Amnesty Journal Deutschland 22. Mai 2018

"Die Gesellschaft darf niemanden verloren geben"

Ein Mann blickt in die Kamera

Schließt niemanden aus: Michael Gabriel, Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte

In Deutschland gibt es 59 Fanprojekte, die über das Thema der Fußballfankultur mit Jugendlichen in Kontakt treten und sie betreuen. Auch Jugendliche mit rechter Gesinnung werden davon nicht ausgeschlossen. Michael Gabriel, Leiter der Koordinationsstelle Fanprojekte, erklärt, warum das Konzept Erfolg verspricht.

Interview: Hannah El-Hitami, Natalia Bronny

Herr Gabriel, 1981 wurde in Deutschland das erste Fanprojekt gegründet, doch erst in den 90er Jahren gelang dem sozialpädagogischen Konzept der Durchbruch. Warum?

Fanprojekte sind Projekte der örtlichen Jugendhilfe. In den 1990er Jahren war der Fußball geprägt von gewalttätigen Gruppen. Viele Fans und Hooligans haben sich im Stadion rechtsextrem verhalten und geäußert. Fans, die für eine offene und vielfältige Fankultur standen, waren marginalisiert. Ausschließlich polizeiliche Antworten haben jedoch dazu geführt, dass sich die Probleme verschärft und verlagert haben. Deutschland hat dann als einziges europäisches Land einen anderen Weg gewählt und die Fanprojekte gefördert. Sie arbeiten mit den jungen Menschen in den Fankurven zusammen, um langfristig die Situation zu verbessern.

Wie sieht diese Zusammenarbeit aus?

Die Grundlage ist eine belastbare Beziehung zur Szene - zu einzelnen Jugendlichen und zu Gruppen. Die wird über Jahre hinweg aufgebaut, indem die Kolleginnen und Kollegen an ihrer Lebenswelt teilnehmen. Sie gehen überall dorthin, wo Fußballfankultur sich konstituiert. Sie sind in den Kurven bei den Heim- und Auswärtsspielen, fahren in den Bussen und Zügen mit – wenn sie dürfen, weil alles auf Freiwilligkeit beruht. Wenn Freiburg in Hamburg spielt, können das schnell 15 Stunden im Zug werden, ohne dass man einfach Feierabend machen kann. Das ist eine sehr intensive und herausfordernde Arbeit. So wird versucht eine Beziehung herzustellen, die auch eine kritische Intervention von Seiten der Fanprojekte übersteht. Dafür müssen die jungen Menschen uns vertrauen, dass wir ihre Interessen im Blick haben und dass wir keine "Agenten" der Polizei, der Vereine oder der Innenpolitik sind.

Was kann man mit so einer Beziehung dann anfangen?

Wenn es diese belastbare Beziehung gibt, ist das die Chance, mit den jungen Menschen an der Bewältigung von möglicherweise problematischen individuellen Lebenssituationen zu arbeiten, und für die Gruppenarbeit ist das die Basis mit Fans gemeinsam Initiativen zu starten: Bildungsprojekte, Lesungen, Stadionfeste, Flüchtlingscafés etc.

Viele Vereine unterstützen die Kampagne "Nazis raus aus den Stadien". Müssen Nazis auch aus den Fanprojekten raus?

Grundsätzlich schließen die Fanprojekte niemanden aus. Wenn ein junger Mensch zu uns kommt, dann besteht unsere Verantwortung darin, mit ihm in Kontakt zu treten und nicht ihn rauszuschmeißen. „Nazis raus“ löst ja erst einmal noch nichts, die Menschen sind ja immer noch da. Die Fanprojekte versuchen, Jugendliche an die Fankultur zu binden, damit sie sich besser gegen das Werben rechter Gruppen wehren können. Wir sind überzeugt, dass junge Menschen immer eine Chance verdient haben, sich zu ändern. Dass man nicht sofort verurteilt wird und jemand sich für einen wirklich interessiert, ist eine Erfahrung, die manche Jugendliche vielleicht noch nicht oft gemacht haben und eine Chance ihr Verhalten zu ändern

Oft wird den Fanprojekten vorgeworfen, dass sie zu viel verharmlosen und akzeptieren. Lasst ihr wirklich alles durchgehen?

Natürlich nicht. Es ist eine große pädagogische Herausforderung, an den richtigen Stellen Grenzen zu ziehen. Kein Fanprojekt wird mit jungen Menschen mit einem verhärteten rechtsextremistischen Weltbild arbeiten.. Aber wenn es einen Zugang gibt, dann haben wir die Erfahrung gemacht, dass der Kontakt zu Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeitern rechtsaffinen Jugendlichen eine Chance bietet, aus rechten Strukturen rauszukommen.

Die akzeptierende Sozialarbeit steht heute stark in der Kritik. In einigen sozialen Projekten, wo sie in den 90ern angewandt wurde, sollen sich sogar die Grundpfeiler des NSU gebildet haben. Wie gehen Fanprojekte mit dieser Kritik um?

