Amnesty Journal Deutschland 27. September 2021

Kraftvolles Menschenbild

Szene aus dem Film "The Other Side of the River" von Antonia Kilian.

Solidarität und Widerstand stehen im Fokus des diesjährigen Nuremberg International Human Rights Film Festival.

Von Hannah El-Hitami

41 Spiel- und Dokumentarfilme aus insgesamt 33 Ländern werden ab dem 29. September bei Deutschlands ältestem Menschenrechtsfilmfestival zu sehen sein. Das Nuremberg International Human Rights Film Festival (NIHRFF) findet seit 1999 alle zwei Jahre statt und ist in diesem Jahr für besonders viele Menschen zugänglich: Fast alle Filme und das Rahmenprogramm gibt es sowohl vor Ort als auch online zu sehen.

"Wir achten sehr auf die filmische Qualität der Beiträge und nicht nur auf menschenrechtliche Inhalte", sagt Festivalleiterin Andrea Kuhn. Für sie müssen Filme mehr sein als nur bebilderte Vorträge über Missstände. "Film, egal ob Dokumentar- oder Spielfilm, bietet die einzigartige Möglichkeit, Menschen näher zu kommen und eine gewisse Zeit konzentriert an ihrer Seite zu verbringen." Dabei sei es besonders wichtig, die Perspektiven von Filmemacher_innen aus verschiedenen Regionen zu zeigen und Betroffene selbst zu Wort kommen zu lassen. "Nur so können die Filme ein Menschenbild vertreten, dass wir für die Menschenrechte zentral finden: das Menschen nicht als Opfer darstellt, sondern in all ihrer Vielfalt und ihrer Kraft."

Im zweiten Jahr der Pandemie drehen sich besonders viele Filme um die Themen Widerstand und Solidarität. Obwohl Covid-19 filmisch nicht thematisiert wird, spielt es eine Rolle, zum Beispiel in einer Podiumsdiskussion zur globalen Impfgerechtigkeit am letzten Festivaltag. Auch in der Festivalpraxis hat das Team dieses Jahr auf Solidarität geachtet. Die Filmemacher_innen, deren Werke gezeigt werden, erhalten überdurchschnittliche Gagen, denn die Filmbranche mit ihren vielen Soloselbstständigen gehört zu den Branchen, die durch die Pandemie besonders in Mitleidenschaft gezogen wurde.

Filmtipps

Elsewhere, everywhere
Ein normales Leben – das wünscht sich der Iraner Shahin, als er irregulär nach Europa einreist. Doch der scheinbar simple Wunsch führt den jungen Mann in eine zermürbende Warteschleife. Die beiden Regisseurinnen begleiten Shahin von seiner Ankunft in Griechenland bis nach England, wo er am Nichtstun verzweifelt. Sie nutzen dabei vielfältige Stilmittel: Telefonate Shahins mit seiner Mutter, verschiedene Erzählstimmen, Sounds und Chats werden untermalt mit Aufnahmen von Überwachungskameras aus aller Welt. Ein hypnotischer Film über den Schock des Ankommens.
"Elsewhere, everywhere". BEL 2020. Regie: Isabelle Ingold, Vivianne Perelmuter

This is not a burial, this is a resurrection
Die Witwe Mantoa wartet darauf zu sterben. Doch als sie erfährt, dass ihr Dorf für einen Staudamm umgesiedelt werden soll, beginnt die alte Frau zu kämpfen: gegen Vertreibung, Umweltzerstörung und den vermeintlichen "Fortschritt" der Männer in Anzügen. Der erste Spielfilm von einem Regisseur aus Lesotho beeindruckt mit kunstvollen Szenen, die man gar nicht lange genug anschauen kann. Es ist der vorletzte Film der 2020 verstorbenen südafrikanischen Schauspielerin Mary Twala Mhlongo, die den stoischen Protest der alten Mantoa meisterhaft verkörpert.
"This is not a burial, this is a resurrection". LSO, ZAF, ITA 2019. Regie: Lemohang Jeremiah Mosese

The other side of the river
Hala will mit Männern nichts mehr zu tun haben. Nach einer beinahen Zwangsheirat hat sie ihr Elternhaus in Nordsyrien verlassen und sich in der mehrheitlich von Kurd_innen bewohnten autonomen Region Rojava zur Polizistin ausbilden lassen. Sie will für die Befreiung ihrer Schwestern und aller Frauen weltweit eintreten. Regisseurin Antonia Kilian folgt der charismatischen Protagonistin auf ihrem Weg und bietet einen interessanten, wenn auch eher distanzierten Einblick in den Alltag der Frauen im kurdischen Autonomiegebiet.
"The other side of the river". Deutschland, Finnland 2021. Regie: Antonia Kilian

Nothing but the sun
Mateo Sobode Chiqueno ist Archivar einer fast vergessenen Community, der Ayoreo. Die ursprünglich nomadische Bevölkerung in Paraguay wurde von christlichen Missionaren gewaltsam aus dem Wald vertrieben und zu einem Leben in Armut gezwungen. Mit seinem Kassettenrekorder nimmt Chiqueno die Erinnerungen, Gedanken und Lieder der Ayoreo auf und kämpft damit gegen den endgültigen Verlust seiner Kultur. Mit zurückhaltender Kamera gedreht, entsteht ein Film über weißen Hochmut und die subtilen Wege des Widerstands.
"Nothing but the sun". CH 2020. Regie: Arami Ullon

Nuremberg International Human Rights Film Festival: 29. September bis 6. Oktober 2021 in Nürnberg und online: www.nihrff.de.

Hannah El-Hitami ist freie Journalistin und lebt in Berlin. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.

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