Amnesty Journal Bangladesch 26. Juli 2017

Flucht vor den Buddhisten

Flüchtlingslager aus provisorischen Hütten

Zehntausende muslimische Rohingya sind seit ­vergangenem Herbst vor dem Militär Myanmars nach Bangladesch geflohen. Aus Kutupalong berichten 

Verena Hölzl (Text) und Florian Lang (Fotos) 

Jeden Abend macht Yasminara ihrem Vater Mohammed Alam das Bett. Das sechsjährige Mädchen fegt den Boden und bringt ihm ein Kissen. So kann er wenigstens seinen Kopf weich betten. Seit einem halben Jahr schläft der Vater im Flüchtlingslager ­Kutupalong vor einer Lehmhütte. Unzählige davon gibt es inzwischen in Bangladesch, seitdem das Militär im benachbarten ­Myanmar Zehntausende Menschen in die Flucht trieb.

Kutupalong ist ein Dorf voller Kriegsveteranen. In den stickigen Lehmhütten fächeln verschleierte Frauen mit Kartonfetzen schreienden Babys Luft zu, deren Gesichter von Hitzeausschlag übersät sind. Verwundete Männer hieven sich an Bambusstöcken über das unwegsame Gelände oder betten ihre Beine, die von Schusswunden schmerzen, auf Holzschemel. Bilder des Elends.

So wie mehr als 70.000 andere sind Yasminara und ihr Vater im Herbst 2016 vor dem myanmarischen Militär aus Hatifara nach Bangladesch geflohen. Hier sind sie immerhin in Sicherheit. Sie gehören der muslimischen Minderheit der Rohingya an. Für viele Buddhisten, die die Bevölkerungsmehrheit in Myanmar stellen, sind sie deshalb die Pest. Offen werden sie als illegale Einwanderer aus Bangladesch diffamiert. Parolen nationalistischer buddhistischer Mönche wie »Es gibt keine Rohingya in Myanmar« oder »Raus mit den Bengalis« sind an der Tagesordnung. 

Yasminara kannte das rabiate Vorgehen der Soldaten schon, bevor sie im vergangenen Oktober in ihr Dorf eindrangen. Gutes verhießen die Militärs nie, die Myanmar bis 2011 diktatorisch regierten: Nachbarn verschwanden, wurden eingesperrt oder bestraft, weil sie nicht um Erlaubnis gebeten hatten, einen bestimmten Weg zu benutzen. Oder weil sie keine Meldung machten, wenn ein Kalb geboren wurde. 

Doch am Abend des 9. Oktober 2016 war die Unruhe besonders groß. Der Schall von Gewehrsalven habe sie und ihre beiden Geschwister in ihrer Hütte geweckt, erzählt Yasminara. Der Vater sei nach draußen gegangen, um nachzusehen, was vor sich ging. Mohammad Alam erinnert sich noch genau an die Worte der Soldaten: »Raus mit euch aus Myanmar, sonst bringen wir euch um!« Dann trafen ihn zwei Kugeln im linken Bein. »Die Buddhisten wollen uns töten«, flüstert Yasminara, »weil wir Muslime sind.«

Zwei Schrauben halten Mohammed Alams Unterschenkelknochen zusammen, der durch die Wucht der Projektile brach. Beim Gehen stützt er beide Arme beschwerlich auf einen Krückstock. Wenn er sich in die Klinik von Ärzte ohne Grenzen schleppt, trägt Yasminara ein abgewetztes grünes Kuvert, in dem Röntgenaufnahmen stecken. Es ist so groß, dass sie es nur knapp unter ihren Arm klemmen kann.

Yasminara weicht ihrem Vater nicht von der Seite. In den Wirren der Attacke auf das Dorf während der Oktoberoffensive wurde die Familie zerrissen. Wenn im Lager andere Kinder nach ihren Müttern rufen, zieht die Sechsjährige sich zurück, denn ihre eigene verschwand damals – ebenso wie die beiden kleinen Geschwister. 

»Früher musste ich ihr immer alles dreimal sagen« sagt Mohammed Alam. »Heute hört sie sofort auf mich.« Er lächelt jetzt sogar ein bisschen. Yasminara stützt ihren Arm behutsam auf seine Schulter. Die beiden sind in der Hütte von Bekannten des Bruders untergekommen, die genug Geld aus Myanmar mitbrachten, um die Miete zu zahlen. 

Das Datum 9. Oktober ist unter Diplomaten und Entwicklungshelfern in Myanmar zur Chiffre für eine neue Phase des Konflikts in Rakhine geworden. Seit Jahrzehnten geraten muslimische und buddhistische Bewohner in der westlichsten der 15 Verwaltungseinheiten Myanmars aneinander. Seit 2012 müssen viele muslimische Rohingya ihr Leben in abgeriegelten Lagern oder Dörfern fristen, die sie meist nur gegen Bezahlung verlassen dürfen. Dagegen begehrte auch jene Gruppe militanter Muslime auf, die am 9. Oktober mit Macheten und Bambus­stöcken loszog und neun Grenzbeamte tötete – der Auslöser für den Vergeltungsschlag des Militärs, vor dem auch Yasminara und ihr Vater ins benachbarte Bangladesch flohen. Nach wie vor sitzen in Rakhine Hunderte Verdächtige in Haft. Selbst Kinder werden beschuldigt, Terroristen zu sein.

