Amnesty Journal 02. Dezember 2022

Philosophische Notwendigkeit

Ein Mensch trägt Gummistiefel, einen Ganzkörperschutzanzug, Mundnasenschutz und Baseballmütze, er trägt ein Holzkreuz, während er durch eine Reihe anderer Holzkreuze geht, an denen Kränze hängen und die Gräber markieren.

Massengrab in Butscha, Ukraine (2022).

Der Philosoph Arnd Pollmann untersucht in seinem Buch "Menschenrechte und Menschenwürde" die Voraussetzungen für ein Leben in Würde und zeigt Wege zu einer menschenrechtsbasierten Weltinnenpolitik auf.

Von Silke Voss-Kyeck

Grausame Kriegsverbrechen in Syrien, der Ukraine und anderswo, schwere Menschenrechtsverletzungen in China, Burundi, Mexiko und zahllosen weiteren Ländern, ertrinkende Flüchtlinge im Mittelmeer, das UN-Menschenrechtssystem unter Druck – ist es mutig, angesichts dieser deprimierenden Entwicklungen über die Menschenrechte zu philosophieren? Ist es naiv? Oder doch klug? Für Arnd Pollmann ist es vor allem notwendig. Der Philosoph plädiert in seinem Buch "Menschenrechte und Menschenwürde" engagiert dafür, diese gerade in Zeiten des menschenrechtlichen "Backlashs" zu verteidigen, und kritisiert die "akademisch-intellektuellen Nekrologe" auch der eigenen Zunft.

Pollmann führt Menschenrechte und Menschenwürde ideengeschichtlich erstmals in einen Begriffszusammenhang, der infolge monströser Gewalterfahrungen 1945 seinen Ausgang nimmt. Gut lesbar verknüpft er beide systematisch in eine neue wechselseitige Rechtfertigungsbeziehung und stellt dabei einen zentralen Glaubenssatz von Menschenrechtspraxis und -theorie auf den Kopf: Die Menschenwürde als a priori vorgegebenes Begründungsfundament der Menschenrechte sei falsch.

Würde durch Realisierung von Menschenrechten

Die historische Evidenz fundamentaler Würdeverletzungen führt laut Pollmann zwingend dazu, den Würdebegriff zu verstehen als Potenzial, dessen Realisierung durch Menschenrechte erreicht werden muss. Die höchst verletzungsanfällige Menschenwürde sei zentrales Schutzgut der Menschenrechte. Begründungsvoraussetzung seiner Theorie sind die Menschenrechte als Anspruch, den jede und jeder Einzelne qua Menschsein hat und der für alle Menschen strikt gleich gilt.

Menschenrechte konkretisieren verfassungs- und völkerrechtliche Garantien für ein Leben in Menschenwürde, die demnach der Maßstab für die konkrete Ausgestaltung der Menschenrechte sein muss. Dass die Menschenrechte deshalb zwar allesamt wichtig, aber nicht alle gleichgewichtig sein sollen, mag manchem als Zumutung erscheinen. Für Pollmann hängt aber ein Leben in Würde nicht ab von der gleichen Verwirklichung jedes einzelnen Menschenrechts.

Da staatliche Menschenrechtsgarantien ohne überstaatliche Zusatzversicherungen unzuverlässig bleiben, bedarf es auch einer menschenrechtlichen Welt­innenpolitik. Pollmanns Modell hierfür kommt dem der Vereinten Nationen durchaus nahe. Deren Unzulänglichkeit dürfte eingefleischten Multilateralist*innen bei der Lektüre schmerzlich bewusst werden.

Streitlustige Philosoph*innen und Menschenrechtstheoretiker*innen werden bei Pollmanns Theorie manchen Angriffspunkt finden. Gewinnbringend ist jedoch, dass er sich nicht mit der philosophischen Geltung der Menschenrechte begnügt, sondern dezidiert auch die faktische Geltung nicht aus dem Blick verliert. Für die praktisch-politische Menschenrechtsarbeit sind wohl die "alternativlosen Implikationen" seiner Theorie entscheidend: Der Schutz der Menschenwürde durch die Menschenrechte muss absolutes Gebot sein und bleiben und ist immer wieder gegen staatliche Willkürherrschaft zu verteidigen.

