Amnesty Journal Iran 08. September 2020

Voting für den Tod

Eine junge Frau mit Kopftuch sitzt vor einem Schminkspiegel.

The Show must go on: In "Yalda" wird die Todesstrafe zum Quotenknüller.

Die Filmsatire "Yalda" reflektiert auf sehr eigensinnige Weise das Thema Todesstrafe im Iran.

Von Jürgen Kiontke

Freude des Vergebens" heißt eine äußerst abgründige ­iranische Fernsehshow in Massoud Bakhshis Filmsatire "Yalda", denn nach iranischem Recht ist es möglich, dass Angehörige eines Opfers dem Täter oder der Täterin verzeihen, was Auswirkungen auf die Bestrafung hat. Ausgestrahlt wird die Sendung in der Nacht der Wintersonnenwende, die auf Persisch "Yalda" heißt. Das Interesse an Fällen, in denen es um die Todesstrafe geht, ist in der Show besonders groß.

Die zum Tode verurteilte Maryam (Sadaf Asgari) hat bereits zwei Jahre im Gefängnis verbracht, weil sie ihren Liebhaber und Gönner – sagen wir ruhig: Herren – Zia umgebracht hat, in dessen Haus sie als 17-Jährige lebte. Und jetzt ist es soweit: Sie wird in der Fernsehshow Mona (Behnaz Jafari) gegenübertreten, der Tochter ihres ehemaligen "Ehemanns auf Zeit" – eine religionskonforme Umschreibung für Prostitution. Wenn Mona ihr die Tat vergibt, muss Maryam noch drei bis sechs weitere Jahre in Haft – wird jedoch nicht hingerichtet.

Vergebung per SMS-Voting

Maryam ist zwar angeschlagen vom Gefängnis, allzu große Sorgen macht sie sich zu Beginn des Abends aber nicht. Denn die beiden Frauen waren befreundet. Mona sah sich früher als "große Schwester" des Nachbarmädchens aus armen Verhältnissen. Und die Kommentatoren der Show sind sich sicher, dass die Tat nur ein Unfall und unüberlegtes Handeln war – ein Schubs, und der Kopf schlug an die Tischkante …

Dass Mona Maryam vergeben wird, steht nicht groß zur Debatte. Wer hier auftritt, ist sorgfältig ausgewählt, denn es geht um Einschaltquoten und um Geld – "Freude des Vergebens" ist als Lotterie konzipiert. Wer auf den richtigen Ausgang des Abends tippt, kann per SMS-Voting eine hohe Summe gewinnen: "Verdient Maryam Komijani Vergebung? Senden Sie 1 für Ja, 2 für Nein."

Das eigene Leben so der öffentlichen Meinung ausgesetzt zu sehen, ist für Maryam allerdings eine Nummer zu viel: Sie verliert die Beherrschung, schimpft und zetert und teilt dem Millionenpublikum mit, wie schlecht sie in der Familie behandelt wurde. Mona zieht sich daraufhin zurück und deutet an, dass dies hier kein leichtes Spiel werde. Ab jetzt kann es für die Verurteilte auch richtig schief gehen. Als die Pflegeeltern jenes Kindes aufkreuzen, das Maryam mit Zia hatte und das Mona direkt nach der Geburt aus dem Haus schaffte, gewinnt der Fall zusehends an Eigendynamik. Und die TV-Macher – "Maryam, du kannst gern dein Leben ruinieren, aber nicht die Show" – geraten ihrerseits in die Defensive.

Abgründe und rasante Wendungen

Massoud Bakhshis Satire "Yalda" wartet mit rasanten Wendungen auf, ist sehr gut und vor allem sehr abgründig gespielt – und nichts für schwache Nerven. Die extreme Aussichtslosigkeit und die Alternative Gefängnis oder Tod für die junge Frau lässt einen nicht kalt. Der geschickt strukturierte Film zeigt, was es bedeutet, wenn Reichtum auf Armut trifft. "Yalda" schneidet zutiefst existenzielle Fragen an, indem er die Entscheidung über Leben und Tod in das alberne Setting einer Fernsehshow mit all den Verrücktheiten des Medienbetriebs einbettet. "Manchmal", sinniert der gestresste Moderator, "kommt die Vergebung ja auch erst kurz vor der Exekution".

