Amnesty Journal 03. September 2021

Aktivismus verändert

Eine Frau in einem Geriochtssaal, davor ein paar Mikrofone.

Frauenschicksal in El Salvador: Teodora del Carmen Vásquez wurde wegen einer Totgeburt kriminalisiert, Szene aus "Fly So Far".

Am 16. September startet das Human Rights Film Festival in Berlin. Amnesty präsentiert drei Filme.

Von Jürgen Kiontke

Der Kampf um Menschenrechte bedeutet stetigen Wandel: "The Art of Change" lautet daher das Motto des diesjährigen Human Rights Film Festival Berlin (HRFFB), das ab dem 16. September 2021 nun bereits zum vierten Mal stattfindet. Die Kunst der Veränderung: Das Festival thematisiert vor allem Widerstand und Aktivismus. Im Mittelpunkt stehen Geschichten von Vorkämpfer_innen für die Menschenrechte. 40 Dokumentarfilme umfasst das Programm, darunter zahlreiche Deutschlandpremieren. Und zum ersten Mal gibt es eine Retrospektive: Drei Filme beleuchten das Leben und Wirken des 101-jährigen Juristen Benjamin Ferencz, einem der Chefankläger bei den Nürnberger Prozessen.

Erstmals tritt auch Amnesty International im Jahr seines 60. Jubiläums als Partner der Veranstalter Aktion gegen den Hunger und Save the Children mit einer eigenen Filmreihe mit dem Titel "Stories that matter" auf. Nicht zuletzt, um auf aktuelle Fälle von Menschenrechtsverletzungen hinzuweisen, so etwa den der russischen Aktivistin und Künstlerin Yulia Tsvetkova, die sich für Schwule, Lesben, Bisexuelle, Trans- und Intergeschlechtliche (LGBTI) engagiert. Weil sie weibliche Körper zeichnet, wurde sie wegen "Herstellung und Verbreitung von Pornografie" angeklagt. Sollte sie verurteilt werden, drohen ihr in Russland bis zu sechs Jahre Haft. In den kommenden Wochen und Monaten stehen wichtige Verhandlungstage an. "Tsvetkova wird strafrechtlich verfolgt und schikaniert, weil sie für die Rechte von Frauen und LGBTI eintritt", sagt Jannike Herlinghaus, die für Amnesty Deutschland die Kampagnen koordiniert. "Wir fordern von der Staatsanwaltschaft, dass die Verfahren eingestellt werden und die Schikane aufhört." Bei Amnesty International setzt sich unter anderem die Gruppe Queeramnesty für Aktivist_innen ein, die wegen ihres Engagements für die Rechte von LGBTI verfolgt werden.

Gezeigt wird auch der Film "Welcome to Czechnya" (US 2020), der die verzweifelte Lage von LGBTI in Tschetschenien nachzeichnet und den Preis von Amnesty International bei den Berliner Filmfestspielen 2020 gewann. Der Dokumentarfilmer David France begleitete den Menschenrechtsaktivisten David Isteev und seine Helfer_innen, die Opfer von Gewalt aus Tschetschenien herausbringen. Seit 2017 werden sexuelle Minderheiten von den Behörden systematisch verfolgt: Die Polizei traktierte sie mit Elektroschocks und Schlägen, Familien wurden aufgefordert, homosexuelle Verwandte umzubringen. In seinem Film berichtet France erstmals im Kino über Menschen in Tschetschenien, die sich gegen die Repressionen zusammenschließen.

Trailer zu »Welcome to Czechnya« (US 2020)

YouTube freischalten

Wir respektieren deine Privatsphäre und stellen deshalb ohne dein Einverständnis keine Verbindung zu YouTube her. Hier kannst du deine Einstellungen verwalten, um eine Verbindung zu den Social-Media-Kanälen herzustellen.
Datenschutzeinstellungen verwalten

In "Unapologetic" (US 2020) folgt Ashley O'Shay den beiden jungen queeren Aktivistinnen Janaé Bonsu und Bella BAHHS in Chicago. Sie versuchen, den Tod von Rekia Boyd und Laquan McDonald aufzuklären – zwei schwarzen Jugendlichen, die von der Polizei getötet wurden. Der Film gibt einen Überblick über die Aktivitäten der Black-Lives-Matter-Bewegung, berichtet von Anhörungen und Veranstaltungen in der Universität. Im Zusammenhang mit dem Film weist Amnesty International darauf hin, dass auch in Deutschland die Zahl rassistischer Straftaten seit Jahren kontinuierlich ansteigt. Die Organisation hat deshalb Forderungen an die nächste Bundesregierung formuliert, um rassistische Muster in den Behörden aufzubrechen. Dazu gehören verpflichtende Antirassismus-Trainings für die Polizei, Aufklärung, Prävention sowie Sanktionierung von Rassismus und Racial Profiling, breit angelegte wissenschaftliche Untersuchungen zu rassistischen Einstellungen in den Behörden und die Förderung unabhängiger Untersuchungen.