Schwache Nobelpreisträgerin 

1,3 Millionen Rohingya leben heute noch in Rakhine, fast ebenso viele jedoch im Exil. Vor allem in Bangladesch, aber auch in Saudi-Arabien, Malaysia, Indonesien und Thailand haben sie Zuflucht gefunden. Weil die Regierung von Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi ihnen wie das zuvor herrschende Militär die Staatsbürgerschaft verwehrt, dürfen sie weder wählen noch Universitäten besuchen. Und sie bleiben auch nach dem Wahlsieg der einst als Hoffnungsträgerin gefeierten Politikerin 2015 in ihrer Bewegungsfreiheit eingeschränkt.

Das hat damit zu tun, dass die Rohingya aus Sicht der bud­dhistischen Bevölkerungsmehrheit das Image des Landes mit seinen 53 Millionen Einwohnern zu beschädigen drohen. Über Jahrzehnte war Myanmar als Militärdiktatur international geächtet. Die positiven Nachrichten, die nach dem Sieg von Aung San Suu Kyis Nationaler Liga für Demokratie im November 2015 durch die Welt gingen, bedeuteten einen willkommenen Wandel. Doch das änderte sich, als das Militär Rakhine im vergangenen Jahr abriegelte und sowohl Vertretern von Medien wie Hilfs­organisationen den Zugang zu dem Konfliktgebiet verwehrte. 

In Interviews wiegelte Aung San Suu Kyi, die als Außen­ministerin und Staatsrätin die Regierung in Naypyidaw führt, ­jedoch ab – und bat darum, das Problem nicht größer zu machen als es sei. Eine im März eingesetzte Untersuchungskommission des Menschenrechtsrats der Vereinten Nationen zur Aufklärung der Vorfälle lehnten ihre Beamten wiederholt als »nicht hilfreich« ab. Auch Diplomaten äußern sich nur zurückhaltend. Vielen erscheint das Gleichgewicht zwischen zivilen ­Politikern und dem Militär, das 1962 an die Macht gekommen war und dessen Vertreter bis heute Schlüsselpositionen in der ­demokratischen Regierung besetzen, als zu instabil und die Versöhnung gefährdet. 

Menschenrechtler hingegen laufen Sturm gegen den Kurs der Regierung. Aus gutem Grund: Statt Vergewaltigungsvorwürfen von Frauen in Rakhine nachzugehen, ist die Pressestelle damit beschäftigt, diese als Lügnerinnen zu diffamieren. Satellitenbilder, die das Ausmaß der Zerstörung belegen, wurden als »fake news« abgestempelt. In staatlichen Medien hieß es auf dem Höhepunkt des Konflikts sogar, die Rohingya hätten ihre eigenen Häuser angezündet, um sich so Mitleid bei der internationalen Gemeinschaft zu erschleichen.

Doch davon kann bei den Bewohnern von Kutupalong keine Rede sein. Das Lager, in dem Mohammed Alam und seine Tochter Yasminara mit Tausenden anderen hausen müssen, erreicht man über den pittoresken Marine Drive. Die Straße führt entlang des längsten Strands der Welt nach Cox’s Bazar im Osten Bangladeschs. Die Regierung in Dhaka will den Ort zu einem Touristenziel ausbauen. Für Mohammed Alam hingegen ­bedeutete er die Rettung: Auf einer Decke hatten sein Bruder und drei Bekannte ihn im Herbst 2016 über die Grenze transportiert, einen Monat lang behandelten ihn dann Ärzte im Krankenhaus. Um Geld für eine Blutkonserve zusammenzu­bekommen, bettelte Yasminara damals vor den Moscheen der Stadt. Seitdem möchte sie unbedingt zur Schule gehen und ­Ärztin werden.

Ein schöner Traum, doch die Realität im Lager sieht anders aus. Um die Albträume, die sie nachts verfolgen, zu vertreiben, tragen viele Kinder in Kutupalong kleine Kapseln mit Suren des Korans um den Hals. »Damit die bösen Geister sie im Schlaf nicht mehr heimsuchen«, sagt der Imam des Lagers, der die Talismane verteilt. Mitarbeiter von Hilfsorganisationen sprechen von Traumata, für deren Behandlung es kaum Kapazitäten gebe.

Ein Mann trägt einen Eimer und läuft dabei über einen mit Erde aufgeschütteten Weg, der von Gras und Wasser umgeben wird. Daneben steht eine zerfallene Hütte.