Arnd Pollmann: Menschenrechte und Menschenwürde. Zur philosophischen Bedeutung eines revolutionären Projekts. Suhrkamp Taschenbuch Wissenschaft 2370, Berlin 2022, 451 Seiten, 26 Euro.

Silke Voß-Kyeck analysiert für das Forum Menschenrechte die Entwicklungen im UN-Menschenrechtsrat. Sie arbeitet im Deutschen Institut für Menschenrechte zum Thema Verschwindenlassen.
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WEITERE BUCHEMPFEHLUNGEN

Pflichtlektüre aus Kamerun

von Wera Reusch

Die Sprache ist leise, die Botschaft unüberhörbar: Djaïli Amadou Amals autobiografisch geprägter Roman "Die ungeduldigen Frauen" ist ein vehementes Plädoyer gegen Zwangsheirat, Polygamie und häusliche Gewalt. Die Schriftstellerin aus dem Norden Kameruns lässt darin zwei 17-Jährige zu Wort kommen, die gegen ihren Willen verheiratet werden: Ramla wird zur Zweitfrau eines alten reichen Mannes erklärt, Hindou muss eine Ehe mit einem drogensüchtigen Cousin eingehen, der sie vergewaltigt und halb tot prügelt. Erschütternd sind nicht nur die Szenen, in denen Väter, Onkel und Ehemänner den Willen der Mädchen brechen; die Autorin macht auch schonungslos deutlich, wie Frauen das patriarchale System stützen: Mütter, Tanten und Freundinnen predigen den Opfern ständig Geduld, bis hin zur totalen Unterwerfung – "Munyal" heißt das in der Sprache der Fulbe, einer einflussreichen Ethnie im Norden Kameruns. Solidarität unter den geknechteten Mädchen und Frauen sucht man vergebens. Die dritte Protagonistin Safira demonstriert vielmehr, zu welch drastischen Mitteln Ne­ben­frauen in polygamen Ehen greifen, um ihre Konkurrentinnen auszustechen.

"Munyal" ist das Leitmotiv dieses mutigen Romans, den Amal 2017 zunächst in Kamerun veröffentlichte. Sein ursprünglicher Titel "Die Tränen der Geduld" wurde für das europäische Publikum in "Die ungeduldigen Frauen" geändert. Er soll suggerieren, dass es den Protagonistinnen gelingt, auszubrechen. Tatsächlich gibt es jedoch kein Happy End. Der einzige Lichtblick ist, dass die kamerunische Regierung das Buch auf den Lehrplan der weiterführenden Schulen setzte. Djaïli Amadou Amal ist nicht nur als Autorin feministisch engagiert: Sie gründete auch die Organisation Femmes du Sahel, die sich dafür einsetzt, dass Mädchen und Frauen einen besseren Zugang zu Büchern und Bildung erhalten.

Djaïli Amadou Amal: Die ­ungeduldigen Frauen. Aus dem Französischen von Ela zum ­Winkel. Orlanda, Berlin 2022, 176 Seiten, 18 Euro.

Fabel über Gewalt

von Wera Reusch

"Nicht immer lässt sich unterscheiden, was mehr Einfluss auf uns hat: was uns bedroht oder was uns verführt", heißt es in diesem Roman, der beunruhigende Ereignisse in einer lateinamerikanischen Provinzstadt schildert. Mitte der 1990er Jahre tauchen in einem Ort am Rande des Urwalds plötzlich 32 Kinder auf, die Angst und Schrecken verbreiten. Gleichzeitig geht von ihnen eine gewisse Faszination aus: Sie sprechen eine eigene Sprache und scheinen eine Art Republik zu bilden, wie ein menschlicher Bienenstock. Mehr als 20 Jahre später versucht der Ich-Erzähler, damals Angestellter der örtlichen Sozialbehörde, die Geschehnisse zu rekonstruieren.

