Nanjala Nyabola über digitalen Kolonialismus
Nanjala Nyabola ist eine kenianische Politikwissenschaftlerin, Menschenrechtsaktivistin und Autorin.
© Sarah Waiswa
Teile und herrsche – den Tech-Konzernen ist es gelungen, digitale Technologie in reale Macht umzuwandeln. Wie lässt sich diese Macht wieder einhegen? Die renommierte IT-Forscherin Nanjala Nyabola über Menschenrechtsverletzungen per Klick und digitalen Kolonialismus, über Systemfragen und Hoffnung.
Interview: Tanja Dückers-Landgraf
Eines Ihrer Forschungsgebiete sind koloniale Machtverhältnisse im digitalen Raum. Worum geht es dabei?
Dekolonialisierung im digitalen Raum bedeutet für mich eine wirklich tiefgreifende Veränderung. Es geht nicht nur darum, Menschen in an sich ungerechten Systemen stärker zu repräsentieren, sondern darum, die Grundlagen dieser Systeme infrage zu stellen. Ich finde es bedauerlich, wie oft Dekolonialisierung nur auf Repräsentation reduziert wird. Wir müssen umfassender denken. Die zentrale Forderung der Dekolonialisierung ist für uns alle relevant: Gerechtigkeit und Freiheit. Aber die Tech-Oligarchie scheint allmächtig zu sein. Algorithmen wiederholen und verbreiten koloniale Stereotype.
Kann man diese Infrastruktur überhaupt noch ändern?
Ich glaube nicht an die Erzählung von der Unvermeidbarkeit, der Allmacht. Machtverhältnisse können sich ändern. Die Menschen, die in den kolonialen Gesellschaften lebten, hatten keinen Grund anzunehmen, dass diese Systeme je enden würden. Noch 1955 meinte die britische Regierung, dass sie Kenia niemals verlassen würde – 1963 erlangte Kenia die Unabhängigkeit. Die französische Regierung sagte, dass sie Westafrika niemals verlassen werde – und dann war sie weg. Auch die Tech-Oligarchen sind nicht für immer gesetzt. Ich denke, dass wir als Individuen und als Institutionen immer noch viel Handlungsspielraum haben, um unsere Beziehung zu der von uns genutzten digitalen Technologie zu gestalten. Aber es wird viel Entschlossenheit erfordern, um den Weg zu verlassen, auf den uns die Oligarchen gelenkt haben.
Das Internet ist auch insofern kolonialistisch, weil es Englisch als Verkehrssprache festgelegt hat. Welche Folgen hat das?
Manchmal werden wir zu technischen Experten und vergessen dabei, die Menschen mitzunehmen. Bei so vielem, was digitale Technologie betrifft, ignorieren wir, dass die große Mehrheit der Menschen weltweit digitale Technologie nur durch Übersetzungen erlebt. Für mich steht im Vordergrund, mehr Menschen Teilhabe zu ermöglichen. Bei der Suche nach Verbündeten für einen anderen digitalen Raum geht es darum, den Menschen Mittel an die Hand zu geben, um sich überhaupt kritisch einbringen zu können.
Zielt darauf das von Ihnen geleitete Kiswahili Digital Rights Project?
In Kenia haben wir festgestellt, dass Begriffe zu digitalen Rechten völlig fehlten, weil der Technologiebereich oft schneller voranschreitet als die Übersetzung relevanter Begriffe: Lange Zeit fehlten in Kiswahili Worte wie zum Beispiel "Überwachung" (surveillance) oder "Datenschutz" (data privacy). Das betraf auch ein Dutzend weiterer Länder. Doch diese Begriffe sind mehr als nur Worte. Unser zentrales Ziel ist es, die Abhängigkeit von englischer Terminologie zu verringern. In Zusammenarbeit mit Sprachexperten aus Kenia und Tansania erarbeiten wir ein neues Vokabular, damit die breite Öffentlichkeit digitale Rechte in ihrer Muttersprache diskutieren und in einem lokalen Kontext verteidigen kann.
Welche Rolle spielt dabei das ebenfalls von Ihnen mitbegründete Africa Digital Rights Network?
Das ADRN ist eine Gemeinschaft von Wissenschaftler*innen und Praktiker*innen, die gemeinsam mit der University of Sussex ins Leben gerufen wurde. Wir sind mehr als 50 Forscher*innen aus 27 afrikanischen Ländern und untersuchen, wie Regierungen Technologien nutzen, um den zivilen Raum zu öffnen oder zu schließen, durch Internetabschaltungen oder Überwachung. Wir kannten uns alle bereits von Konferenzen und anderen Zusammenkünften und waren an verschiedenen Rechtsstreitigkeiten und Gerichtsverfahren beteiligt. Irgendwann wurde uns klar, dass eine Zusammenarbeit und gegenseitige Abstimmung uns viel Kraft geben würden.
Dokumentiert das Projekt auch Taktiken wie digitale Überwachung, Desinformation und die Verhaftung von Bürger*innen wegen Online-Äußerungen?