Fluchtschneise - Fischer in Cox’s Bazar, nahe der Grenze zu Myanmar, Mai 2017 

Beten für die Glaubensbrüder

Längst an ihre Grenzen geraten ist auch die Regierung in Dhaka. Zwischen 300.000 und einer halben Million Rohingya leben inzwischen in Bangladesch – dank einer Politik, die Angehörigen der verfolgten muslimischen Minderheit stets Zuflucht gewährte, wenn sie vor dem Militär des Nachbarlands Schutz suchte. In den Lagern schließen die Imame der Rohingya deshalb Bangladesch in ihre Gebete ein. Doch bei aller Hilfsbereitschaft ist die Angst groß, durch allzu großzügige Aufnahme weitere Bewohner Rakhines zur Flucht zu animieren. Auch deshalb werden die Rohingya von der Regierung in Dhaka als »nicht dokumentierte Staatsangehörige Myanmars« bezeichnet. Und es kursierten bereits Pläne, Flüchtlinge auf einer unwirtlichen Insel im Golf von Bengalen anzusiedeln.

Der junge bengalische Fischerjunge Imran hat schon vor ­langem aufgehört zu zählen, wie viele Neuankömmlinge den schmalen Pfad an der Blechhütte seiner Familie passiert haben. Auf Stelzen in einem Tümpel nahe der Grenze zu Myanmar steht die karge Behausung. Ein paar Stunden Fußmarsch sind es von hier bis zum Flüchtlingslager Kutapalong. Auf dem Höhepunkt des Konflikts seien 150 Menschen am Tag hier vorbeigekommen, erinnert er sich. Und an ihre zerrissenen Kleider. Während der Offensive im Oktober konnte man dunkle Rauchwolken über den zerstörten Dörfern Rakhines emporsteigen ­sehen.

Rot wie eine Grapefruit geht an diesem Morgen hinter der Hütte die Sonne über Myanmar auf. »Dort drüben können Muslime nicht in Frieden leben«, sagt Imran. Aus der Ferne hört man die monotonen Sprechgesänge buddhistischer Mönche. Ein paar Fischer nutzen die Kühle des Morgengrauens, um ihre Netze auszuwerfen. Einmal habe ihn ein bengalischer Grenzschutzpolizist ausdrücklich gebeten, die Rohingya gewähren zu lassen. Das sei für ihn selbstverständlich, sagt Imran. Schließlich sei es »schlimm genug, dass die Armee in Myanmar sie so schlecht ­behandelt«. 

Doch wie die meisten Fluchtgeschichten ist auch die der ­Rohingya wesentlich komplexer als manche muslimische Aktivisten und buddhistische Nationalisten glauben machen wollen. So ermunterten die britischen Kolonialherren muslimische Siedler, sich in Rakhine niederzulassen. Dadurch stieg ihr Bevölkerungsanteil in den folgenden Jahrzehnten überproportional an. Unter den Militärherrschern wiederum wurde vielen Rohingya 1982 die Staatsbürgerschaft entzogen.

Für Zorn über diese Politik freilich hat in den Flüchtlingscamps von Cox’s Bazar kaum einer die Kraft. Auch an Rache denkt Mohammed Alam nicht. Er ist im Moment damit beschäftigt, die Hütte instand zu setzen, in der seine Tochter schläft. Ein Zyklon hat das Dach aus Plastikfolien verwüstet. 

Und auch eine Nachbarin ist mit dem nackten Überleben beschäftigt. Wenige Wochen nach der Geburt ihres zweiten Kindes wurde die junge Frau aus Maungdaw Opfer einer Massenvergewaltigung. Fünf Soldaten von Myanmars Armee hätten sie in ihr Haus gesperrt, erzählt sie, und einen Tag lang mit ihr gemacht, was sie wollten. »Diese Bilder werden bei mir bleiben, bis ich sterbe«, sagt sie. Noch Tage nach der Vergewaltigung habe sie geblutet, und ihr Ehemann habe sie vor kurzem verlassen. ­»Vielleicht bin ich nicht mehr gut genug«, sagt sie. »Aber was soll man schon gegen das Militär machen?«

Am sicheren Ufer. Bengalische Grenzer am Naf, Mai 2017.

Am sicheren Ufer. Bengalische Grenzer am Naf, Mai 2017.

Alle Zivilisten leiden

Nicht nur in Rakhine, sondern auch im ­Norden Myanmars verüben Soldaten und bewaffnete Gruppen schwere Menschenrechtsverstöße an ethnischen Minderheiten – bis hin zu Kriegsverbrechen. So soll es in den Bundesstaaten Kachin und Shan zu Folter, außergerichtlichen Hinrichtungen und Entführungen gekommen sein. Das bestätigen Recherchen von ­Amnesty, die im Juni in dem Bericht »All The Civilians Suffer« veröffentlicht wurden.

Siehe: www.amnesty.org/en/

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