lebensmittel werde geprüft. Doch das reicht Mayumi Iida nicht. "In Landwirtschaftskooperativen oder in der Fischerei wird längst nicht alles, was geerntet oder gefischt wird, auch verkauft. Einiges wird an Freunde weitergegeben, oder man isst es selbst." Die Lage in der Fischerei sei auch deshalb schwierig, weil gar nicht alle Substanzen, denen ein Fisch im Wasser ausgesetzt sei, mit der derzeitigen Technologie herausgefiltert werden könnten.

Hinzu kommt, dass die japanische Regierung im Frühjahr 2021 ankündigte, sie werde das zur Kühlung der schmorenden Atomreaktoren verwendete Wasser ins Meer leiten, da die ­Lagerkapazitäten auf dem Kraftwerksgelände allmählich aus­geschöpft seien. Dies sorgte in Japan und weltweit für große ­Besorgnis. Die Regierung beteuerte zwar, das Wasser werde ­entsprechend gereinigt, die Fischereiverbände protestierten dennoch. Ende August bot die Regierung an, mit einem steuer­finanzierten Fonds jene Produkte aufzukaufen, die die Fischer nicht absetzen konnten.

Den zweifelhaften Ruf, den Fisch aus der Region genießt, wird das jedoch kaum verbessern. Die für den Handel wichtigen Nachbarländer China, Südkorea und Taiwan importieren bis heute keine Lebensmittel aus Fukushima. Denn der Name der Region, die etwa so groß ist wie Schleswig-Holstein, klingt noch immer nach Gefahr.

Sake war gestern

Das spürt auch Tetsuzo Yamaguchi, ein Sake-Brauer aus Koriyama. Die Stadt mit ihren 330.000 Einwohner_innen liegt im Landesinneren, 70 Kilometer von der Kraftwerksruine entfernt, und musste nicht evakuiert werden. Trotzdem leidet der Familienbetrieb Sasanokawa, den Yamaguchi in zehnter Generation führt, bis heute unter den Folgen. "Früher waren unsere wichtigsten Exportmärkte China und Südkorea", erzählt der 68-Jährige bei einem Gang über das Betriebsgelände.

"Da vorne befindet sich die Produktionshalle für den Reisschnaps Nihonshuu, den man im Ausland meist Sake nennt." Für sein Geschäft sei der mittlerweile jedoch irrelevant, denn die ostasiatischen Absatzmärkte gebe es nicht mehr. Der Verkauf der traditionellen japanischen Spirituosen sei auf ein Drittel des Vorkrisenniveaus gefallen, nur in Japan selbst werde ­Sasanokawas Schnaps noch getrunken. "Unser Wasser ist rein, unser Reis ist sauber", beteuert Yamaguchi, und die offiziellen Messwerte für die Region geben ihm Recht. "Es gab hier keine Auswirkungen durch den Atomunfall."

Nach der Katastrophe gehörte Tetsuzo Yamaguchi zu denjenigen, die den Evakuierten Hilfe anboten. In der Nachbarschaft wurde eine temporäre Unterkunft errichtet, und die Belegschaft von Sasanokawa braute wochenlang warmen Punsch, der gratis an die Geflüchteten ausgegeben wurde. Doch die Botschaft, dass es auch innerhalb Fukushimas sichere Orte gab, kam im Ausland nicht an. "Wir haben das Geschäft mit Nihonshuu über Generationen ­erfolgreich betrieben. Aber allmählich gebe ich auf", sagt Yamaguchi.

Er kann es sich leisten, auf die Produktion von Sake zu verzichten. Auf seinem Betriebsgelände stehen genügend Hallen, um auch andere Spirituosen herzustellen. Darauf konzentriert er sich mittlerweile. "Vor ein paar Jahren riet mir ein Kunde, es mit Whisky zu probieren", erzählt der Unternehmer, dessen Betrieb bereits in den Nachkriegsjahrzehnten versucht hatte, das europäische Destillat herzustellen. Nach anfänglichem Zögern importierte Yamaguchi schottische Whiskys, mischte diese und lagerte sie in eigenen Fässern. So entstand vor einigen Jahren der erste Blended Whisky aus Fukushima. Mittlerweile kauft er das Getreide eigens ein und brennt selbst: "Die Brennblasen hatten wir noch." Unter dem Markennamen "Asaka The First Peated" kam Anfang des Jahres ein Single Malt auf den Markt, der nach ein paar Wochen fast vergriffen war.

Inzwischen verkauft das Unternehmen den Whisky in 40 Länder, insbesondere in die USA und nach Europa, und Tetsuzo Yamaguchi versteht sich auch als Botschafter seiner Heimatregion. Das am meisten verkaufte Produkt, ein Blended Whisky namens "963", ist nach der Postleitzahl von Koriyama benannt. Yamaguchi betont auffällig oft, dass seine Produkte sicher seien, während das für Waren aus der Küstenregion nicht immer gelte. Nicht nur er befürchtet, dass der Ruf der gesamten Region erneut Schaden erleiden könnte, sollte die Genehmigung für die Landwirtschaft an der Küste zu schnell erteilt werden. "Wir müssen den Ruf von Fukushima wieder verbessern. Es geht um unsere Lebensgrundlage und um unser Recht, unsere Produkte zu verkaufen."

Felix Lill ist freier Südostasien-Korrespondent. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.

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