Amnesty Journal Deutschland 01. November 2019

"Wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Zukunft nicht gestalten"

Eine junge Frau mit aufgeschlagenem Buch neben einem älteren Herrn auf einem Sofa

 Rahel Müßel zu Besuch bei Keith Stuart in Peine bei Hannover.

Als in Europa der Zweite Weltkrieg tobte, war Keith Stuart (94) so alt wie Rahel Müßel (15) heute. Sein Vater war Jude, Keith lebte in Deutschland versteckt, kämpfte später auf Seiten der Engländer gegen Hitler. Rahel wächst in einer Demokratie auf, geht mit ihrer Schule demonstrieren. Eines der ältesten und eines der jüngsten Amnesty-Mitglieder unterhalten sich über ihren Zugang zu Politik und die großen Themen ihrer Zeit.

Moderation: Markus Bickel und Lea De Gregorio

Keith, Rahel, was sind und waren die Themen eurer Jugend?

Keith: Das ist gar nicht vergleichbar. Du, Rahel, wächst in einem demokratischen Land auf, und ich habe die Nazis hautnah erlebt. Ich halte öfter Vorträge in Gymnasien und merke, dass es schwierig ist, jungen Menschen zu vermitteln, wie brutal die Verhältnisse damals waren. Aber wenn man die Vergangenheit nicht kennt, kann man die Zukunft nicht gestalten. Und das geht nur, wenn Jüngere offen für Gespräche sind und Fragen stellen und sich geistig hineinversetzen in das, was wir Älteren erlebt haben.

Rahel: Ich habe mich sehr stark mit dem Nationalsozialismus und dem Zweiten Weltkrieg auseinandergesetzt. Ich finde auch nicht, dass das mit heute vergleichbar ist. Heute steht der Klimawandel stark im Vordergrund. Bei uns geht gerade die Welt kaputt, bei euch war die Frage von Gewalt stärker.

Die AfD sitzt heute im Bundestag und in allen Länderparlamenten. Was geht euch da durch den Kopf?

Keith: Björn Höcke, der Fraktionsvorsitzende der AfD im Thüringer Landtag, zitiert aus "Mein Kampf" – aber so, dass selbst manche Redakteure nicht wissen, was er sagt. Wie kann ich dann von jungen Menschen verlangen, das zu verstehen? Das ist eine ganz komplizierte Angelegenheit.

Rahel: Ich muss ehrlich sein. Ich fange gerade erst an, mich so richtig für Politik zu interessieren. Und ich möchte nichts Falsches sagen.

Wann habt ihr denn jeweils angefangen, euch mit Politik zu beschäftigen?

Rahel: Es gab eine Influencerin, die sich mit dem Thema Politik beschäftigt hat und einen Podcast dazu machte. Den habe ich mir angehört und finde das seitdem sehr interessant.

Keith: Ich war 14, als ich anfing, mich mit Politik zu beschäftigen. Es war das erste Jahr des Krieges. Mit 15 bin ich in die Kommunistische Partei eingetreten in England – die einzigen, die die zweite Front gegen Hitler wollten. England war 1939 nicht gerüstet, einen Krieg zu führen. Die Kommunisten setzten sich trotzdem für die zweite Front ein, weil sie die Sowjetunion unterstützten wollten. Die Altkommunisten in der Gruppe haben mich beeinflusst.

Rahel: Seit Greta Thunberg angefangen hat, die Schule zu bestreiken, habe ich begonnen, mich mit dem Klimawandel zu beschäftigen. Später kamen die Fridays-for-Future-Demonstrationen nach Hannover, und ich habe mir Videos im Internet angeschaut. Dadurch ist mir erst klargeworden, wie krass das mit dem Klimawandel ist, und ich musste deshalb mitdemonstrieren. Es geht ja um unsere Welt. Und in der möchte ich noch weiter leben, und ich möchte auch, dass meine Kinder später ein gutes Leben hier haben. Beim globalen Klimastreik am 20. September war unsere Schule auch dabei.

Keith: Es ist gut, wenn Lehrer ihren Schülern heute Mut ­machen und mit ihnen demonstrieren. Ich habe noch den Rohrstock erlebt: Hose runter, Hose rauf. Ich habe überhaupt keinen Schulalltag gekannt. Ich bin bis zu meinem zehnten Lebensjahr auf die Volksschule gegangen, dann war Schluss. Ich ging in Berlin-Grunewald auf eine Privatschule, als wir versteckt waren, und ich erinnere mich noch an eine Filmvorführung, zu der ich nicht mitdurfte. Der Lehrer sagte: Du nicht. Dabei wollte ich nur normal leben. Einfach so. Wie alle.

