Amnesty Journal Deutschland 04. Juni 2018

"Da muss man mal draufhalten!"

Ein Mann sitzt an einem Tisch und blickt in die Kamera

Aufforderung zum Kampf. Kettcar-Sänger Marcus Wiebusch textet gegen Homophobie und Rassismus.

Der Kettcar-Sänger Marcus Wiebusch thematisiert in seinen Liedern Rassismus und Homophobie im Fußball. Ein Gespräch über Haltung im Sport – und musikalisches Engagement auf dem neuen Kettcar-Album "Ich vs. Wir".

Interview: Markus Bickel

Im Refrain Ihres Songs "Mannschaftsaufstellung" sagt eine Frau zu ­ihrem fußballbegeisterten Mann, "Liebling, ich bin ­gegen Deutschland". Wer ist diese Frau?

Ich habe sie mir so vorgestellt, dass sie durch den Spielbericht des Radiomoderators selbst erlebt, mit welch brutalen ­Mitteln die Nazischläger, Rechtspopulisten und rechten Internet-Trolle vorgehen. Über die Fußballmetapher kommt sie zu dem Schluss, dass ein Deutschland mit solchen Spielern nicht gewinnen darf – dieses unmenschliche, aggressive, rechtspo­pulistische Deutschland. Und deshalb stellt sie sich gegen die Nationalmannschaft. Der Song ist natürlich eingebettet in ein ganzes ­Album, in dem wir immer wieder zeigen, dass man gegen diese Tendenzen angehen kann. Wenn man so will, ist es eine Aufforderung zum Kampf.

Der Song ist hart und aggressiv – so wie die "Doppelsechs, die alles Fremde ins Abseits stellt" oder der Spieler, "der mit Gewalt die Kameras zu Boden schlägt", wie es in einer Zeile heißt.

Ich sage nicht, dass man, wenn man einen Nazi sieht, genauso hart zurückschlagen muss – auch wenn ich das gut nachvollziehen kann, gerade aufgrund meiner Erfahrungen aus den 1990er Jahren. Und ich rede nicht nur von den offensichtlichen Nazis, sondern auch von Verschwörungstheoretikern und jenen, die mit Sätzen wie "Das wird man doch noch sagen dürfen" den politischen Diskurs nach rechts verschieben wollen. Da muss man klar Stellung beziehen, so lässt sich kein Miteinander ­organisieren.

Welche Rolle spielt die "schweigende Mehrheit als zwölfter Mann", von der Sie auch singen?

Wenn am Küchentisch die Diskussion losgeht, und einer kommt dann mit seinen rechtspopulistischen Phrasen, reicht es nicht zu sagen: "Onkel Fritz labert wieder." Da muss man deutlich widersprechen, um eben nicht zur "schweigenden Mehrheit" zu gehören.

Das heißt, frühes Pressing ist angesagt?

Um in der Fußballanalogie zu bleiben: Ja, da muss man mal draufhalten. Dabei geht es gar nicht hochtrabend um ein anti­faschistisches Bollwerk, sondern darum, Haltung zu zeigen. Ich glaube, dass es genug Menschen in diesem Land gibt, die für ein empathisches Miteinander stehen und die den Hetzern den Wind aus den Segeln nehmen können. Indem man sie der Hoffnung beraubt, mit ihrem Gerede so lange durchzukommen, bis alle in diesem Land davon überzeugt sind. So weit wird es nicht kommen, aber sehr genau aufpassen sollten wir schon.

Vom Drive her hat der Song etwas von einem WM-Hit – so wie "’54, ’74, ’90, 2006" von Sportfreunde Stiller.

Wir haben den Song eigens so angelegt, dass er genau das nicht wird. Aber wir waren, sind und bleiben eine Popband, ­sodass er sicherlich mitreißende Motive mitbringt. Ich kenne allerdings nur wenige gute WM-Songs und finde es überhaupt schwierig, Lieder auf so ein Großereignis hin zu schreiben.

Wegen der wenig massenkompatiblen Inhalte des Songs, der den deutschen Nationalismus anprangert?

Der Song würde immer im Rahmen des WM-Spektakels instrumentalisiert werden. Das, was der Song eigentlich thematisiert, würde nicht durchkommen. Und – wie gesagt – Fußball ist in dem Song nur die Metapher.

In "Der Tag wird kommen" thematisieren Sie Homophobie im Fußball. Auch die Affenlaute und die Bananen, mit denen dunkelhäutige Spieler noch vor zwanzig Jahren konfrontiert waren, kommen in dem Song vor.

