Amnesty Journal China 10. Mai 2019

Künstlerkolonie Songzhuang: Fratzen mit Krawatte gegen repressive Politik

Ein Mann steht vor einem Bild mit pinken, verzerrten Köpfen.

Der chinesische Künstler Lv Shan aus Songzhuang bleibt seiner kritischen Kunst treu.

Die Künstlerkolonie nahe Peking war einst eine Hochburg kritischer Intellektueller. Heute wagen es nur noch wenige Künstler, gegen die Politik der Regierung aufzubegehren. 

Aus Peking von Felix Lee

Es scheint einen Zusammenhang zu geben zwischen der Verfolgung von Künstlerinnen und Künstlern in China und ihrer Anerkennung im Westen. Wenn der Staat die kritischen Geister mundtot macht und einsperren lässt, ist auch in Europa und Amerika nicht mehr viel von ihnen zu hören. Seit einigen Jahren geht die kommunistische Führung besonders hart gegen ihre Kritiker vor. Auch gegen viele Künstler. Lv Shang gehört zu den wenigen, die es noch wagen, mit ihrer Kunst Kritik am System zu üben. Doch viel Aufmerksamkeit erfährt er nicht. "Derzeit interessiert sich kaum einer für uns", sagt der Künstler.

Lv sitzt in seinem Atelier in Songzhuang, einem ländlichen Gebiet vor den Toren Pekings. In der Gegend gibt es mehrere Künstlerdörfer. Er lebt mit seiner Frau und seinem achtjährigen Sohn in einem ehemaligen Bauernhaus, das er zu einem Atelier umgebaut hat. Durch die großen, aber nur schlecht isolierten Fenster dringt an diesem kalten Vormittag viel Licht in das Atelier. Hinter ihm ist eines seiner Werke zu sehen: Es zeigt Fratzen mit großen Augen und Mündern in knalligen Farben.

Lv darf seine Bilder nicht ausstellen – nicht einmal in seinem eigenen Atelier. Er hat mehr als hundert Dissidenten porträtiert, darunter viele, die aus politischen Gründen inhaftiert waren oder sind. Mit vielen ist er befreundet. Er bewahrt die Porträts in großen Mappen in einem Nebenraum auf. Anders als seine knalligen Fratzenbilder sind sie in Schwarz-Weiß. Mehrmals hätten die Behörden ihn schon aufgesucht, erzählt er. Er sollte schriftlich versichern, dass er keine derartigen Porträts mehr anfertige. Er hat trotzdem weitergemacht. Die Serie nennt er "Porträts für Menschenrechte in ­China".

Schlecht bestellt um die Menschenrechte

Um die Menschenrechte ist es in der Volksrepublik seit Jahrzehnten schlecht bestellt. Doch seit Xi Jinping 2013 Staats- und Parteichef wurde, gehen die Sicherheitskräfte so scharf gegen Dissidenten, Blogger, Anwälte, Journalisten, Menschenrechtsaktivisten, Uiguren und Tibeter vor wie seit der Niederschlagung der Demokratiebewegung 1989 nicht mehr. Auch kritische Künstler sind betroffen. Viele von ihnen sind abgetaucht, sie trauen sich nicht mehr, sich öffentlich zu äußern.

Nicht so Lv Shang. Der 42-Jährige wollte schon in jungen ­Jahren mit den Mitteln der Kunst auf die Missstände in seinem Land hinweisen. Ihm gehe es um gesellschaftliche Veränderung, sagt er. Er zeigt auf ein Porträt des Bürgerrechtsanwalts Wang Quanzhang, den ein Volksgericht zuletzt zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt hat, dann auf Zhou Shifeng, ebenfalls ein inhaftierter Anwalt.

Auch im Ausland ist das Interesse an kritischer Kunst aus China derzeit gering. Das war schon einmal anders. 1988, ein Jahr vor dem Massaker in der Pekinger Innenstadt, schaute die internationale Filmwelt auf die Volksrepublik. Damals gewann Zhang Yimou mit "Rotes Kornfeld" auf der Berlinale den Goldenen Bären. Im Jahr 2000 erhielt Gao Xingjian den Literaturnobelpreis. In den darauffolgenden Jahren stieg das Interesse an Schriftstellern aus dem Reich der Mitte, 2009 war China Gastland der Frankfurter Buchmesse. Schließlich verlieh das Nobelpreiskomitee in Oslo dem Schriftsteller Liu Xiaobo 2010 den Friedensnobelpreis. Er konnte ihn nie persönlich in Empfang nehmen, denn ein chinesisches Volksgericht hatte ihn wegen "Diffamierung der Regierung" zu elf Jahren Haft verurteilt. Liu starb 2017 in Gefangenschaft an Leberkrebs. Weltweit bekannt wurde nicht zuletzt auch der Künstler Ai Weiwei, der in China in Ungnade fiel und 2015 nach Berlin zog.

