Amnesty Journal 06. Oktober 2022

Humor ist, wenn man trotzdem lacht

Eine Frau mit langen Haaren trägt eine Bluse und Jeans; sie steht auf Felsen am Meeresufer, im Hintergrund am Ufer sind Gebäude.

Noam Shuster-Eliassi hat mit Tacheles Erfolg in Israel und der arabischen Welt.

Wie die israelische Comedienne Noam Shuster-Eliassi mit satirischen Sketchen die Politik im Nahen Osten entwaffnet.

Von Tobias Griessbach

Die internationale Bericht­erstattung zu dem mehr als ein Jahrhundert währenden Konflikt in Israel und Palästina zeichnet ein Bild, welches von Hass, Gewalt und Zerstörung geprägt ist. Die öffentliche Aufmerksamkeit beschränkt sich meist auf die traurigen Höhepunkte und übersieht allzu oft die konstruktiven und inklusiven Aspekte.

So will es denn auch nur schwer in das gängige Bild von Israel und Palästina passen, dass eine junge, engagierte Frau politische Missstände, Stereotypen und die irrwitzigen Momente des Alltags in der Region mit Humor auf die Schippe nimmt. Die Rede ist von Noam Shuster-Eliassi. Mit Stand-Up Comedy, Liedern und TV-Sketchen beweist die 38-Jährige, dass politischer Unmut sich nicht ausschließlich in politischem Aktivismus entladen muss. Als ehemalige Co-Direktorin der Organisation Interpeace, einer Unterorganisation der Vereinten Nationen, die sich auf die Vernetzung und Unterstützung lokaler Friedensinitiativen spezialisiert, hat sie einige Erfahrung mit Diplomatie und politischem Arbeitsalltag gesammelt. Doch seit ein paar Jahren zieht sie die Show-Bühne dem Konferenzsaal vor.

Immer wieder Ziel von Anschlägen

Shuster-Eliassi wuchs in einem sehr politischen Umfeld auf. Mit sieben Jahren zog sie mit ihrer Familie in den Ort Neve Shalom/Wahat al-Salam ("Oase des Friedens"), ein in den 1960er Jahren gegründetes Projektdorf mit dem Ziel, einen Ort für ein gleichberechtigtes Miteinander von Israelis und Palästinenser*innen zu schaffen. Auf halber Strecke zwischen Tel Aviv und Jerusalem gelegen, ist NSWAS, so die gängige Abkürzung, der einzige Ort in Israel mit einer bilingualen Grundschule, deren Schüler*innen nicht nur aus dem Dorf, sondern aus der ganzen Umgebung kommen. Direkt neben der Grundschule ist die "School for Peace", ein internationales Seminar- und Workshopzentrum mit einem eigens entwickelten Konzept für die Friedensarbeit. Synagogen, Moscheen oder Kirchen wird man dort hingegen vergeblich suchen. In Neve Shalom/Wahat al-Salam findet man nicht viel Politisches in der Öffentlichkeit, das Dorf und seine Bewohner*innen sind ein politisches Statement an sich. So wurde der Ort in den vergangenen Jahren auch immer wieder Ziel rechtsextremer Attacken und Brandanschläge, teils mit verheerenden Auswirkungen.

Ressentiment überwinden

Noam Shuster-Eliassi wurde im Friedensdorf mehrsprachig und interkulturell erzogen. Als Nachfahrin iranischer und rumänischer Juden und Jüdinnen vereint sie zudem eine Menge Geschichte und Aspekte der Region auf sich, und das nicht nur im Positiven: Bereits als Kind erfuhr Shuster-Eliassi Rassismus und Vorurteile wegen ihrer "arabischen" Erscheinung.

Dieser Rassismus betrifft nicht nur muslimische Araber*innen, sondern auch Jüdinnen und Juden arabischer und iranischer Herkunft und ist mindestens so alt wie der Staat Israel selbst. Der Soziologe Natan Sznaider nennt die Unterscheidung zwischen europäischem und "orientalischem" Judentum eines "der wichtigsten Kriterien der sozialen, kulturellen und auch politischen Differenzierung der Gesellschaften in Israel."