Rahel begreifst du, wenn Keith von seinem Leben unter den Nazis erzählt, was es heißt, in Frieden und Freiheit zu leben?

Rahel: Ja, sehr.

Keith: Das ist gut. Ich wiederhole immer wieder: Otto von Bismarck, Deutsch-Französischer Krieg, Kaiserreich, Weimarer Republik, Nazis, DDR. In all diesen Jahren wurde von den Deutschen verlangt, normale Demokraten zu werden. Sie hatten aber keine demokratische Ausbildung. Ihr habt das große Glück, demokratisch aufgewachsen zu sein, in einem demokratischen Staat. Und den Menschen zu vermitteln, dass sie auf der einen Seite wirklich glücklich sein können und gleichzeitig die Demokratie mit all ihren Negativerscheinungen zu sehen, ist nicht so einfach.

Eine junge Frau und im Vordergrund verschwommen das Profil eines älteren Mannes

Rahel Müßel und Keith Stuart

Gehst du noch demonstrieren, Keith?

Keith: Ich habe jetzt ein sehr faules Jahr hinter mir, alters­bedingt. Wenn ich das mal als Entschuldigung nehmen kann. Es gibt diesen Ausdruck, den ich nicht liebe, aber er passt: der innere Schweinehund. Ich brauche viel Bewegung, und das habe ich wetterbedingt nicht gemacht, sodass ich mehr gelesen habe. Und den Haushalt habe ich auch noch zu machen.

Machst du dir über die Umwelt viele Gedanken?

Keith: Öko, Vegetarier, vegan – all das sind Gedanken, die mich jeden Tag beschäftigen. Ich versuche dementsprechend zu leben, allein, um mir selbst treu zu bleiben. Ich habe Hunderttausende von Kilometern im Auto zurückgelegt und habe natürlich einen ganz eigenen Essensstil gehabt: Abends zwischen acht und halb neun gab es ein Steak, Gemüse, Kartoffeln, ein Bier und das war’s. Davon habe ich gelebt, das war so meine Diät. Heute habe ich meine Ernährung umgestellt.

Rahel, bist du Vegetarierin?

Rahel: Nein.

Keith: Man muss ja nicht popeliger sein als der Papst.

Rahel, was haben die Älteren falsch gemacht?

Rahel: Ich glaube, dass man früher einfach alles benutzt hat, ohne sich groß Gedanken darüber zu machen, was damit passiert – angefangen bei Plastiktüten. Keiner dachte daran, dass das einmal gefährlich werden würde für die Welt. Nicht, dass das boshaft gewesen wäre und ihr dachtet, hurra, jetzt mache ich die Welt kaputt. Ich glaube einfach, es hat sich niemand Gedanken darüber gemacht. Wir haben zu Hause schon immer Müll getrennt. Aber meine Freundinnen fragen mich jetzt manchmal noch, welcher Beutel nochmal für Plastik gedacht ist. Ich finde es schon krass, dass sie nicht mal das wissen und ich ihnen das erklären muss.

Keith: Ich frage mich, wie man jungen Menschen Amnesty ebenso näherbringen kann. Was ist die Aufgabe von Amnesty? Ich weiß nicht, wie man das rüberbringt.

Rahel: Für mich ist Amnesty eine Organisation, die Menschen hilft, dass sie die Möglichkeit haben, ein schönes Leben zu leben – egal, wo sie herkommen. Dass sie ihre Rechte wahrnehmen können, das ist für mich Amnesty. Ich finde nicht, dass ­Amnesty das Klima linksliegen lässt. Man merkt schon, dass Amnesty das Klima nicht egal ist – zum Beispiel daran, dass es bei den Jahrestreffen nur noch veganes Essen geben soll. Aber ich finde, als Organisation hat Amnesty mit Klima nicht wirklich ­etwas zu tun.

Keith: Wir sollten uns um die Menschen kümmern, die in Gefängnissen sitzen, wo sie nicht sitzen sollten. Wir sollten uns die Staatsmänner angucken, die jeden Tag Menschenrechtsverbrechen begehen. Damit sollten wir uns in erster Linie befassen, und das tun wir auch. Die Klimasache ist eine politische, ganz klar. Unsere Politiker haben über Jahrzehnte versagt. Und jetzt kommt Greta Thunberg, und auf einmal wissen alle, dass Klima ein Thema ist. Aber das kann es doch nicht sein. Unsere Aufgabe bei Amnesty ist es, den Menschen zu helfen, die heute in Gefängnissen sitzen.