Eine Parallele lässt sich bei all diesen Künstlern erkennen: Internationale Beachtung erhielten sie vor allem dann, wenn auch innerhalb der chinesischen Führung ein liberaler Kurs zu erkennen war und die Künstler mehr Freiraum hatten. In den 1980er Jahren hatte China nach mehr als 40 Jahren Isolation den Weg in die Marktwirtschaft eingeschlagen. Zu Beginn des neuen Jahrtausends leitete die Führung nach Jahren des Wirtschaftsbooms politische Reformen ein. Und um 2008 herum, als Peking die Olympischen Spiele austrug und die Regierung ­ihren Bürgern mehr Meinungsfreiheit gestattete, gab es geradezu einen Hype um Kunst und Kultur aus dem Reich der Mitte. Verbunden war damit offenbar stets die Hoffnung auf eine ­Demokratisierung des Riesenreichs. Das Interesse wuchs. Doch mit Xi Jinping als neuem Machthaber kam die Kehrtwende. Die Repressionen halten bis heute an.

Ein Mann mit Anzug hat einen linken, verzerrten Kopf und zeigt die Faust.

Lv Shang kämpft mit chinesischer Pop-Art für die Demokratie in seinem Land.

Wenn Schuppen zu Werkstätten werden

Die Künstlerdörfer von Songzhuang sind Zeugnis dieser liberaleren Phasen. Vor 20 Jahren bestand Songzhuang aus einer Ansammlung Hütten von Bauern, die ihre spärlich bewachsenen Parzellen bearbeiteten. Der Boden rund um Peking ist extrem trocken, natürliche Wasserquellen sind rar. Entsprechend karg waren die Ernten. Es waren Künstler wie Lv Shang oder Ai Weiwei, die die Schuppen der Bauern mieteten, um darin ihre Werkstätten einzurichten. Sie waren die Avantgarde einer sich entwickelnden Künstlerszene: kritisch, mutig, politisch.

Zwischen 2.000 und 10.000 Maler, Bildhauer und andere Künstler leben heute in dem Landkreis. Wie Lv haben viele von ihnen die alten Bauernhäuser zu Ateliers und Werkstätten umgebaut. Es gibt inzwischen große und kleine, luxuriöse und weniger luxuriöse Galerien nebeneinander. 

Songzhuang sei lange Zeit bekannt gewesen für seine »kritischen Geister«, sagt Lv. Doch die Künstlerszene habe sich gewandelt: So gibt es heute Bauern, die das Glück hatten, Künstler beherbergt zu haben, und damit reich und berühmt wurden. Sie haben ihre Höfe zu Galerien umgebaut und vermieten sie nun teuer. Diese Bauern und Künstler schwelgen im Luxus – was sich an den prächtigen Villen und den üppigen Gärten hinter Mauern und Stacheldraht erkennen lässt. Lv zeigt auf gigantische ­Figuren, die vor besonders pompösen Ateliers stehen: Soldaten, Feldarbeiter, galoppierende Pferde, die Heroen mit wehenden Mänteln auf dem Rücken tragen. In Lvs Augen ist das "nationalistische Propaganda". Andere Bauern bedienen den Kunstmarkt inzwischen selbst mit industriellem Kitsch: Billige Bilder, unsauber verarbeitete Keramik und Plastikramsch.

Und dann gibt es Künstler wie Lv. Er gehörte zu jenen, die 2008 die Charta 08 unterzeichneten, die mehr Demokratie und Menschenrechte und ein Ende der Ein-Parteien-Herrschaft forderten. Viele der Unterzeichner wurden bestraft, einige von ihnen inhaftiert. Viele Mitstreiter habe er in Songzhuang heute nicht mehr, sagt Lv. Er spricht von rund 20 Dissidenten. "Der Staat hat viele von uns müde gemacht." Auch Künstler der ersten Stunde wie Ai Weiwei haben sich aus Songzhuang zurückgezogen – gezwungenermaßen. Er hatte Hallen einer ehemaligen Traktorenfabrik gemietet und Werkstätten darin eingerichtet. Der Eigentümer wollte den Mietvertrag jedoch nicht verlängern, und im August 2018 wurde das Atelier ohne Vorwarnung abgerissen. Die Mitarbeiter von Ai Weiwei schafften es nicht einmal mehr, alle Kunstwerke in Sicherheit zu bringen.

Immerhin: Die bekannte kalifornische Galerie Saatchi Art hat Werke von Lv auf ihre Webseite gestellt. Es handelt sich um eine Auswahl seiner Fratzen. Zu sehen sind in typischen Posen Politiker in Anzug und Krawatte – allesamt mit wulstigem Kopf und hervorstechenden fleischigen Nasen und Lippen. Die Frage, ob er eine konkrete Person im Sinn hatte, als er diese Fratzen malte, beantwortet er nicht. Nur so viel: Er wolle unbequem ­bleiben.

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