Amnesty Journal China 21. März 2018

Die ganze Welt kein Lied

Schwarz-rote Zeichnung eines jungen Menschen mit nach vorne gestrecktem Arm und einem chinesischen Buch im Arm

Junges Vorbild. Propagandaplakat der chinesischen Kulturrevolution.

Madeleine Thien widmet sich in ihrem neuen Roman der Gewalt der Roten Garden in China – von der Kulturrevolution bis zum Tiananmen-Massaker.

Von Maik Söhler

Was macht Johann Sebastian Bach in Shanghai, und warum konkurriert er mit Karl Marx in Peking? Madeleine Thien wählt in ihrem neuen Roman "Sag nicht, wir hätten gar nichts" Shanghai und Peking als Orte, an denen sich die jüngere chinesische Geschichte von der Kulturrevolution unter Mao Zedong bis zur Niederschlagung der Revolte auf dem Tiananmen-Platz vollzieht. Während der Philosoph Marx im Hintergrund präsent ist, wenn sich Mitglieder der chinesischen KP und die Roten Garden Maos mit- und gegeneinander daran machen, die chinesische Gesellschaft repressiv neu zu erschaffen, bilden in Thiens Roman die Komponisten Johann Sebastian Bach, Dmitri Schostakowitsch und Sergei Prokofjew den künstlerischen Kontrapunkt zur Umwälzung der Geschichte.

Dieses komplexe Szenario geht Thien von außen an, aus Vancouver in Kanada. Im Jahr 1990 bekommen die zehnjährige Marie und ihre Mutter dort Besuch von Ai-ming, einer jungen Chinesin, die nach dem Tiananmen-Massaker aus China fliehen musste und vorübergehend in Vancouver bei Marie und ihrer Mutter unterkommt, weil Ai-mings und Maries Väter Freunde in Maos China waren. Marie und Ai-ming lesen zusammen in einem "Buch der Aufzeichnungen" und tauchen tief ein in die chinesische Geschichte des 20. Jahrhunderts, die zugleich auch die Geschichte ihrer Familien ist.

Madeleine Thien, kanadische Autorin mit malaysisch-chinesischen Eltern, schafft es glänzend, all jene Gegensätze literarisch zu verarbeiten, die das Denken und Handeln der Kommunistischen Partei Chinas geprägt haben: Stadt und Land, Landwirtschaft und Industrialisierung, eigenständiger Weg und globalisierte Märkte, Disziplin und Kreativität, Kollektiv und Individuum. Die Familien aus dem "Buch der Aufzeichnungen", das Marie und Ai-ming lesen, bestehen aus Musikern. Sie bekommen den Terror der Roten Garden in den Jahren der Kulturrevolution zu spüren wie viele andere auch und doch trifft er sie besonders. Ihre Hoffnung, "dass die ganze Welt ein Lied war, ein Auftritt oder ein Traum, dass Musik gleichbedeutend mit Überleben war, einen leeren Magen füllen und den Krieg vertreiben konnte", zerschellt an den Aufforderungen zur "Kritik und Selbstkritik" junger KP-Kader, die in Musikern nur "konterrevolutionäre Elemente" erkennen und sie in die Produktion schicken, zur "Umerziehung" verurteilen oder in den Tod treiben.

Auch nach dem Ende der Kulturrevolution hat es die Liebe zur Musik schwer in einem Land, das nun alles daran setzt, den Anschluss an den Rest der Welt zu finden. Gemeinsam bleibt Thiens Protagonisten, dass sie beim Regime zeitweise in Ungnade fallen – so wie einst der Komponist Dmitri Schostakowitsch und der Pianist Sergej Prokofjew in der Sowjet­union. Erst die Proteste auf dem Tiananmen-Platz in Peking im Jahr 1989 befreien sie aus der verordneten Passivität und lassen sie wieder zu Akteuren werden. Thiens Roman gehört zum Bes­ten, was in den vergangenen Jahren über das moderne China ­geschrieben wurde. Er ist kritisch, intelligent und behandelt Geschichte mit einem präzisen Blick auf das Verhältnis des Einzelnen zur Gesellschaft – ein großes, zeitloses Werk. 

