Amnesty Journal Italien 27. Juli 2022

Der Afrobeat Italiens

Ein Mann mit Adidas-Trainingsjacke trägt hohe Turnschuhe und eine runde Brille, sitzt auf einem Hocker in einem Hinterhof, an den Wänden bröckelt der Putz, seine Hose ist löchrig, er hat eine ernste Mine.

Für die italienische Musikszene ungewöhnlich politisch: Rapper Tommy Kuti.

Schwarze Menschen erfahren in Italien Rassismus, Feindseligkeit und Misstrauen. Darüber singt der Rapper Tommy Kuti. Ein Gespräch über das Versagen der Politik und eine neue Kultur.

Interview: Sergio Chianese

Wer sind Ihre musikalischen Vorbilder?

Ich höre Musik aus allen Ländern der Welt. Als Junge hörte ich italienischen Rap, aber auch Fela Kuti und Afrobeat-Künstler wie P-Square. Als ich älter wurde, entdeckte ich französische und englische Rapper. Im Moment konzentriere ich mich auf nigerianischen Afrobeat, auf Burna Boy, Falz, WizKid.

Das sind sehr unterschiedliche kulturelle Einflüsse. Woher kommt diese Offenheit?

Meine Musik ist eine Art Reise, um meine Wurzeln wiederzuentdecken. Ich bin mit einem musikalischen Hintergrund aufgewachsen, der jetzt in meiner Musik zum Vorschein kommt – mit neuen Schattierungen. Ich versuche, die Sunday Gospels meiner Mutter mit den Fuji-Künstlern meines Vaters, die nigerianischen Afro­beats mit italienischem Rap und dem italienischen Songwriting von Fabrizio De André oder Lucio Battisti zu verbinden.

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Wie hat die Kultur Ihrer Eltern Sie beeinflusst? Haben Sie eine besondere Verbindung zur Religion oder zu nigerianischer Spiritualität?

Oh ja, ich gehe vor jedem Konzert zu ­einem Schamanen, um mich segnen zu lassen (lacht). Ich weiß, dass einige Leute diese Art von Antwort gerne von mir hätten. Aber um ehrlich zu sein, bin ich schlicht in einer evangelischen Familie aufgewachsen. Als ich ein Teenager war, war ich in unserer Kirche für das Mischpult verantwortlich, und manchmal wurde ich gebeten, eine Ansprache an die Gemeinde zu halten. Für diese Erfahrungen bin ich sehr dankbar, dadurch bin ich mit Musik aufgewachsen und früh mit einer Bühne vertraut geworden.

Sie haben auch selbst Rassismus ­erfahren …

Der Fokus sollte nicht auf dem Rassismus liegen, den wir als Schwarze hier erleben, sondern auf der Schaffung von Gesetzen, die Menschen wie mir helfen, als Italiener anerkannt zu werden – als die wir uns fühlen, denn wir sind hier aufgewachsen. Es sollte mehr über die mediale Darstellung "ausländischer Menschen" und über die Gleichgültigkeit und mangelnde Sensibilität im Umgang mit bestimmten Themen diskutiert werden. Aber hier für Sie, meine tränenreiche persönliche Erfahrung: Eines Tages malte jemand ein sehr großes keltisches Kreuz an die Wand des Ladens meiner Eltern, es blieb dort jahrelang stehen. Und wenn ich als Kind schikaniert wurde, sagten die anderen immer "Scheiß N***" zu mir. Aber ich wiederhole: Ich glaube, dass diese Episoden nur Folgen einer verfehlten italienischen Politik sind.

Der Fokus sollte nicht auf dem Rassismus liegen, den wir als Schwarze hier erleben, sondern auf der Schaffung von Gesetzen, die Menschen wie mir helfen, als Italiener anerkannt zu werden – als die wir uns fühlen, denn wir sind hier aufgewachsen.

Was sollten Politiker*innen tun, um Feindseligkeit und Misstrauen gegenüber Migrant*innen zu ändern?

