Aktuell Syrien 05. November 2019

"Die Geschichten dieser Menschen werde ich den Rest meines Lebens nicht vergessen"

Interview mit der Amnesty-Researcherin Diana Semaan
Eine in die Kamera lächelnde Frau steht vor einer hellen Wand. Neben ihr befinden sich eine Pflanze.

Die Amnesty-Researcherin Diana Semaan im Berliner Amnesty-Sekretariat im Oktober 2019

Diana Semaan arbeitet als Syrien-Researcherin bei Amnesty International. Ihr Büro befindet sich in Beirut, ihrer Heimatstadt. Die 32-Jährige und ihr Team decken Menschenrechtsverletzungen in Syrien auf. Wie genau diese Ermittlungstätigkeit aussieht, berichtet sie in einem Interview mit der Online-Redaktion von Amnesty in Deutschland.

Am 9. Oktober 2019 hat die Türkei eine Militäroffensive im kurdisch kontrollierten Norden Syriens begonnen. Wie ist die Lage vor Ort?

Die Auswirkungen auf das Leben der Zivilbevölkerung sind verheerend. Amnesty hat schwere Menschenrechtsverletzungen und Kriegsverbrechen dokumentiert, für die die türkische Armee und ihre Verbündeten verantwortlich sind, darunter rechtswidrige Angriffe auf Wohngebiete, bei denen Zivilpersonen getötet und verwundet wurden. Es ist nicht das erste Mal, dass die Türkei eine militärische Offensive in Syrien startet. Im März 2018 nahm das türkische Militär die Städte Affrin und Azaz ein, die es seither kontrolliert und besetzt. Schon damals haben wir Menschenrechtsverletzungen wie Folter, Verschleppungen oder die Beschlagnahmung privaten Eigentums dokumentiert. Die Situation jetzt ist ähnlich.

Beinahe sieben Millionen Menschen sind seit Beginn des Bürgerkriegs 2011 aus Syrien ins Ausland geflohen. Wie sieht das Leben derer aus, die Syrien nicht verlassen konnten?

Im Land herrscht nach wie vor ein Klima der Unterdrückung. Die Menschen sind extrem verängstigt, mit der Außenwelt über die Situation in ihrem Land zu sprechen – sei es mit Medienschaffenden, Verwandten außerhalb Syriens oder Menschen, die vor Ort humanitäre Hilfe leisten. Was ich gehört habe ist, dass sich die Menschen in Syrien eine Rückkehr zur Normalität wünschen. Viele von ihnen wollen Menschenrechtsverletzungen oder die humanitäre Krise nicht mehr anprangern, sie wollen lediglich irgendwie überleben.

Als Syrien-Researcherin beschäftigst du dich täglich mit grausamen Kriegsverbrechen. Du sprichst mit Betroffenen, hörst ihre Geschichten und kennst ihre Schicksale. Wie verarbeitest du all das?

Zu Beginn war vor allem die Auswertung von Bild- und Videomaterial sehr schwierig für mich. Auf diesen Bildern und Videos sind immer wieder unterschiedliche Menschen zu sehen, doch ihre Geschichten sind alle gleich: Menschen werden verletzt und getötet, Familien werden zerstört. Ab einem gewissen Punkt lässt aber die Intensität dieser Bilder nach. Ich sehe es als Teil meiner Arbeit an, die erledigt werden muss. Das macht es zumindest etwas leichter. Trotzdem gibt es etliche Menschen, deren Geschichten mich auf eine Art und Weise berührt haben, dass ich sie für den Rest meines Lebens nicht mehr vergessen werde. Ganz besonders betroffen bin ich von Fällen, bei denen Familien nach ihren Angehörigen suchen, die verschleppt wurden und seit Jahren "verschwunden" sind. Ich denke, es gibt kaum etwas Schlimmeres als nicht zu wissen, was mit seinen Liebsten geschehen ist.

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Das Auswerten von Bild- und Videomaterial, Interviews mit Betroffenen führen - was macht deine Arbeit noch aus?

Ich dokumentiere Menschenrechtsverletzungen in Syrien, um mit diesen Informationen Material für Kampagnen- und Lobbyarbeit herzustellen. Dazu zählen Berichte oder etwa die Website tensofthousands.amnesty.org, welche die Geschichten von "Verschwundenen" in Syrien dokumentiert. An Informationen gelange ich über verschiedene Wege. Primär spreche ich mit Menschen innerhalb und außerhalb Syriens - mit Geflohenen, mit Familien von Betroffenen und mit Menschen, die vor Ort waren und das Geschehen mit ihren eigenen Augen gesehen haben. Dadurch, dass die syrische Regierung mir keinen Zugang nach Syrien verschafft, kann ich lediglich über WhatsApp oder andere Kommunikationsdienste mit Menschen in Syrien sprechen.

Wie stellst du sicher, dass diese Informationen korrekt sind?

Die Richtlinien zum Auswerten von Informationen sind grundsätzlich sehr streng bei Amnesty. Wir nutzen niemals nur eine Quelle, sondern beziehen uns beispielsweise auch auf Berichte der Vereinten Nationen oder anderer Menschenrechtsorganisationen. Außerdem muss jede Information, die an uns herangetragen wird, verifiziert werden. Dafür gibt es verschiedene Wege. Bilder und Videos lassen wir beispielsweise von Fachleuten aus unserem Digital-Corps-Team auswerten und auf Echtheit überprüfen. Ebenso nutzen wir Satellitenbilder. Im nächsten Schritt überprüfen wir, ob das Material mit den Inhalten des Interviews übereinstimmt beziehungsweise ob die Aussagen schlüssig sind.

Wie kam es dazu, dass du dich entschieden hast, als Syrien-Researcherin zu arbeiten?

Eigentlich wollte ich schon immer Menschenrechtsarbeit machen, primär auf politischer Ebene. Trotzdem habe ich mich zunächst für ein klassisches BWL-Studium entschieden. Nachdem ich einige praktische Erfahrungen in der Finanzbranche gesammelt hatte, entschloss ich mich, mein eigentliches Ziel zu verfolgen und belegte im Masterstudium diverse Kurse zum Thema Menschenrechte. Erste praktische Erfahrungen habe ich bei "Human Rights Watch“ in Beirut sammeln können. Zunächst im Fundraising, anschließend als Research-Assistentin für Syrien. Nach etwa vier Jahren bin ich dann zu Amnesty International gewechselt.

Welchen Einfluss nimmt deine Arbeit auf die Situation in Syrien? Hast du das Gefühl, etwas bewirken zu können?

Es ist grundsätzlich sehr schwierig, in einer Krisensituation etwas zu bewirken. Dennoch bin ich überzeugt, dass die Situation vieler Menschen in Syrien noch aussichtsloser wäre, wenn wir nicht aktiv geworden wären. Wir arbeiten gegen einige der mächtigsten Regierungen der Welt, die in dem Konflikt in Syrien involviert sind und die jegliche Gesetze missachten. Und trotzdem haben unser Engagement und das anderer Organisationen dazu beigetragen, dass weitere Gräueltaten verhindert wurden. Für mich ist die Haupterrungenschaft jedoch, dass wir als Organisation Betroffene unterstützen. Wir hören ihnen zu und tragen ihre Stimmen raus in die Welt.

 

Interview: Nicolina Zimmermann

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