Amnesty Journal Frankreich 14. Januar 2022

Seismografin des verlorenen Schatzes

Eine mittelalte Frau mit schulterlangem Haar trägt einen Schal und einen Mantel und steht vor einer Wand, schaut direkt in die Kamera.

Bénédicte Savoy setzt sich für das dekolonisierte Museum ein.

Die französische Wissenschaftlerin Bénédicte Savoy fordert die Rückgabe geraubter kolonialer Kulturgüter –  und eine transnationale Forschungszusammenarbeit mit den Herkunftsländern.

Von Till Schmidt

Ob die Bronzen aus dem ­Königspalast Benins, das Prachtboot von der Pazifikinsel Luf oder der Schiffsschnabel Tange aus Kamerun – bis heute zeigen sich in Deutschland koloniale Kontinuitäten nicht nur in Form von Alltagsrassismus, Straßennamen oder Denkmälern. Ein weiterer zentraler Schauplatz sind Museen, in denen sich bislang ungezählte Kunst- und Kulturgüter befinden, die während der Kolonialzeit erbeutet wurden. Seit einigen Jahren wird der Umgang mit diesem Erbe nun auch in Deutschland intensiv diskutiert.

Eine der führenden Stimmen in dieser Debatte ist die französische Kunsthistorikerin und Germanistin Bénédicte Savoy. Sie beschäftigte sich bereits in ihrer Dissertation mit Kunstraub aus der Perspektive der Beraubten – allerdings indem sie den Blick deutscher Intellektueller wie Goethe, Schiller oder von Humboldt auf die zwischen 1794 und 1811 von Frankreich geraubten Kunstwerke und Bücher analysierte. Nachdem auch damals Restitutionsforderungen erhoben wurden, fanden zahlreiche Objekte aus dem Louvre und französischen Depots ihren Weg zurück in deutsche Museen und trugen dazu bei, dass sich die Deutschen des eigenen, nationalen Kulturerbes bewusster wurden.

Auftrag von Macron

Die Professorin für Kunstgeschichte an der Technischen Universität Berlin und am Collège de France in Paris interessiert vor allem "die Kulturgeschichte der Kunst" und die "Verschränkung von Kunst und Politik", wie sie selbst sagt. Dazu gehört auch die Frage, wie Kunstkritik in Kriegszeiten argumentierte und welche Emotionen und Affekte Kunst in Gesellschaften auslöste, "in denen Kunst gesammelt, besessen oder sogar zerstört" wurde.

Seit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron ihr und dem senegalesischen Wirtschaftswissenschaftler Felwine Sarr 2018 den Auftrag erteilte, einen Bericht über mögliche Restitutionen afrikanischer Kulturgüter aus französischen Museen zu verfassen, beschäftigt sich Savoy intensiv mit der Sammlungsgeschichte europäischer Museen und arbeitet dabei mit Kolleg_innen aus den von kolonialem Kunstraub betroffenen Ländern zusammen. Denn seit der gemeinsamen Arbeit mit Sarr an dem Bericht "Zurückgeben" ist ihr klar, dass man derartige Projekte "nur mindestens zu zweit, im Tandem ­anfassen soll und kann".

Das gilt auch für ihr neuestes Forschungsprojekt "Umgekehrte Sammlungsgeschichte". Savoy und ihr Team wollen herausfinden, woher kamerunische Objekte stammen, die sich in deutschen Museen befinden und wozu sie in den vergangenen hundert Jahren benutzt wurden. Gleichzeitig erarbeitet ein Team um Albert Gouaffo, Professor an der Université Dschang in Kamerun, eine "Karte der Leerstellen". Das kamerunische Team erforscht, welche Erinnerungen an die Objekte vor Ort noch existieren, welche Formen von Widerstand es gegen ihren Transfer ins Kaiserreich gab und ob ihre Rückgabe gefordert wurde.