Trailer zu »Unapologetic« (US 2020)

YouTube freischalten

Wir respektieren deine Privatsphäre und stellen deshalb ohne dein Einverständnis keine Verbindung zu YouTube her. Hier kannst du deine Einstellungen verwalten, um eine Verbindung zu den Social-Media-Kanälen herzustellen.
Datenschutzeinstellungen verwalten

In "Fly So Far" (SWE 2021) porträtiert Regisseurin Celina Escher eine junge Frau aus El Salvador, die wegen eines vermeintlichen Schwangerschaftsabbruchs zu 30 Jahren Gefängnis verurteilt wurde. "Ich hätte nie gedacht, den Rest meines Lebens im Knast zu enden", sagt Teodora del Carmen Vásquez in dem Film. Das Abtreibungsgesetz El Salvadors ist eines der strengsten weltweit. Im Prozess argumentierten Vásquez und ihre Anwält_innen, es habe sich um eine Totgeburt gehandelt. Doch das war dem Gericht offensichtlich egal. Auf Anweisung des Obersten Gerichtshofs wurde Vásquez zwar 2018 aus der Haft entlassen, doch wurde weder das Urteil aufgehoben noch ihre Unschuld anerkannt. Nun kämpft sie um ihre vollständige Rehabilitierung. Amnesty International weist darauf hin, dass in El Salvador weitere Frauen auf Grundlage des Gesetzes in Haft sind, und fordert, alle Frauen sofort und bedingungslos freizulassen, die wegen Schwangerschaftskomplikationen im Gefängnis sitzen. Außerdem fordert die Organisation, die Durchsetzung des Abtreibungsgesetzes umgehend auszusetzen mit dem Ziel, Schwangerschaftsabbrüche komplett zu entkriminalisieren.

Trailer zu »Fly So Far« (SWE 2021)

YouTube freischalten

Wir respektieren deine Privatsphäre und stellen deshalb ohne dein Einverständnis keine Verbindung zu YouTube her. Hier kannst du deine Einstellungen verwalten, um eine Verbindung zu den Social-Media-Kanälen herzustellen.
Datenschutzeinstellungen verwalten

Die Filme, die Amnesty International präsentiert, sind in ein breit aufgestelltes Programm eingepasst. Weitere Festivalbeiträge zeigen die Arbeit der einzigen von Dalit-Frauen geführten Zeitung in Indien ("Writing With Fire", IND 2021), den Kampf eines engagierten Lehrers für Bildung in Marokko ("School of Hope", MAR 2020) und die Arbeit der ersten indigenen Präsidentschaftskandidatin in Mexiko ("La Vocera", MEX 2020). Eine Deutschlandpremiere wird es mit dem Film "Only the Devil Lives Without Hope" (SWE 2020) über Menschenrechtsverletzungen in Usbekistan geben.

"Es geht darum, zu zeigen, wie man mit Aktivismus Veränderungen gestaltet", beschreibt Festivalleiterin Anna Ramskogler-Witt das positiv gestimmte Konzept.

Eingebettet sind die Filme in ein umfangreiches Rahmenprogramm und ein mehrtägiges Forum mit vielen international bekannten Gästen. Die saudi-arabische Frauenrechtlerin Loujain al-Hathloul, die erst zu Beginn dieses Jahres aus der Haft entlassen wurde, ist Schirmfrau des Festivals. Zudem werden der mit 5.000 Euro dotierte Willy-Brandt-Dokumentarfilmpreis für Freiheit und Menschenrechte, ein Publikumspreis und der Ehrenpreis für Freiheit und Demokratie verliehen.

Das Festival findet wegen der Anti-Corona-Maßnahmen "hybrid" statt, das heißt: Die Filme sind sowohl online als auch im Kino verfügbar. "Auch die Gespräche über Filme werden gestreamt", kündigt Ramskogler-Witt an. Ein Konzept, das sich bereits im vergangenen Jahr bewährt hat.