Ja, die Idee dahinter war, die Kenntnisse von Aktivist*innen über digitale Rechte auf dem afrikanischen Kontinent zu stärken, damit sie auf die anstehenden Herausforderungen reagieren können. Denn oft war es so, dass Regierungen Gesetze und Richtlinien voneinander übernahmen, regelrecht kopierten. Durch den Austausch dieser Informationen konnten die Menschen also vorhersehen, was ihre eigenen Regierungen als Nächstes tun würden. Manchmal arbeiten wir nun mit den Regierungen zusammen, um eine Krise zu vermeiden, manchmal organisieren wir uns mit der Zivilgesellschaft, um uns gegen geplante autoritäre Regulierungsmaßnahmen vorausschauend zu wehren. Wir versuchen sicherzustellen, dass es einen großen wissensbasierten Rahmen gibt, um über digitale Rechte nachzudenken und entsprechend zu handeln.
Studien belegen, dass hetzerische Inhalte von nur wenigen Absender*innen stammen, diese aber durch Algorithmen eine maximale Verbreitung erfahren. Könnte das ein Ansatz für Regierungen sein?
Es wird keine Einheitslösung geben, die gleiche Regel würde in unterschiedlichen Kontexten zu völlig unterschiedlichen Ergebnissen führen. Das haben wir bei der Regulierung der sozialen Medien gesehen, bei dem massiven Ruf nach Standorttreue oder Datenlokalisierung der Tech-Unternehmen. Die großen multinationalen Konzerne sammeln Daten und Informationen, vermarkten diese, führen aber alle Gewinne größtenteils in die USA zurück, manchmal nach China. Der Ruf nach Lokalisierung entspringt einer guten Absicht: Unternehmen sollten physisch präsent sein, vor Ort Steuern zahlen und der Gesetzgebung des jeweiligen Landes unterliegen. Das Dilemma wird offensichtlich, wenn man zum Beispiel an Russland denkt. Der russische Staat nutzt die Forderung nach Datenlokalisierung als Vorwand, um unter anderem die Meinungsfreiheit einzuschränken, die Plattformen zu verbieten, auf denen sich Bürger organisieren oder Aktivist*innen zu inhaftieren. Es ist dieselbe Regel, derselbe Anspruch. So verschieden die Kontexte, so verschieden sind die Ergebnisse.
Was denken Sie über die Gefahr von digital provozierten Menschenrechtsverletzungen? Sie haben sich unter anderem mit der Gewalt gegen Frauen im Netz beschäftigt.
Mein Thema waren geschlechtsspezifische Übergriffe sowie die neuen Formen widerwärtiger Handlungen mit KI und Deepfakes. Die Tech-Unternehmen haben uns suggeriert, dass Gewalt gegen Frauen eine akzeptable Folge der KI-gesteuerten "Innovation" sei. Bereits seit den Erfahrungen mit Reddit und 4chan sagten viele Frauen, dass etwas getan werden muss. Die Tech-Unternehmen meldeten zurück: Wir werden das Problem beheben, sobald wir die technologischen Innovationen ausreichend umgesetzt haben. Die Schwachstellen, die damals erkannt wurden, sind bis heute nicht behoben. Und die Situation wird immer schlimmer.
Der Hass im digitalen Raum hat auch erheblich zur Vertreibung der Rohingya aus Myanmar beigetragen. Das zeigen Recherchen von Amnesty. Auf Facebook fanden sich Posts wie: "Wir müssen sie so bekämpfen, wie Hitler die Juden bekämpft hat" oder "Übergießt sie mit Benzin und legt Feuer".
Der Fall der Rohingya ist ein schlimmes Beispiel dafür, was passiert, wenn wir nichts unternehmen. Und es ist ein Beispiel dafür, wie sehr die Tech-Unternehmen es vermeiden, zur Rechenschaft gezogen zu werden. Die Whistleblowerin Sarah Wynn-Williams, eine ehemalige Führungskraft bei Facebook, hat den Fall öffentlich gemacht. Wynn-Williams zufolge hat Facebook Warnsignale für den Völkermord ignoriert, um die Nutzerinteraktionen und damit das eigene Wachstum in der südostasiatischen Region aufrechtzuerhalten. Die wussten alle, was im Gang war, und sie entschieden sich, nichts dagegen zu unternehmen. Es wäre die Pflicht des Unternehmens gewesen, sich darum zu kümmern und sofort zu reagieren. Du kannst nicht die Gewinne privatisieren und die enormen Risiken vergesellschaften. Wenn du die Gewinne einstreichen willst, musst du auch für die Risiken haften. Das bedeutet, dass du für alle Dinge, die in deinem Namen, auf deinen Plattformen getan werden, zur Rechenschaft gezogen werden kannst.
Der Mutterkonzern Meta räumt ein, zu langsam gegen Fehlinformationen in Myanmar vorgegangen zu sein, bestreitet jedoch die rechtliche Verantwortung. Ein Prozess behandelt nun die Frage, ob Tech-Firmen für die Offline-Folgen von Online-Hetze haften können. Das wäre ein Präzedenzfall.