Keith holt einen alten Amnesty-Report aus dem Regal und zeigt ihn Rahel.

Keith: Diese ersten Seiten zeigen alles. Guck mal, keiner weiß heute mehr, wo Lesotho ist, außer vielleicht Entwicklungsminister Gerd Müller. Und im Amnesty-Report kannst du jede Seite stundenlang diskutieren, sehen, was in diesen Ländern alles gegen Menschen gemacht wird, gegen Künstler, gegen Politiker, gegen religiöse Vereinigungen und so weiter, das steht da ­alles drin.

Wenn du sagst, alle haben lange nichts für das Klima gemacht, Rahel, hast du dann auch das Gefühl, man sollte mehr für Flüchtlinge tun?

Rahel: Das ist sehr wichtig. Aber ich setze mich mehr für das Klima ein. Weil ich denke, da gibt es sehr viel mehr Möglichkeiten, etwas zu machen. Es gibt viele Demos, und es ist leicht für mich, da hinzugehen. Ich habe nicht mitbekommen, dass es für Flüchtlinge so viele Demos gibt, zumindest nicht in Hannover.

Keith: Ich bin in Frankreich stationiert gewesen, in Holland. Und überall gab es das Verlangen von Menschen, Frieden zu haben, in Ruhe leben zu können, demokratisch zu handeln. Und es gab nach dem Ersten Weltkrieg schon die Vorstellung eines vereinten Europas. Wir hatten uns genug bekriegt. Aber ich konnte persönlich nichts machen. Bei Amnesty kann man etwas tun, wenigstens etwas. Und wenn wir nur für jemanden im Gefängnis eine Petition unterschreiben, um Mut zu machen. Ich frage mich, wie man jungen Menschen Amnesty schmackhaft machen kann.

Rahel: Ich glaube, so wie man zeigt, welche Folgen der Klimawandel hat, wie viel Plastik im Meer ist und wie viel wir verbrauchen, muss man auch zeigen, wie es den Menschen geht. Mir ist es wichtig, dass es den Menschen gut geht und dass sie aus den Gefängnissen rauskommen und Hoffnung haben.

Funktioniert das allein mit Informationen und Fakten?

Rahel: Mir persönlich würde es das schmackhaft machen, ja. Und es gibt mit Greta Thunberg einfach eine Person, die viele Menschen wachgerüttelt hat. Jemand, der im Internet eine richtig große Reichweite hat – wenn so jemand die Menschen ansprechen würde, würden sich viel mehr damit auseinandersetzen. Menschen, denen viele folgen und die sagen, ich engagiere mich für die Menschenrechte, können für andere ein Vorbild werden.

Du denkst wieder an eine Influencerin?

Rahel: Ja, weil sich viele junge Menschen in den sozialen ­Medien aufhalten. Wenn ich irgendwo etwas gesehen habe, das ich toll finde, schicke ich es an meine Freundinnen und Freunde, und die leiten es weiter. So vernetzen wir uns stärker als ­früher durch die Weitergabe von Zeitungsartikeln.

Keith, macht dir Fridays for Future Hoffnung?

Keith: Sehr. Ich habe im Fernsehen gesehen, wie Greta Thunberg anfing zu demonstrieren. Das hat mich bewegt: Ein 16-jähriges Mädchen ist imstande, die Welt aufzurütteln! Auf demselben Wege würde ich mir wünschen, dass Amnesty junge Menschen so sehr begeistern kann, dass sie auf die Straße gehen und sagen: Alle Menschenrechtsverletzungen müssen geahndet werden.

Keith Stuart wurde im Januar 1925 in Berlin geboren und lebt in Peine. Als Flüchtling kam er 1939 nach England trat dort in die britische Armee ein. So kam es, dass er 1945 bei der Befreiung des KZ Bergen-Belsens dabei war. Heute veranstaltet er Amnesty-Treffen in seinem Wohnzimmer.

Rahel Müßel wurde im Dezember 2003 in Burgdorf geboren. Sie besucht die Waldorfschule am Maschsee und lebt in Hannover. Dort nimmt sie mit ihren Freundinnen und Freunden regelmäßig an Fridays-for-Future-Demonstrationen teil. Sie geht auch zu den jährlichen Jugend@Amnesty-Treffen.

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