Amnesty Journal Deutschland 04. Juni 2018

Schwule Pässe gibt es nicht

Der Körper eines joggenden Fußballspielers mit einer Regenbogenbinde am Arm

Farbe bekennen. Julian Draxler beim Freundschaftsspiel der deutschen gegen die dänische Nationalmannschaft in Kopenhagen, Juni 2017.

Bis sich im Fußball eine wirklich diverse Kultur durchsetzt, wird es allen Fortschritten zum Trotz noch dauern, schreibt die Geschäftsführerin der Lesbenzeitschrift L-Mag, Gudrun Fertig

Der Ball rollt. Die Stimmung ist friedlich. Von sexistischen, rassistischen oder homophoben Sprüchen auf den Rängen keine Spur. So schön kann Fußball sein. Keine Pyrotechnik, keine Schlägereien, die Spielerinnen können ungestört dribbeln, passen und flanken. Dieses entspannte Bild bietet sich jedes Wochenende in der Frauenbundesliga. Auch schön, wenn auch etwas traurig: Tickets sind noch kurz vor Anpfiff zu bekommen, weil maximal ein- bis zweitausend Zuschauerinnen und Zuschauer ins Stadion kommen.

Im "richtigen" Fußball bietet sich dagegen oft ein ganz anderes Bild: Prügelnde Fans, ein riesiges Polizeiaufgebot, Affenlaute von den Tribünen, Hitlergruß oder Schmähungen des Gegners als "schwul" sind keine Einzelfälle. Sobald Männer gegen den Ball treten, scheinen die Dämme zu brechen. Das Stadion dient dann als Refugium für ein Konstrukt von Männlichkeit, das auf der Abwertung anderer basiert. Diese Art Männlichkeit muss stets bewiesen werden, oft mithilfe diskriminierender ­Rituale. Schwulsein kommt dabei nur als Beschimpfung vor. Dennoch bekommt der "richtige" Fußball viel mehr Aufmerksamkeit, Geld und Anerkennung, als dies für den Frauenfußball auch nur denkbar wäre. Den Gipfel des Ruhms und der Wichtigkeit stellt die Männer-Nationalelf dar, offiziell nur noch "Die Mannschaft" genannt. Sie vertritt das Land bei Weltmeisterschaften und stürzt es entweder in tiefe Depressionen oder löst eine Massenhysterie aus. Eine schwule Mannschaft, ein quasi schwules Land also, genauso enthusiastisch zu feiern, ist immer noch unvorstellbar.

In Russland gilt ein Gesetz, das "Propaganda für Homosexualität" unter Strafe stellt, dabei kann es bereits strafbar sein, positiv über Homosexuelle zu sprechen. Dass bei dieser WM offizielle oder inoffizielle Aktionen gegen Homophobie im Männerfußball stattfinden, ist damit so gut wie ausgeschlossen. Schwul-lesbische Fangruppen werden zweimal darüber nachdenken, ob sie im Stadion sichtbar sein wollen. Das ist auch für die rückwärtsgewandten, machistischen Seilschaften von Fifa & Co, sehr beruhigend.

Schwule im Männerfußball voll zu akzeptieren, hieße, bisherige Vorstellungen darüber, wie Männer, wie Schwule und wie Frauen zu sein haben, über Bord zu werfen. In einzelnen Bundesligavereinen gibt es bereits gute Ansätze, um den Fußball moderner und für neue Zielgruppen attraktiv zu machen. Außerdem gibt es zahlreiche schwul-lesbische Fangruppen, die offiziell von den Vereinen anerkannt sind. 2013 veröffentlichte der Deutsche Fußball-Bund die Broschüre "Fußball und Homosexualität", und Thomas Hitzlsperger ist als schwuler Ex-Profi seit 2017 für den DFB als Botschafter für Vielfalt im Einsatz. Doch der Teamgeist, das, was Männerteams verkörpern, wofür sie stehen, schließt schwule Fußballer nach wie vor aus. Nicht nur in den oberen Ligen. Zusammenhalten, ein Team bilden, sich nahe kommen, auch bei unterschiedlicher sexueller Orientierung, ist immer noch sehr schwer. Das gilt weltweit. Wie sonst wäre es zu erklären, dass schwule Fußballer nicht einmal innerhalb ihrer Teams offen auftreten und sich stattdessen teilweise ein absurdes heterosexuelles Doppelleben zulegen?

Aber nichts bleibt, wie es ist. Fußball ist nicht mehr unumstritten die beliebteste Sportart bei Jungs. Das könnte eine Chance für den Männerfußball sein. Die Last, als populärste Männersportart überkommene Männerbilder immer wieder zelebrieren zu müssen, könnte wegfallen. Jungs sollten von klein auf ­lernen, dass es auch schwule Mitspieler gibt. Vereine, Eltern und alle anderen, die darauf Einfluss haben, müssen mitziehen und eine offene Kultur pflegen. Doch diese oft sehr kleinteiligen Strukturen ändern sich nur langsam, auch hier gibt es noch viele Berührungsängste mit dem Thema Homosexualität. Es wird also noch dauern, bis der Männerfußball, der aus kleinen Jungs "richtige" Männer macht, sich in dieser Hinsicht neu erfindet.

Auch im Frauenfußball ist übrigens nicht alles gut. Viele lesbische Frauen haben sich diese Sportart zu eigen gemacht, als heterosexuelle Frauen davor zurückschreckten, diese Männer­domäne zu erobern. Besonders in Ländern, in denen Lesbischsein ein Tabu ist oder Lesben verfolgt werden, ist Fußball für viele ein Freiraum, in dem sie aus vorgegebenen Rollen ausbrechen können. Lesbischsein ist dabei aber natürlich kein offenes Thema. In Deutschland treten lesbische Spielerinnen im Verein oft selbstverständlich offen auf. Auch unter den Fans sind viele lesbische Frauen, die entspannte Atmosphäre im Stadion hat auch damit zu tun.

Doch öffentlich sollten lesbische Spielerinnen nicht zu sichtbar sein. Denn davor scheut auch der sonst so bemüht modern auftretende DFB zurück. Mit ein paar schwulen Fußballern im Männerfußball, so glaubt man inzwischen, komme man in Zukunft schon klar. Aber wie soll man mit den vielen lesbischen Spielerinnen in einer Sportart umgehen, die es schon schwer genug hat, neben dem dominanten Männerfußball zu bestehen? Man möchte Frauen im Fußball unterstützen – die Zahl der Fußball spielenden Mädchen wächst – und trifft doch immer wieder auf zahlreiche Lesben. Dies ist zwar an sich kein Widerspruch, passt aber nicht in ein schlichtes heterosexuelles Mann-Frau-Schema. Zudem sind lesbische Frauen schwer zu vermarkten und taugen nur bedingt als Vorbilder für ein neues erfolgreiches Sport- und Eventsegment. Bis die Fußballwelt eine wirklich offene diverse Kultur pflegt, wird es noch dauern.

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