Die Zeile bezieht sich ganz eindeutig auf den Rassismus, den ich im HSV-Stadion in den 1980er Jahren erlebt habe, als Souleymane Sané von Wattenscheid 09 bei jeder Ballberührung mit Affenlauten beschimpft wurde. Als ich sah, wie Zuschauer mit Bananen ins Stadion kamen, habe ich es nicht glauben wollen, mich dann vom HSV distanziert, ehe ich kurze Zeit später zum St.-Pauli-Fan wurde. Solche Szenen habe ich in den letzten 20 Jahren nicht mehr erlebt – auch wenn es jüngst Entwicklungen mit Kevin Prince Boateng gab, die zeigen, dass es wieder losgehen kann. Das ist Irrsinn, dass man diese Errungenschaft wieder aufgeben könnte.

Beim Kampf gegen Homophobie hinkt die deutsche Bundes­liga der ­positiven Entwicklung gegen Rassismus noch hinterher?

Die Fortschritte im Kampf gegen Rassismus zeigen, dass es auch auf anderen Ebenen vorwärts gehen kann – bei der sexuellen Orientierung etwa. Auf diesem Fortschrittsglauben basiert "Der Tag wird kommen": dass wir nicht länger Höhlenmenschen sind, dass wir keine Keulen mehr schwingen und homophobe Idioten bleiben.

"Geschichte ist Fortschritt, im Bewusstsein der Freiheit", heißt es in einer Zeile.

Das Zitat stammt von Hegel. Für mich heißt links sein, ­progressiv zu denken, die Welt stetig zu verbessern und nicht ­reaktionär das Alte zu bewahren. Wir können diese Gesellschaft besser machen – und da setzt der Song an, indem er fordert, dass Homosexuelle im Fußball eben nicht länger ausgegrenzt werden sollen.

Bei Vereinen wie St. Pauli, Babelsberg 03 oder dem SC Freiburg rennt man damit offene Türen ein.

Das stimmt, in meinem eigenen Stadionumfeld habe ich das selbst nicht erlebt. Ich weiß aber von anderen, dass es diese Sprüche gab, "schwule Sau" etwa. Aber was den St. Pauli ausmacht, ist eben, dass dann sofort interveniert wird mit Sätzen wie: Hey, so reden wir hier nicht. Rechte würden dieses Korrektiv als "politische Correctness" abtun. Ich hingegen sage, dass das eine Form von Anstand ist: Man geht anständig mit Menschen um, und wenn das ein Fehler sein soll, dann sind wir wohl alle, die das auch so sehen, "linksgrün versifft".

Oder ein "Gutmensch" – ein sehr ambivalenter Begriff, der in mehreren Liedern auf "Ich vs. Wir" auftaucht.

Das Wort kommt ursprünglich aus linken Zusammenhängen und wandte sich in den 1980er Jahren gegen diese selbst­beweihräuchernde Hippiementalität mancher Zirkel. Zu meiner Punkzeit habe ich reihenweise Songs über solche Leute geschrieben, weil ich nicht ertragen konnte, wie sie sich um die großen Zusammenhänge drückten, nur um ihre eigenes Süppchen zu kochen. Aber in Zeiten wie diesen ist der Begriff komplett verbrannt, weil er nur noch von rechts benutzt wird.

Angesichts der autoritären Wende von den USA bis Europa kann man so wählerisch also nicht mehr sein, um neue Bündnisse zu schließen?

Genau. Schließlich ist es nicht selbstverständlich, dass ­Menschen empathisch denken und fühlen, wenn sie sehen, was gerade im Mittelmeer passiert – oder im Dreck vor den Grenzzäunen des Balkans nach Hunderten Kilometern Flucht. Deshalb haben wir mit "Den Revolver entsichern" einen Song geschrieben, in dem wir diese Leute feiern, die noch etwas wollen, die sich engagieren, auch wenn sie vielleicht etwas hippiemäßig unterwegs sind – sei es bei Viva con Agua oder Amnesty International. Sie sind die letzte Bastion gegen den ganzen rechtspopulistischen Irrsinn und diese neoliberalen Ich-ich-ich-Tendenzen in der Gesellschaft.

Marcus Wiebusch ist Gründer und Sänger der Hamburger Band Kettcar. Auf ihrem jüngsten Album, "Ich vs. Wir", positioniert sie sich dezidiert links und wirbt für Empathie ohne Mitleid.

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