Die Grundidee, die hinter dem Ansatz steht, ist ja nicht schlecht. Die Gesellschaft darf niemanden verloren geben, vor allem keine jungen Menschen. Wenn eine Bereitschaft von Jugendlichen besteht, mit uns in Kontakt zu treten, dann sollten wir unbedingt versuchen, das zu nutzen, weil es eine Chance darstellt. Es ist niemandem geholfen, wenn diese Jugendlichen in militante Gruppen abrutschen. Dort, wo dieser Ansatz fehlgeschlagen ist, - häufig in den neuen Bundesländern – hatte das vielfältige Ursachen. Rechte Gruppen wurden unterschätzt, Sozialarbeiterinnen und -arbeiter waren auf sich allein gestellt und überfordert. Kein Fanprojekt verfolgt heute das Konzept der akzeptierenden Sozialarbeit. Vielmehr unterstützen die Fanprojekte überall Fans und Faninitiativen, die sich für eine positive Fankultur und gegen alle Formen der Diskriminierung wenden.

Wie genau geht man mit rechtsorientierten Jugendlichen um?

Indem man ihnen zuerst einmal zuhört und sich für die Person interessiert. Ein praktisches Beispiel: Manchmal kommen auch Leute aus der rechtsaffinen Szene zu Fanprojekten und bitten um Unterstützung, wenn es um Stadionverbote geht. Mit dieser Kontaktaufnahme kann unter Umständen pädagogisch weiter gearbeitet werden. Natürlich haben auch solche Fans das Recht auf eine gerechte Behandlung, dass sie  angehört werden und ihre Version des angeblichen Vorfalls schildern können, damit der Verein nicht nur die Version der Polizei hört. Ich bin überzeugt davon, dass demokratische Rechte für alle gelten. Wenn das Stadionverbot nicht gerechtfertigt ist, dann hat das Fanprojekt die Aufgabe, dafür zu sorgen, dass diese Person gerecht behandelt wird. Wenn so jemand erfährt, dass er zu einem Fanprojekt gehen kann, das zwar seine Haltung ablehnt aber nicht ihn als Person ablehnt, dann ist das eine Möglichkeit, das Vertrauen zu gewinnen.

Woran sieht man Erfolge?

Es gibt in den Fankurven heute unglaublich viele Menschen, die sich für Vielfalt und gegen Rechtsextremismus engagieren. Natürlich gibt es das Problem trotzdem noch. Aber man wird heute mit ganz wenigen Ausnahmen kaum noch laute, von großen Gruppen getragene Sprechchöre hören, die rassistisch sind. Fans engagieren sich in der Erinnerungsarbeit oder in der Integration von geflüchteten Menschen. Auch das Thema Sexismus und Homophobie wird immer offensiver angesprochen. Es ist auch gelungen, das Umfeld in die Verantwortung miteinzubeziehen. Früher haben die Vereine und die Fußballverbände immer gesagt, das ist kein Problem des Fußballs, sondern der Gesellschaft, wir sind nur Opfer. Aber seit vielen Jahren stellen sich DFB und DFL der Verantwortung und unterstützen Fans in ihrem Engagement gegen rechts. Ich gehe sogar so weit zu sagen, dass das was in der Fußballfankultur passiert ist, Vorbild für andere gesellschaftliche Bereiche sein könnte. Wir haben in der Fanszene so viele junge Leute, die sich sozial engagieren, die gesellschaftskritisch und solidarisch sind. Das sind alles Attribute, die an anderen Orten kaum noch so gelebt werden.

Warum erreicht man Jugendliche besonders gut über Fußball?

Oft wird nicht gesehen, wie viel diese jungen Menschen in ihren Verein investieren, Zeit, Zuneigung, finanzielle Mittel, teilweise große Teile ihres Lebens. Fans haben – zu Recht – die Erwartung, dass sie dafür etwas zurückbekommen: Anerkennung, Wertschätzung, Unterstützung. Stattdessen haben die Vereine das Engagement lange für selbstverständlich genommen und beim ersten negativen Vorfall alle Fußballfans über einen Kamm geschert. Das hat zu einer Abwendung  vom Verein geführt. Seit einigen Jahren haben die Vereine ihre Arbeit enorm  verbessert. Dennoch wird diese Distanz aktuell durch die immense Kommerzialisierung noch befeuert. Neben dieser Konfliktlage kommt noch das extrem negative Verhältnis zwischen Fans und Polizei hinzu, was uns bei den Fanprojekten sehr große Sorgen macht. In so einem Geflecht von einerseits massiven wirtschaftlichen Interessen und andererseits großen Sicherheitsinteressen, sind Menschen wichtig, die sich an die Jugendlichen wenden, sich für sie interessieren, für sie als Person – und das auch aufrecht erhalten, wenn die Jugendlichen mal ein Problem verursacht haben. Das ist eine Erfahrung, die junge Menschen sonst selten machen. Das ist die Chance und auch die Verantwortung, die Fanprojekte in diesem Kontext haben.

 

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