Ja. Die Rohingya sind ein extremes Beispiel. Doch bei digital mitangefeuertem Hass kann man auch an die Migration in Europa denken – die Dämonisierung von Migranten ist zur Normalität geworden.
Es scheint so, als ob viele Menschen im Globalen Norden sich, wenn sie an digitale Rechte denken, vor allem um ihre eigenen Daten und ihre Sicherheit sorgen. Fehlt es an Solidarität?
Die Menschen erkennen aufgrund ihrer individualistischen Sicht oft nicht, dass es sich hierbei um ein systemisches Problem handelt. Wenn du ein Foto von der Hochzeit deines Cousins in den sozialen Medien postest, tust du das nicht, damit Meta seine Algorithmen trainieren und Geld verdienen kann. Du postest es, um mit deiner Familie und deinen Freunden in Kontakt zu bleiben. Man muss die Menschen daran erinnern, dass Privatsphäre ein kollektives und nicht nur ein individuelles Recht ist. Es geht um uns alle.
Behalten die Tech-Konzerne die Oberhand, indem sie all diese Dinge zu individuellen Problemen erklären?
Ich glaube, dass Tech-Oligarchen von unserer Isolation, von der Aufspaltung in viele "kleine" Probleme und gesellschaftliche Gruppen profitieren. Die Klimabewegung, Technik und dekoloniale Digitalität stehen scheinbar in keinem Zusammenhang. Es gibt aber ein echtes materielles Interesse daran, dass die Menschen isoliert voneinander über digitale Rechte nachdenken. So lassen sich Supergewinne erzielen. Und niemand stellt schwierige grundsätzliche Systemfragen.
Sie haben über die Beziehung von digitaler Technologie und Natur geforscht. Müssten Systemfragen auch auf den Ressourcenverbrauch zielen?
Uns wurde die Vorstellung verkauft, dass Technologie in der Cloud stattfindet. Aber so etwas wie die Cloud gibt es nicht, es sind Computer. Irgendwo steht ein Computer, der eine Menge Energie, eine Menge Wasser verbraucht, der viel Land beansprucht, der Umweltverschmutzung verursacht und viele schlecht bezahlte Arbeitsplätze schafft. Die Tech-Unternehmen ziehen auch aus dieser Trennung einen finanziellen Vorteil. Denn solange die Menschen glauben, dass ihr digitales Leben immateriell ist, verhalten sie sich so, als könnten sie so viel konsumieren, wie sie wollen, ohne jemals die Konsequenzen dafür tragen zu müssen.
Vor acht Jahren gingen Sie noch davon aus, dass mehr Teilhabe von geschulten Internetnutzer*innen die demokratischen Strukturen, etwa in Kenia, festigen wird. Hält Ihr damaliger Optimismus an?
Ja. Was mir Hoffnung gibt, ist, dass die Menschen sich nicht alles gefallen lassen. Dass sie sich organisieren, kritische Fragen stellen, sich wehren. Aber: Die Lage ist heute definitiv schlechter als vor acht Jahren. Es sind deutlich mehr Menschen online. Es gibt neue Probleme, die ich vor acht Jahren noch nicht vorausgesehen habe, etwa, dass Menschen innerhalb von Sekunden wirklich schreckliche Bilder erstellen können. Aber die US-Aktivistin und Autorin Mariame Kaba sagt, Hoffnung ist eine Disziplin. Man muss daran glauben, dass eine bessere Zukunft möglich ist. Es kann nicht sein, dass manche Menschen überleben und andere nicht, es geht nicht nur um die Ausbeutung in der Gegenwart. Wir müssen auch darüber nachdenken, wie die Zukunft für die nächsten Generationen aussehen könnte.
Tanja Dückers-Landgraf ist Autorin und Journalistin. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.
ZUR PERSON
Kenianische Politikwissenschaftlerin, Menschenrechtsaktivistin und Autorin. Sie forscht unter anderem am Oxford Internet Institute über die Beziehung von digitalen Rechten und Menschenrechten, von Technologie und Gesellschaft. Ihr besonderes Augenmerk gilt dabei Frauen und marginalisierten Gruppen und deren politischer Teilhabe. Nyabola ist Gründerin des Kiswahili Digital Rights Project, das zentrale digitale Begriffe ins Kiswahili übersetzt und definiert, um in dem Sprachraum breite Debatten über digitale Grundrechte zu ermöglichen. In ihrem Buch "Digital Democracy, Analogue Politics" (2018) beschreibt sie am Beispiel Kenias, wie Bürgerrechtsbewegungen mittels digitaler Vernetzung an politischer Bedeutung gewinnen, aber auch wie die Dominanz westlicher Unternehmen in der Tech-Branche Formen von Neokolonialismus hervorbringt. Nyabolas Lebensmittelpunkt
ist in Nairobi; sie spricht sechs Sprachen.
Foto: Sarah Waiswa