Madeleine Thien: Sag nicht, wir hätten gar nichts. Aus dem Englischen von Anette Grube. Luchterhand, München 2017. 656 Seiten, 24 Euro.

Buchtipps

Der neue Staatsbürger

Er ist schwarz, er ist schwul und seine Lebensgeschichte erscheint im Konkret Literatur Verlag. Einem Verlag also, der eng mit dem Magazin konkret verbunden ist, das wiederum für seine mal dogmatische, mal präzise, immer aber schonungslose Kritik deutscher Verhältnisse bekannt ist. Wer ­Umeswaran Arunagirinathans neues Buch "Der fremde Deutsche" in die Hand nimmt, erwartet ein Werk, in dem Rassis­mus, Homophobie und eine Abrechnung mit Deutschland im Vordergrund stehen. Und dann das: Ein geflüchteter Junge aus Sri Lanka mit hinduistischem Glauben feiert Weihnachten mit einer afghanischen muslimischen Familie. Er amüsiert sich bestens, in Lederhosen, auf einem bayerischen Bierfest. Und er bekennt: "Ich fühle mich längst als deutscher Staatsbürger und als ein Teil dieser Gesellschaft – bis mir wieder mal ein rassistischer Idiot dieses Gefühl austreiben will." Ja, um Rassismus geht es und auch um deutsche Verhältnisse, aber anders als gedacht. Umes, wie er sich nennt, um es den Deutschen mit seinem Namen leicht zu machen, kam als unbegleiteter zwölfjähriger tamilischer Kriegsflüchtling nach Hamburg, integrierte sich perfekt, wurde deutscher Staatsbürger, studierte Medizin und arbeitet nun als Arzt. 2006 erschien sein erstes Buch "Allein auf der Flucht", mehr als zehn Jahre später folgt mit "Der fremde Deutsche" eine kurzweilige Autobiografie.

Umeswaran Arunagirinathan: Der fremde Deutsche. Konkret Literatur Verlag, Hamburg 2017. 144 Seiten, 12,50 Euro.

Marginalisiert in Japan

Dem kleinen Cass-Verlag ist es zu verdanken, dass ein spannender und brillant erzählter Krimi des japanischen Autors Iori Fujiwara nun endlich auf Deutsch vorliegt. "Der Sonnenschirm des Terroristen" führt uns beim Lesen ins Tokio der frühen neunziger Jahre, eine Stadt, in der Armut und Reichtum ebenso nah beieinander liegen wie legales und illegales Unternehmertum. In einem Stadtpark geht eine Bombe hoch, es gibt zahlreiche Tote und Verletzte. Unter Verdacht gerät der Alkoholiker Shimamura. Um den wahren Täter zu entlarven, muss Shimamura nicht nur seine Existenz als Barbesitzer aufgeben und sich mit einem Yakuza verbünden, einem Mitglied der japanischen Mafia, auch die linksradikale Vergangenheit Shimamuras fordert plötzlich Aufmerksamkeit. Fujiwara, der im Jahr 2007 starb, lässt in seinem Buch 30 Jahre japanischer Geschichte passieren – von den Studentenaufständen und Universitätsbesetzungen in den späten sechziger über das mafiös-kapitalistische Geflecht der achtziger bis zum konsumistisch-arbeitsorientierten Alltag der meisten Tokioter in den neunziger Jahren. "Der Sonnenschirm des Terroristen" ist weit mehr als ein typischer Hardboiled-Krimi, weil er die japanische Gesellschaft genau in den Blick nimmt und deutlich macht, dass Marginalisierte wie Alkoholiker und Obdachlose ihr Überleben lange Zeit nur in Schattenökonomien sichern konnten.