Er bemüht sich um eine ausgewogene, vernunftgeleitete Darstellung der rätselhaften Kindergruppe, die sich nicht fassen ließ – auch im wortwörtlichen Sinne –, ihm aber durchaus Respekt abnötigte. Gleichzeitig kann er sein Schuldbewusstsein nicht verhehlen, denn nachdem es bei einem Überfall Tote gab und sich auch einheimische Kinder der Gruppe anschlossen, kam es in der Stadt zu einem Aufstand, und die Geschichte nahm ein tragisches Ende.

Der spanische Schriftsteller Andrés Barba entfaltet in "Die leuchtende Republik" auf nur gut 200 Seiten eine Erzählung mit suggestiver Wirkung – so bedrohlich und verführerisch wie die kindlichen "Ungeheuer", die im Mittelpunkt stehen. Er nutzt dabei ein raffiniertes Vexierspiel: Die Darstellung erscheint realistisch und verweist auf vermeintliche Quellen, tatsächlich räumt selbst der Ich-Erzähler ein, dass sie sich "wie eine mythische Fabel" anhöre. Barba thematisiert anhand der Geschichte der 32 Kinder, auf die man "sowohl das Faszinierende wie das Erschreckende projizieren konnte", auf subtile Weise Klassengegensätze und Gewalt, das Verhältnis zwischen Indigenen und Weißen sowie zwischen Kindern und Erwachsenen und mahnt, "nicht so naiv an die Gerechtigkeit zu glauben".

Andrés Barba: Die leuchtende ­Republik. Aus dem Spanischen von Susanne Lange. Luchterhand, München 2022, 224 Seiten, 22 Euro.

Gegen "Vorurteilsscheiß"

von Marlene Zöhrer

Charly, Benny und Hamid sind seit der Grundschule beste Freunde. Doch kaum haben sie im Sommer die Schule gewechselt, wird ihre Freundschaft auf eine harte Probe gestellt: Benny bekommt von seinem Opa an dessen Sterbebett eine Kette mit einem Davidstern geschenkt. Die Kette, die er nun für alle sichtbar um den Hals trägt, trifft auf Vorurteile, und die gipfeln schließlich in antisemitisch motivierten Übergriffen. Hamid ist der Meinung, dass er als Muslim auf keinen Fall mit einem Juden befreundet sein kann – schließlich sagt das sein großer Bruder. "Der Keil war gesetzt. Freundschaft im Sinkflug. Wegen irgendwelchem Vorurteilsscheiß", kommentiert die Ich-Erzählerin Charly, die zwischen den Stühlen sitzt und zusehen muss, wie die Freundschaft zwischen den drei Jugendlichen zu zerbrechen droht.

Dabei ist Benny nicht der Einzige, der mit Vorurteilen konfrontiert wird: Hamid wird wegen seiner Herkunft als Dieb beschimpft und verdächtigt, für Handy-Diebstähle an der Schule verantwortlich zu sein. Die beiden Jungen können sich glücklich schätzen, eine Freundin wie Charly an ihrer Seite zu haben, die sich mit unerschütterlicher Loyalität und einer gehörigen Portion Mut für sie einsetzt.

Einfühlsam, mit Witz und Wärme erzählen Andreas Steinhöfel (Text) und Melanie Garanin (Bild) in der Graphic Novel zur KIKA-TV-Serie von Freundschaft, Familie und dem Aufwachsen in einer vielfältigen Gesellschaft. Glaubhaft gehen sie der Frage nach, wie Jugendliche Antisemitismus, Rassismus, Mobbing und Gewalt begegnen können, und setzen die Möglichkeiten des Mediums überzeugend ein, indem sie mit Perspektive, Zeichenstilen und Kommentaren der Erzählerin spielen.

"Völlig meschugge?!" ist nicht nur Spiegel und Wegweiser, sondern auch ausgesprochen unterhaltsam.

Andreas Steinhöfel, Melanie Garanin: Völlig meschugge?! Carlsen, Hamburg 2022, 288 Seiten, 20 Euro, ab 12 Jahren.

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