Zuallererst sollten sie aufhören zu lügen und die irrationale Angst der Bürger vor den "Anderen" zu schüren. Und dann bräuchte es eine neue regierende Klasse, die in der Lage ist, das Land zu führen. Denn wir sind uns alle einig, dass die vergangenen 30 Jahre politisch gesehen ein Misserfolg waren – wenn man nur daran denkt, dass wir nach dem Krieg einen wirtschaftlichen Aufschwung hatten und heute sich die Politik nicht einmal über das Grundeinkommen einigen kann. Wir brauchen Führungspersönlichkeiten, ehrliche Menschen, die sich um die gesamte Bevölkerung in unserem Land kümmern.

Ihre Musik ist ausgesprochen politisch – ganz im Gegensatz zu der Oberflächlichkeit, die in der italienischen Rap-Szene vorherrscht. Spielt Ihr persönlicher Hintergrund dabei eine Rolle?

Ich glaube, dass Künstler nur die Bedürfnisse und den Geschmack des Publikums widerspiegeln. Die Leute wollen heute betäubt werden, sie wollen Spaß haben. Sie nutzen Musik, um der Realität zu entfliehen. Das war auch in der Vergangenheit schon so, aber heute hat eine dement machende Musik die Oberhand gewonnen. Wenn man sich unsere Rap-Szene ansieht, hat man den Eindruck, die Episode einer Comedy-Show zu sehen. Sicherlich hat meine Erziehung mich mit ernster Musik vertraut gemacht. Ich erinnere mich, wie ich beim Hören von "Changes" von 2Pac berührt war. Meine Leidenschaft für Musik entstand aus dem Wunsch, meine Geschichte zu erzählen und den Geschichten von Menschen mit meinem Hintergrund eine Stimme zu geben. Aber natürlich gibt es in unserer Szene Künstler, für die Musik so etwas wie eine Turnschuhmarke ist und die stolz darauf sind, als "Gangster" daherzukommen – trotz bürgerlichen Vaters. Das ist okay, wir haben eben unterschiedliche Wege gewählt. Am Ende entscheiden die Leute, wem sie zuhören wollen.

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Ihre Musik zeigt, dass unterschiedliche Identitäten perfekt zusammenpassen und dadurch Neues entstehen kann. Ist die italienische Gesellschaft dafür schon bereit?

Als ich mal die kulturelle Rückständigkeit Italiens thematisierte, sagte mir jemand: "Du musst nur den Tod unserer Vätergeneration abwarten." Das klingt dramatisch, ist aber zum Teil wahr. Doch ich bin mir leider nicht sicher, ob das die Lösung bringt. Die Menschen müssen jetzt Stellung beziehen, das ist eine Frage von Verantwortung. Jahrelang haben Großmütter und Mütter gesagt: "Die Einwanderer kommen hierher, sie bekommen 35 Euro für Nichtstun, sie haben WLAN in ihren Hotelzimmern …" Dagegen muss eine neue italienische Generation von Jungen und Mädchen aufstehen und antworten: "Mama/Oma, du solltest anfangen, Bücher zu lesen und lernen, wie die Welt funktioniert."

Haben Sie mal daran gedacht, die ­Musik aufzugeben?

Nein, eigentlich nie. Die Musik ist mein Leben. Selbst wenn ich ein Arbeiter wäre, würde ich meine Songs aufnehmen. Natürlich hatte ich auch mal Zweifel, Momente, in denen ich wollte, dass alles besser wird. Aber ich habe immer meinen Hunger, der mich antreibt. Und ich bin ein verdammt hungriger Nigerianer!

Was steht als nächstes an?

Ich bereite gerade mein neues Album vor, es wird das erste Afrobeat-Album in italienischer Sprache sein. Ich bin sehr stolz auf diese neuen Songs.

Sergio Chianese ist freier Journalist. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.

ZUR PERSON

Tommy Kuti

In Italien als Rapper und Schauspieler bekannt, engagiert sich in der "Black Lives Matter"-Bewegung. Er war zwei Jahre alt, als seine Eltern aus Abeokuta (Nigeria) nach Italien kamen und wuchs in Brescia und ­Mantua auf. Sein Rap ist für die italienische Musikszene ­ungewöhnlich politisch.

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