Shuster-Eliassi wuchs also nicht nur im Spannungsfeld zwischen Israelis und Palästinenser*innen auf, sondern auch im innerisraelischen Disput zwischen Ashkenazim (europäische Jüdinnen und Juden) und Mizrahim ("orientalische" Jüdinnen und Juden). Ihr Werdegang zeigt aber, dass diese Ressentiments kein unüberwindbares Hindernis sind; Shuster-Eliassis Humor zielt genau auf die Überwindung dieser Vorurteile ab. Dabei beschritt sie den Weg zur Comedy recht spät. Ihre zweite Karriere war eher dem Umstand geschuldet, dass ihre Stelle bei Interpeace abgewickelt wurde. In einem Interview mit dem "Middle East Monitor" sprach sie über fehlenden Erfolg ihrer Strategien im Kampf gegen politischen Extremismus, der zur Entlassung führte.

Befreit von den Fesseln der Diplomatie

In der frisch entlassenen Friedensstifterin reifte die Idee, aus Notizen von Reden, die bereits mit bissigen Witzen gespickt waren, ein erstes Stand-Up -Programm zu entwickeln. Damit konnte sie sich laut eigener Aussage von den rhetorischen Fesseln der Diplomatie befreien und "Tacheles" reden. Damit hatte sie schnell Erfolg: mit einem Stipendium der Harvard Divinity School in Boston schrieb Shuster-Eliassi in den USA ihr erstes Programm, mit dem sie in kleineren Clubs überall im Land auftrat. 2019 konnte man sie bereits im Vorprogramm des iranisch-amerikanischen Comedian Maz Jobrani sehen.

Im selben Jahr kann Shuster-Eliassi für sich in Anspruch nehmen, als einzige weibliche Comedian in der arabischen Welt viral gegangen zu sein. Auslöser dafür war ihr Heiratsantrag an den umstrittenen saudischen "Reformer", Kronprinz Mohammed bin Salman, live im israelischen Fernsehen. Hintergrund war die sukzessive, informelle Annäherung Israels und Saudi-Arabiens unter der Ägide des ehemaligen israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu. Was als satirisches Statement gedacht war, verschaffte ihr ein unerwartetes Publikum, nicht zuletzt auch wegen ihres nahezu muttersprachlichen Arabisch.

Appell an die Menschlichkeit jedes Einzelnen

Das Jahr 2019 brachte für Shuster-Eliassi enorme Popularität, ihre Arbeit wurde allerdings durch den Beginn der Corona-Pandemie 2020 jäh unterbrochen. Aber ihre private und teils sehr intime ­Berichterstattung aus einem Jerusalemer Quarantänehotel, dem Hotel Dan, wo sie sich mit anderen Personen aufgrund einer Corona-Infektion aufhielt, machte sie schon fast zu einer legendären Persönlichkeit in Israel, denn auch dieser Situation konnte sie etwas Humorvolles, Kämpferisches und Positives abgewinnen. Nach ihrer Genesung kehrte sie mit gewohntem Biss zurück, vor allem ihr satirisches Statement "Dubai, Dubai" zu den sogenannten Abraham-Friedensverträgen zwischen Israel und einer Reihe arabischer Staaten wurde populär:

"Es gibt Licht am Ende des Tunnels/ Wenn alle Araber so wären wie/Dubai, Dubai, Dubai, Dubai, Dubai/Sie wollen in Israel leben/Sie werden uns nicht ins Meer werfen Dubai, Dubai, Dubai, Dubai, Dubai"

Mit ihrem analytischen Blick entlarvt Shuster-Eliassi die Scheinheiligkeit der Mächtigen im Nahen Osten, appelliert aber zugleich an die Menschlichkeit eines jeden Einzelnen. Dabei macht sie keinen Unterschied, ob sie vor einem mehrheitlich jüdischen Publikum in Tel Aviv oder vor einem palästinensischen Publikum in Ost-Jerusalem auftritt. Mit ihrer Mehrsprachigkeit und ihrer Unvoreingenommenheit ist sie eine Ausnahmeerscheinung in der tragischen Komplexität des Nahen Ostens. Von der Frau wird noch viel zu erwarten sein.

Noam Shuster-Eliassi geboren 1988 in Israel und Kind iranischer und rumänischer Jüdinnen und Juden, wuchs in Neve Shalom/Wahat al-Salam auf. Zum Studium ging sie in die USA. Sie verweigerte den Wehrdienst in Israel, leistete Ersatzdienst. Für die UN arbeitete sie in Ruanda und der Schweiz.

Tobias Griessbach ist freier Journalist. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.

 

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