Iori Fujiwara: Der Sonnenschirm des Terroristen. Aus dem Japanischen von Katja Busson. Cass, Löhne 2017. 352 Seiten, 19,95 Euro.

Endlich frei

Nach 367 Tagen in türkischer Untersuchungshaft ist der deutsch-türkische Journalist Deniz Yücel aus dem Gefängnis Silivri bei Istanbul entlassen worden. Gleichzeitig akzeptierte das zuständige Gericht eine Anklageschrift, in der die Staatsanwaltschaft bis zu 18 Jahre Haft fordert. Die Farce um fingierte Terrorvorwürfe geht also weiter, nur muss der Angeklagte, anders als bisher, nicht mehr daran teilnehmen. Der Türkei-Korrespondent der Tageszeitung Die Welt ist nach Deutschland zurückgekehrt. "Wir sind ja nicht zum Spaß hier", heißt das zwei Tage vor seiner Freilassung erschienene neue Buch Yücels. Wer nun sagt, das habe sich ja wohl überholt, der hat ein bisschen Recht – und ganz viel Unrecht. Yücels Buch versammelt zum einen Texte, die in seiner Haftzeit entstanden sind. Aber auch Reportagen, Artikel und Interviews, die er als Korrespondent für die Welt geschrieben hat, sowie ältere Glossen und Polemiken aus seiner Zeit bei der Tageszeitung taz und der Wochenzeitung Jungle World sind darin zu finden. Wer als News-Junkie allein auf Aktualität schaut, wird von dem Buch enttäuscht werden. Alle anderen aber können humorvolle, hellsichtige, abseitige und tiefgründige Texte entdecken, die zeitlos sind und bleiben. So unterschiedlich die Qualität der einzelnen Beiträge auch ausfällt, so haben sie doch ­eines gemeinsam: Sie künden von der Freiheit des Denkens und des Handelns.

Deniz Yücel: Wir sind ja nicht zum Spaß hier. ­Reportagen, Satiren und andere Gebrauchstexte. ­Nautilus, ­Hamburg 2018. 224 Seiten, 16 Euro.

Normal verschieden

Was ist normal? Eine kurze Frage, die es in sich hat. Denn wer darauf eine Antwort sucht, steht unweigerlich vor einem Geflecht aus Abhängigkeiten von Zeit, Ort und Lebensumständen, stößt auf Stereotype und Vorurteile, aber auch auf kostbare und überraschende Vielfalt. Wie unterschiedlich "normal" tatsächlich sein kann und wie wichtig Toleranz und Offenheit sind, das machen die zehn Künstlerinnen und Künstler der Labor Ateliergemeinschaft mit ihrem Sachbuch "Ich so du so" auf eindrückliche Weise klar. In einem Mix aus ­Fotos, Bildern, Erzählungen, Comics, Steckbriefen und Interviews lassen sie Kinder und Erwachsene zu Wort kommen, zeigen sie, was andere anderswo auf der Welt als normal empfinden und wie es ist, aus der Norm zu fallen. Herrlich bunt und vielfältig regen die Beiträge dabei zum Blättern und immer wieder in die Hand nehmen, zum Nachdenken und Nachfragen an: Warum gibt es Mädchen- und Jungenfarben? Sind Autoreifenrennen ein normales Hobby? Warum ist nichts mehr normal, wenn wir verliebt sind? Warum tut es weh, wenn einen die anderen nicht für normal halten? Und was ist überhaupt normal? Darauf hat auch dieses Buch keine einfache Antwort – aber dafür eine sehr schöne: "Jeder Mensch ist einzigartig! Vergleiche dich nicht ständig mit anderen. Sei nicht so streng mit dir selbst. Es ist normal, verschieden zu sein, und das ist gut so."

Labor Ateliergemeinschaft: Ich so du so. Alles super ­normal. Beltz & Gelberg, Weinheim 2017. 176 Seiten, 16,95 Euro. Ab 9 Jahren.

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