Entscheidungsträ­ge­r_in­­nen verweigern sich

Dass Restitutionsforderungen für in der Kolonialzeit nach Europa verbrachte Kunst alles andere als neu sind, verdeutlichte Savoy in ihrem Buch "Afrikas Kampf um seine Kunst". Darin wies sie nach, dass bereits kurz nach der Unabhängigkeit vieler afrikanischer Staaten afrikanische Intellektuelle, Politiker_innen und Museumsmitarbeitende eine Dynamik in Gang brachten, die ihren Widerhall in Europa fand. Auch in Deutschland suchten Engagierte nach Wegen, um Kulturgüter zurückzugeben, etwa umfangreiche Benin-Sammlungen aus der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Diese Versuche scheiterten jedoch an der Verweigerungshaltung der Entscheidungsträ­ge­r_in­­nen, die behaupteten, die Objekte seien legal erworben worden und der Nationalismus der unabhängig gewordenen Länder stelle ein Hindernis für eine Rückgabe dar. Für Savoy ist diese Restitutionsdebatte, die ihren Höhepunkt um 1980 erlebte, die "Geschichte einer postkolonialen Niederlage".

Der von ihr mit herausgegebene Bildatlas "Beute" enthält mehr als 80 Beiträge, die das Schicksal einzelner Objekte analysieren, die erworben, entwendet und zum Teil auch restituiert wurden. Er erzählt Weltgeschichte im Spiegel wechselhafter Eigentumsverhältnisse in Verbindung mit Besitz-, Macht- und Überlegenheitsansprüchen, die häufig, aber nicht ausschließlich in kolonialen Kontexten erhoben wurden. "Beute" legt den Schwerpunkt auf koloniale Zusammenhänge und nimmt vor allem Frankreich, Großbritannien und Deutschland in den Blick. Aber auch andere Restitutionsdebatten werden aufgegriffen: So zum Beispiel die über den Obelisken von Axum, der 1937 aus Äthiopien nach Italien verbracht wurde, die wechselhafte Geschichte der bronzenen Pferde und des Löwen von San Marco, die sich seit 1815 wieder an der Fassade des Markuspalastes in Venedig befinden oder der zulasten von Jüdinnen und Juden begangene Kunstraub im Paris unter nationalsozialistischer Herrschaft.

Weltgeschichte im Spiegel von Besitz

Für Savoy ist es selbstverständlich, viel zu publizieren, sich in Interviews und Vorträgen öffentlich zu äußern, sich in gesellschaftliche Debatten einzumischen. Sie hält dies für dringend geboten "angesichts der starken Verbreitung von Fake News und rhetorischer Wolken etwa um das Berliner Humboldtforum". Dessen Beirat hatte sie 2017 aus Protest gegen die mangelnde Aufklärung der Herkunft der Objekte und die unzureichende Verzahnung von Sammlung und Wissenschaft verlassen. Durch die Arbeit mit Archivmaterial tragen Savoy und ihre Kolleg_innen dazu bei, "die historische Faktenlage freizulegen", die nach Ansicht der 49-Jährigen in den großen Institutionen "willentlich oder unwillentlich bislang weitgehend unsichtbar geblieben ist".

Berlin ist derzeit zentrale Wirkungsstätte der Kunsthistorikerin, denn an der Museumslandschaft der Hauptstadt könnten die Traumata des Zweiten Weltkrieges sowie der deutschen Teilung abgelesen werden, meint Savoy. Auch sei die sowjetische Beutekunst, die nach 1945 nach Moskau gelangte, ein sehr spannendes, bislang wenig beachtetes Thema. Zwar sei Berlin "wahnsinnig rückständig", weil die Museen es immer noch nicht geschafft hätten, Datenbanken zur Herkunft ihrer Bestände online zu stellen, doch gebe es in der Stadt auch ein stark ausgeprägtes Bewusstsein dafür, "dass man Geschichte mitgestalten soll". Ein Bewusstsein, das auch Bénédicte Savoy prägt.

Till Schmidt ist freier Journalist. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.

BUCHTIPPS ZUM THEMA

Bücher von Bénédicte Savoy

Zurückgeben. Mit Felwine Sarr. Über die Restitution afrikanischer Kulturgüter. Aus dem Französischen von Daniel Fastner. Matthes & Seitz, Berlin 2019, 224 Seiten, 18 Euro.

Afrikas Kampf um seine Kunst. ­Geschichte einer postkolonialen Niederlage. C.H. Beck, München 2021, 256 Seiten, 24 Euro.

Beute. Mit Merten Lagatz und Philippa Sissis. Ein Bildatlas zu Kunstraub und Kulturerbe. ­Matthes & Seitz, Berlin 2021, 389 Seiten, 38 Euro.

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