Human Rights Film Festival Berlin: 16. bis 25. September 2021. www.humanrightsfilmfestivalberlin.de

Markus Beeko (Generalsekretär Amnesty International Deutschland) nimmt im Rahmen des Filmfestivals mit Martina Dase (Save the Children), Lina al-Hatloul (Aktivistin) und Katja Riemann (Schauspielerin und Regisseurin) an der Podiumsdiskussion "Storytelling & Activism" teil. (23.09. | 12:00 Uhr)

 

Jürgen Kiontke ist freier Autor, Journalist und Filmkritiker. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.

WEITERE FILME

Ein Kriegsverbrechen

von Jürgen Kiontke

Die Lehrerin Aida arbeitet als Übersetzerin für die Vereinten Nationen in Srebrenica. Unter General Ratko Mladić nimmt die bosnisch-serbische Armee die Stadt ein, die bosnische Bevölkerung soll die Stadt verlassen. Wie Tausende andere sucht Aidas Familie beim UN-Corps "Dutchbat" unter dem Kommando des überforderten Befehlshabers Thomas Karremans Zuflucht. Doch die Einnahme der Stadt wird in einem Massaker an der bosnischen Bevölkerung enden. "Quo vadis, Aida?" rekonstruiert die dramatischen Ereignisse um das vom UN-Kriegsverbrechertribunal für Ex-Jugoslawien als Genozid eingestufte Kriegsverbrechen im Sommer 1995, das als schwerstes in Europa seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs gilt und bis heute Stoff für Kontroversen liefert. Die Zahl der Opfer wird auf 8.000 geschätzt. Der Film erzählt die damaligen Ereignisse nach: Welche Verhandlungen wurden geführt, welche Abmachungen getroffen? Die Fragen gehen an die Entscheider: Wäre das Verbrechen vermeidbar gewesen, wenn sie anders gehandelt hätten? Die Antwort: Ja, das wäre es. Erst kürzlich wurde die Berufung von Mladić, der seit Jahren wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit inhaftiert ist, abgelehnt und ein früheres Urteil bestätigt. Insofern ist "Aida" sehr aktuell, ein eminent wichtiger Film, der den Schrecken des Krieges kongenial in einem Menschen spiegelt. Ein entschiedenes Statement für die Menschenrechte.

"Quo vadis, Aida?" AUT u. a. 2020. Regie: Jasmila ­Žbanić, Darsteller_innen: Jasna Đuričić, Izudin Bajrović.
Derzeit in den Kinos.

Die Protestbewegung in Belarus

von Jürgen Kiontke

Regisseur Aliaksei Paluyan porträtiert die belarussische Protestbewegung gegen den seit Jahrzehnten regierenden Staatschef Alexander Lukaschenko. Paluyan begann auf den großen Demonstrationen im Sommer 2020 zu filmen. Im Zentrum steht aber die Minsker Theatergruppe "Belarus Free Theatre", deren Auftritte in der Regel im Geheimen stattfinden müssen. Theater in Belarus – das ist ökonomisch unsicher und politisch gefährlich. Razzien und Verhaftungen drohen, Künstler_innen werden mit Berufsverboten belegt. Im Zuge der Protestkundgebungen berichtete Amnesty International über schwere Misshandlungen von Journalis­t_innen, Gewerkschafter_innen und sogar Sanitäter_innen. "Sie stellen dich immer an dieselbe Mauer. Es gibt immer dieselben Schläge. Das ist mir entschieden zu unkreativ", sagt Theatermacher Denis Tarasenko, der durch den Film führt. Die Stücke des Dramaturgen und Schauspielers, der nebenher in einer Autowerkstatt arbeitet, handeln von dem, was sich auf der Straße abspielt: Polizisten verprügeln Demonstrierende. Paluyans Film ist mittendrin, er bietet Raum, in dem Demonstrierende, aber auch Mitglieder von Polizei und Militär zu Wort kommen. Glücklich mit den Entwicklungen in dem Land, das als Europas letzte Diktatur gilt, sind sie alle nicht. Dieser Film ist ein überzeugend persönlicher und hoch engagierter Blick.

"Courage". D 2021. Regie: Aliaksei Paluyan. Derzeit in den Kinos.

Weitere Artikel