Amnesty Journal Deutschland 12. November 2020

Flucht aus Europa

Eine Frau, ein Mädchen und ein Mann stehen in schmutziger Kleidung abgekämpft vor einem Stacheldrahtzaun.

Auf der Flucht: Der Film "Aufbruch ins Ungewisse" mit Maria Simon, Athena Strates und Fabian Busch hat den Sonderpreis von Amnesty International beim Marler Medienpreis Menschenrechte 2020 gewonnen.

Der ARD-Film "Aufbruch ins Ungewisse" hat den Sonderpreis von Amnesty International beim Marler Medienpreis Menschenrechte 2020 gewonnen.

Von Jürgen Kiontke

Als Anwalt hat sich Jan Schneider (Fabian Busch) richtig reingehängt für seine Mandanten. Er musste deswegen ins Gefängnis, nachdem er denunziert wurde. Denn das Deutschland Ende der 2020er Jahre, in dem er mit seiner Frau Sarah (Maria Simon) und den beiden Kindern Nora (Athena Strates) und Nick (Ben Gertz) lebt, ist keine Demokratie mehr, sondern eine totalitäre Diktatur, in der Andersdenkende und -lebende verfolgt werden.

Und nicht nur das: Die gesamte Europäische Union ist auseinandergebrochen; in vielen Ländern sind rechte Populisten an der Macht, auf den Straßen herrscht Gewalt. Jan überzeugt seine Frau und seine Kinder, zu fliehen. Südafrika, seit geraumer Zeit ein Ort politischer Stabilität, ist das Ziel. Die Familie macht sich auf nach Hamburg, um bei Nacht und Nebel das Land zu verlassen.

Abschiebung von Europäern

Bald teilen sie das Schicksal vieler europäischer Flüchtlinge; deren Erlebnisse nicht von ungefähr jenen ähneln, die Migranten heute auf ihrem Weg in europäische Länder machen: Sie sind auf Schlepperdienste angewiesen, verunglücken mit unsicheren Booten und landen am Ende noch am falschen Strand. Im Fall von Jan und seiner Familie ist es der von Namibia, wo sie auf keinen Fall hin wollten: Denn das Land gilt als sicherer Drittstaat und schiebt Geflüchtete in ihre Heimatländer ab. Am schlimmsten ist jedoch, dass sie Nick verlieren. Völlig zerrüttet landet die restliche Familie über Umwege in einem südafrikanischen Flüchtlingslager.

"Aufbruch ins Ungewisse" ist eine Betrachtung heutiger Migrationsbewegungen aus einer anderen Perspektive, mit anderen Protagonisten. Mit diesem Ansatz hat der Film den diesjährigen Sonderpreis von Amnesty International beim Marler Medienpreis Menschenrechte gewonnen, der für Beiträge vergeben wird, die in außergewöhnlicher Weise das Thema Menschenrechte behandeln. Der vom Publikum "kontrovers aufgenommene Film" wolle dem Zuschauer emotionale Identifikationsmöglichkeiten vermitteln, befand die Jury.

Bayerischer Dialekt im Camp

Diese Einschätzung kommt nicht von ungefähr. Die Erzählung konzentriert sich stark auf die drei Familienmitglieder und ihre Spannungen untereinander. Eine so dramatische Krise wie die unfreiwillige Flucht um den halben Erdball, den Verlust des Sohnes und Bruders haben die drei noch nicht erlebt. Insbesondere der jungen Nora widmet der Film viel Aufmerksamkeit. Mit anderen Jugendlichen im Camp bricht sie nachts aus und veranstaltet Partys. Mit ihren Eltern liegt sie bald über Kreuz, weil die "ihr das Leben in Deutschland gestohlen haben", da der Vater "ja immer helfen musste". Mutter Sarah wiederum macht ihren Mann für den Tod des Sohnes verantwortlich, da er die Familie zur Flucht gedrängt hatte.

Zudem gibt es unter den Camp-Bewohnern schwere Differenzen, und es ist nicht ohne Komik, in diesem Setting Dialoge in bayerischem Dialekt zu hören. Daneben lernt man die Bürokratie kennen, die sich gar nicht mal so übel präsentiert und dennoch immer Bürokratie bleibt; eine Zwiespältigkeit, die man durchaus noch mehr hätte unterstreichen können: Der Helfer kann auch ein Mörder sein, der Dieb ein sorgender Familienvater.

Vielschichtig, uneindeutig, facettenreich

Gewalterfahrungen dominieren die Gespräche insbesondere der Frauen in den Unterkünften. So wurde etwa Carolin (Sabine Palfi) unterwegs vergewaltigt, jetzt ist sie schwanger und weiß nicht, wie es weitergehen soll. Die Zukunft ist höchst ungewiss in diesem Film. Das gilt auch für die Hauptfiguren: Familie Schneider wird eine überraschend ruppige wie absurde Lösung für ihre Situation finden.

Insbesondere von rechter Seite wurde dem Film einseitige Stimmungsmache und Parteinahme für Geflüchtete vorgeworfen. Genauso gut könnte man ihm einen eurozentrischen Blick attestieren. Für beides ist der Film jedoch viel zu vielschichtig, die Geschichte zu uneindeutig und zu facettenreich.

"Aufbruch ins Ungewisse" ist ein Film, der die vielen Nebenhandlungen der unfreiwilligen Migration zeigt, manchmal ohne sie in den Haupterzählstrang einzubetten. Aber genau das ist seine Stärke und macht ihn extrem kurzweilig.

Jürgen Kiontke ist freier Autor, Journalist und Filmkritiker. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International oder der Redaktion wieder.

"Aufbruch ins Ungewisse". D/SA 2017. Regie: Kai Wessel, Darsteller: Fabian Busch, Maria Simon u. a

MARLER MEDIENPREIS MENSCHENRECHTE

DER PREIS

Mit dem Marler Medienpreis Menschenrechte werden Medienschaffende gewürdigt, die sich in ihrer Arbeit mit dem Themenfeld Menschenrechte befassen. Der Preis wird seit 2001 von Amnesty International vergeben. Ausgezeichnet werden Beiträge in den Sparten Magazin Inland, Magazin Ausland sowie Dokumentation Inland und Dokumentation Ausland. Zusätzlich werden Ehren- und Sonderpreise vergeben.

DIE PREISTRÄGER 2020

2020 ging der Ehrenpreis an die Journalistin Dunja Hayali. Der Sonderpreis wurde für den Beitrag "Aufbruch ins Ungewisse" (WDR) vergeben. Ausgezeichnet wurden außerdem die Dokumentationen "Kriegsverbrecher in Deutschland – Jagd auf Assads Schergen" (MDR) und "Das Wunder von Nairobi" (ZDF, Arte) sowie die Reportagen "Hilflos, obdachlos, chancenlos. Das Elend der Flüchtlinge in Italien" (Monitor, WDR) und "China Cables. Kommunistische Partei geht gegen Muslime vor" (Weltspiegel, NDR, BR).

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