Ein sehr sehenswerter Film, der einen doppelt mitnimmt: wegen seiner Spannung und wegen ­seiner Düsternis.

"Yalda". FR u. a. 2019. Regie: Massoud Bakhshi, Darstellerinnen: Sadaf Asgari, Behnaz Jafari. Derzeit in den Kinos

Jürgen Kiontke ist freier Autor, Journalist und Filmkritiker.
Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International oder der Redaktion wieder.

Weitere Filme & Musik

Mädchen im Lager

von Jürgen Kiontke 

"Ich bin im Flüchtlingscamp geboren", sagt die 13-jährige Sarita, die Heldin des gleichnamigen Films, und setzt hinzu: "Ist das nicht wunderbar? Alle meine Freunde sind hier!" Ihr Camp, das ist eine ganze Stadt, sie heißt Khudunabari und liegt in Nepal. Rund 10.000 Flüchtlinge aus Bhutan leben dort. Ab 1990 waren rund 100.000 Bhutaner, deren Vorfahren im 19. Jahrhundert aus Nepal eingewandert waren, aus dem Land gedrängt worden, weil sie mehr Rechte eingefordert hatten – ein Sechstel der bhutanischen Bevölkerung. Es war zu gewaltsamen Protesten gekommen. Sie landeten im Niemandsland der Lager, denn auch Nepal wollte sie nicht ansiedeln. Regisseur Sergio Basso hat zehn Jahre lang das Schicksal der Flüchtlinge begleitet. Seine sehr gelungene Dokufiction ist bunt, facettenreich und voller verschiedener Geschichten und Stilelemente. Sarita führt die Zuschauer durch das Camp, durch ihr Leben dort. Die Handlung wird von Musicalszenen und Bollywood-Tanzeinlagen unterbrochen. "Wir leben wie im Mittelalter", singen Sarita und ihre Freunde, "haben kein fließendes Wasser und keinen Strom". Flüchtling sein bedeutet hier Dauerstatus – und Flucht ist Lebensinhalt. "Selbst Nepalesen wollen weg aus Nepal", sagt Saritas Großmutter und hofft auf einen Umzug nach Kanada oder in die USA.

"Sarita". IT/D 2019. Regie: Sergio Basso. Der Film ist auf www.kino-on-demand.com/movies/sarita zu sehen, das Streaming-Entgelt kommt einem Kino der eigenen Wahl zugute.

Ein interessantes Experiment

von Jürgen Kiontke 

Regisseurin Jana Kaesdorf hat die DDR nur als Kind erlebt. Jetzt will sie wissen, wie sich ein sozialistischer Staat anfühlt und fährt samt Kamerateam nach Kuba. Das Land versucht sich an einer leichten Liberalisierung: Wurde eigenständiges Handeln abseits der Bürokratie bisher unterdrückt, ist dieser Kurs aus wirtschaftlichen Gründen heute nicht mehr durchzuhalten. Außerdem geht Kuba oft rüde mit öffentlicher Kritik und Menschenrechten um: Das einzige Land auf dem amerikanischen Kontinent, das Vertretern von Amnesty International die Einreise verweigert, kann sich auch diesen rigiden Kurs schlicht nicht länger leisten. Mit Reformen, den "Lineamientos", bemüht sich die Regierung um eine gewisse wirtschaftliche Öffnung. Kaesdorf bekommt richtig gute und kluge Leute vor die Kamera, etwa den Ökonomen Omar Villanueva, aber auch Landwirte, die sich mit ihren Interessen und Eigeninitiativen nun wahrgenommen fühlen. Allen gemeinsam ist, dass sie in Bezug auf Mängel des Systems kein Blatt vor den Mund nehmen, dass sie in ihrem Land aber auch keinesfalls wieder eine ausbeuterische Oberschicht haben wollen, wie es sie vor der Revolution 1959 gab. Kaesdorfs Film bietet einen tollen Einblick in ein Land, das dem Kapitalismus trotzt – direkt vor der Haustür der USA, die Kuba seit 1961 mit einer Wirtschaftsblockade das Leben schwer machen. Ein sehenswerter und schöner Dokumentarfilm.

