Amnesty Journal Japan 21. Juli 2021

"Japan hat einen langen Weg vor sich"

Ein japanischer Mann in hellblauem Hemd und Sakko schaut in die Kamera, er trägt kurzes schwarzes Haar.

Toshihiko Tanaka ist Vorsitzender der Nichtregierungsorganisation MPKEN aus Tokio.

Als Vorsitzender einer Nichtregierungsorganisation setzt sich Toshihiko Tanaka für Arbeitsmigrant_innen in Japan ein. Menschen aus dem Ausland werden nicht nur zu den Olympischen Spielen dringend gebraucht.

Von Felix Lill

Wird sein Job demnächst stressiger? Toshihiko Tanaka überlegt einen Moment. "Ich befürchte, nicht", sagt der 40-Jährige. Denn die japanischen Einwanderungsbestimmungen sind trotz der Reformen in den vergangenen Jahren weiterhin restriktiv, und so bleibt es bei einer überschaubaren Anzahl von "Fällen". "Außerdem sind wir nicht mehr die einzige Organisation, die sich dem Thema verpflichtet fühlt."

Toshihiko Tanaka ist Vorsitzender der Nichtregierungsorganisation MPKEN aus Tokio, die Japan zu einem besseren Ort für Ausländer_innen machen will. "Wir ebnen denen, die zum Arbeiten nach Japan kommen wollen, den Weg ins Land", so fasst Toshihiko Tanaka die Arbeit seines vor 15 Jahren gegründeten Vereins zusammen. Die 15 Mitarbeiter_innen von MPKEN beraten rund 6.000 Personen pro Jahr. Meist sind es junge Frauen und Männer, die in ihren Herkunftsländern wesentlich schlechtere Einkommensmöglichkeiten haben.

Einwohnerzahlen sinken

Der Industriestaat Japan müsste sich um sie reißen. Angesichts geringer Geburtenraten und steigender Lebenserwartung altert und schrumpft die japanische Bevölkerung seit Jahrzehnten. Allein im vergangenen Jahr sank die Einwohnerzahl um eine halbe Million Menschen und beträgt jetzt noch gut 126 Millionen. Weil die Arbeitsbevölkerung besonders schnell schrumpft, könnten weitere Lockerungen der strengen Einwanderungspolitik helfen. Kaum zwei Prozent der Bevölkerung haben einen ausländischen Pass. Doch bisher haben verschiedene Regierungen eine allzu deutliche Öffnung des Landes vermieden.
"Vor allem Betriebe in ländlichen Regionen suchen dringend nach Arbeitskräften", sagt Toshihiko Tanaka, der zuvor als Marktforscher und Lehrer gearbeitet hat und vor zehn Jahren bei MPKEN anfing. Vor fünf Jahren begann er damit, Unternehmen in ländlichen Regionen abzuklappern, die unter dem Arbeitskräftemangel besonders leiden.

"Wir vermitteln jetzt an Hunderte Betriebe in Japan junge Menschen aus Vietnam, Malaysia, Indonesien oder den Philippinen." Sie arbeiten auf dem Bau, im IT-Sektor, in der Pflege oder in Dienstleistungsjobs. Für diejenigen, die der japanischen Sprache noch nicht mächtig sind, wird ein Sprachkurs organisiert. Beratung gibt es auch für jene, die nebenher oder im Anschluss an japanischen Universitäten studieren wollen.

Arbeitslager und Abschiebung

Diese Vermittlung hilft beiden Seiten nur dann, wenn sich alle an bestimmte Regeln halten. Immer wieder gibt es Fälle, in denen ausländische Arbeitskräfte mithilfe juristischer Tricks schlechter bezahlt und ausgenutzt werden.

Bei MPKEN beraten Mitarbeiter_innen in verschiedenen asiatischen Sprachen über die Rechte, die ausländische Arbeitskräfte haben. Besonders wichtig ist das bei einer möglichen Verlängerung des Arbeitsvisums, das meist nur für fünf Jahre gilt. Wer länger im Land bleibt, wird womöglich festgenommen und kommt in ein Auffanglager. Die Bedingungen dort sind mit einer liberalen Demokratie kaum vereinbar. In den vergangenen zwei Jahren starben zwei Menschen in diesen Lagern, einer von ihnen im Hungerstreik, weil er gegen seine Abschiebung protestierte.

"Japan hat einen langen Weg vor sich", sagt Toshihiko Tanaka, wenn es um eine gerechte Behandlung der Menschen geht, die nicht nur zu den Olympischen Spielen aus dem Ausland gekommen sind und die in Japan arbeiten wollen. Doch wird das gelingen? Toshihiko Tanaka überlegt wieder einen Moment. "Eine Änderung der Politik steht noch aus."

Felix Lill ist freier Südostasien-Korrespondent. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.

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