Amnesty Journal Afghanistan 28. August 2019

"Ich will zeigen, was Frauen alles erreichen können"

Eine Frau sitzt an einem Tisch, auf dem eine Tasse steht, dahinter ein Fenster mit Vorhang.

Die Politikerin Fawzia Koofi.

Frauen in Afghanistan: Fawzia Koofi, 44, Politikerin

Als ich geboren wurde, war meine Mutter unglücklich, weil ich ein Mädchen war. Sie sagte: "Ich habe so gelitten als Frau. Ich hatte Angst, dass dir das gleiche Schicksal widerfährt." Ich will nicht, dass Mütter künftig so denken. Ich will zeigen, was Frauen alles erreichen können.

2005 bin ich bei der ersten demokratischen Wahl angetreten und habe einen Sitz im Parlament gewonnen. 2010 wurde ich wiedergewählt – vor allem von Frauen. Das hat mich ermutigt, weiterzumachen. Frauen in Afghanistan durften sich in der Geschichte noch nie politischen Herausforderungen stellen, wurden in der Geschichte noch nie politisch herausgefordert, weil Männer es ihnen nicht zugetraut haben. Auch deshalb ist es wichtig, dass Politikerinnen ein Vorbild für kommende Generationen sind.

Mit meinen Forderungen ecke ich oft an. Bis 2018 war ich Vorsitzende des Komitees für Frauen- und Menschenrechte. Ich habe Gesetzentwürfe eingebracht, die Gewalt gegen Frauen härter bestrafen. Entwürfe, die es Männern erschweren, mehr als eine Frau zu heiraten. Vieles davon konnte ich nicht durchbringen. Aber immerhin: 2016 hat die Regierung ein Gesetz verabschiedet, das Belästigung von Frauen unter Strafe stellt. Das hat vielen männlichen Abgeordneten nicht gefallen. Sie arbeiten lieber mit Ja-Sagerinnen zusammen als mit Frauen, die ihre Macht gefährden.

Was es bedeuten kann, für seine Überzeugung einzustehen, habe ich schon früh erfahren. Als ich sechs Jahre alt war, haben die Mudschaheddin meinen Vater ermordet. Auch er war damals Parlamentarier.

Bewaffnete Kämpfer haben unser Haus geplündert und meine Schwestern verprügelt. Während des Bürgerkriegs haben Unbekannte einen meiner Brüder in unserem Haus ermordet. Und als die Taliban an die Macht kamen, durfte ich nicht weiter Medizin studieren. Ich habe alle politischen Umbrüche der letzten Jahrzehnte erlebt. Ich weiß, dass mein Engagement gefährlich sein kann. Aber ich lasse mich nicht unterkriegen.

Im Februar war ich zu den Friedensverhandlungen mit den Taliban in Moskau eingeladen – als eine von zwei Frauen. Das ist wenig, aber immerhin durften Frauen überhaupt teilnehmen. Zum ersten Mal haben uns die Taliban zugehört und mit uns geredet. Wir haben unsere Sichtweisen zu Frauenthemen ausgetauscht. Ein Taliban-Vertreter sagte mir, dass sie bereit seien, Frauen arbeiten und zur Schule gehen zu lassen. Natürlich mit Einschränkungen. Richterin oder Präsidentin sollten sie nicht werden dürfen. Ich vertrete diese Position nicht. Aber ich kann mit ihr arbeiten. Wir müssen pragmatisch sein: Zum jetzigen Zeitpunkt ist es unrealistisch, dass eine Afghanin Präsidentin des Landes wird. Aber Lehrerin soll sie zumindest werden können. Fortschritt ist ein langsamer Prozess.

Außerdem: Wenn die Taliban eine reguläre Partei werden, müssen sie sich politisch behaupten. Dann sind sie nur noch eine von vielen Parteien. In einer Demokratie zählt nicht das Recht des Stärkeren, sondern der Kompromiss. Sobald sie ihre Agenda nicht mehr mit Gewalt durchsetzen können, werden die Taliban entzaubert. Da bin ich mir sicher.

Protokoll: Theresa Breuer

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