"Experiment Sozialismus – Rückkehr nach Kuba". D 2019. Regie: Jana Kaesdorf.

Psychedelischer Aufbruch

von Daniel Bax

Die marokkanisch-französische Band Bab L’Bluz sprengt die Grenzen zwischen afrikanischen, maghrebinischen und westlichen Musikstilen. Ihr Name bedeutet so viel wie "Tor zum Blues". Dessen afrikanische Ursprünge haben es dem Quartett angetan: die Trance-Musik der Gnawa, der Nachfahren ehemaliger Sklaven, die aus Gebieten südlich der Sahara nach Nordafrika verschleppt wurden, sowie die Poesie mauretanischer Frauen. Diese mischen sie mit psychedelischem Rock und Funk. "Nayda", der Titel ihres Debütalbums, bedeutet so viel wie Party. Es steht aber auch für einen intellektuellen Aufbruch, der mit dem Wechsel im marokkanischen Königshaus zur Jahrtausendwende verbunden wird, und mit der musikalischen Jugendbewegung jener Zeit. Yousra Mansour, die Frontfrau von Bab L’Bluz, wuchs damals in einer Kleinstadt an Marokkos Atlantikküste auf. Sie brachte sich selbst das Spiel der Gimbri, der dreisaitigen Laute der Gnawa bei. Mit Brice Bottin, einem französischen Produzenten, gründete sie Bab L’Bluz. Gesellschaftskritik findet sich eher zwischen den Zeilen. In "Africa Manayo" prangern sie die Despoten an, die den Reichtum des Kontinents ausbeuten, und klagen über Korruption und Gier. Und in "Ila Mata" heißt es: "Unser Geist ist eingesperrt, unsere Unterschiede sind zu einem Verbrechen geworden." Gesungen in klassischem Arabisch, von einem repetitiven Tabla-Loop getragen und vom Rauschen der Atlantikwellen umweht, fragen sie: "Wie lange noch wird Ungerechtigkeit herrschen? Wie lange noch wird Gewalt verherrlicht?"

Bab L’Bluz: Nayda! (Real World)

Trost der Zeit

von Daniel Bax

Aynur ist zweifellos die derzeit prominenteste kurdische Sängerin aus der Türkei. Seit dem Erscheinen ihres Debütalbums 2002 hat sie international Karriere gemacht. Sie erhielt Preise etwa des renommierten Berklee Mediterranean Music Institute und wurde zum Vorbild für andere Frauen in der Region. In ihrem Heimatland aber hat sie es schwer, Gehör zu finden. Auf ihrem siebten Album "Hedûr" gibt Aynur ihrer beeindruckenden Stimme viel Raum und entfaltet ihre eigene musikalische Vision. Es ist das erste Album, das sie praktisch allein arrangiert und produziert hat, alle Kompositionen stammen von ihr. Mit virtuoser Leichtigkeit verbindet sie das kurdische Erbe mit Jazz und anderen zeitgenössischen Elementen und erfindet damit kurdische Folk-Traditionen neu. Bei den Aufnahmen stand ihr der deutsche Jazzpianist Franz von Chossy zur Seite. Der Titel "Hedûr" bedeutet so viel wie "Trost zu finden im Laufe der Zeit". Und Trost wird dringend benötigt angesichts der Brutalität der türkischen Politik, insbesondere gegenüber der kurdischen Minderheit. Das Album ist eine Einladung, im Klang der lange verfemten Muttersprache inneren Frieden zu finden. Leider fiel die Veröffentlichung von "Hedûr" mit dem Beginn der Corona-Krise zusammen. Geplante Konzerte mussten abgesagt werden. Das Album harrt deshalb noch der Entdeckung.

Aynur: Hedûr – Solace of Time (Dreyer Gaido)

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