Amnesty Journal Großbritannien und Nordirland 26. Juli 2018

An der digitalen Front

Eine Gruppe von etwa 40 jungen Männern und Frauen steht vor den Mauern der Cambridge Universität

Tradition trifft Moderne. Die Mitglieder des Digitalen Verifizierungskorps im Juni 2018 in Cambridge.

Das Pembroke College im Zentrum der britischen Universitätsstadt Cambridge präsentiert sich an diesem sonnigen Junitag so, wie man sich eine englische Universität vorstellt: Der Rasen ist penibel kurz geschnitten, der Efeu kriecht die rote Backsteinfront des Gebäudes hoch, und auf den Steinpfaden stolzieren frisch promovierte Studienabsolventen in langen schwarzen Umhängen.

Im ersten Stock dieser jahrhundertealten Institution dreht sich heute alles um die neuen Techniken des digitalen Zeitalters – und um die Frage, wie diese Mittel eingesetzt werden können, um Menschenrechtsverletzungen zu ahnden. Die rund 40 Studierenden, die sich in den kleinen Raum zwängen, sind in den vergangenen zwei Jahren zu unerlässlichen Mitarbeitern von Amnesty International geworden.

Sie kommen von vier Kontinenten und sechs Universitäten. Es ist eine bunte, lebhafte Gruppe, die sich vor Beginn der Veranstaltung lautstark austauscht; indische, afrikanische und amerikanische Akzente sind zu hören. Zusammen bilden diese jungen Leute den Kern des Digital Verification Corps (DVC) von Amnesty, das sich heute zur Jahreskonferenz in Cambridge zusammengefunden hat. Die Mitglieder des Digitalen Verifizierungskorps erfüllen eine schwierige, zuweilen belastende, aber entscheidende Aufgabe: Sie überprüfen Videos und Fotos von Kriegsverbrechen und anderen Gewalttaten auf Exaktheit und Wahrheitsgehalt hin.

Aufgrund der großen Anzahl von Fotos und Videos, die heutzutage mit Smartphones gemacht werden, muss sich Amnesty auf die Hilfe solcher Experten verlassen, sagt DVC-Manager Sam Dubberley, ein großgewachsener Nordengländer, der die Jahreskonferenz organisiert hat. "Für uns stellt sich die Frage: Wie können wir die riesige Menge an Information, die in den sozialen Medien kursiert, für unsere Recherchen nutzen?" Diese Herausforderung treibt ihn seit der sogenannten grünen Revolution im Iran 2009 um und verstärkt seit den arabischen Aufständen zwei Jahre später. Wie können die Autoren von Amnesty-Berichten erkennen, ob es sich um echtes, relevantes Bildmaterial handelt? Denn für die Organisation steht viel auf dem Spiel. "Das wichtigste Kapital, das Amnesty hat, ist ihr Ruf", sagt Dubberley. "Wenn wir gefälschte oder falsch zugeordnete Videos verbreiten, dann wird dieser Ruf sehr schnell beschädigt."

Gemäß den Grundsätzen von Amnesty sollten die Mitglieder und Unterstützer in diese Arbeit miteinbezogen werden. "Wir sind eine Organisation, die von freiwilligem Engagement getragen wird", sagt Dubberley. "Früher schrieben die Mitglieder Briefe und beteiligten sich an großen Kampagnen. Wir ­überlegten uns, wie wir dieses Engagement im 21. Jahrhundert weiterführen können, und zwar so, dass es für die Recherchen von Amnesty wichtig ist und tatsächlich etwas bewirken kann." So ergab sich die Zusammenarbeit mit mehreren Universitäten auf der ganzen Welt. Im September 2016 organisierte Dubberley das erste Training mit Studenten der Universität Berkeley in Kalifornien, kurz darauf stieß die Universität Essex in England hinzu, später schlossen sich Teams in Pretoria, Hongkong, Toronto und Cambridge an. Jedes Team umfasst zehn bis zwanzig Mitglieder, die zusammen mehr als ein Dutzend Sprachen beherrschen.

Die meisten Studenten sehen sich bei der Konferenz im Juni zum ersten Mal. Dubberley teilt sie zu Beginn in sechs Gruppen ein, in denen sie sich über ihre Erfahrungen als DVC-Überprüfer austauschen können. Wie funktioniert die Kommunikation mit Amnesty? Gibt es Möglichkeiten, die Arbeitsabläufe zu verbessern? Was sind die ethischen Implikationen der DVC-Arbeit? In der Kantine des Colleges fangen bald angeregte Diskussionen an. Eine Gruppe spricht über die psychologischen Folgen der Video­analyse. "Die Arbeit zu Ost-Ghouta war hart", sagt eine Studentin aus Essex über ihre Recherchen zu der einstigen ­Oppositionsgegend nahe Damaskus. "Wir mussten uns Videos von Patienten in einer Klinik anschauen, und einer aus unserem Team hatte Familienmitglieder in Syrien." Eine andere Gruppe unterhält sich über die Schwierigkeit, die Anonymität von Informanten sicherzustellen, falls ihre Videos und Bilder in Amnesty-Berichte einfließen.

Auf Entdeckungstour

Michael Nyarko, ein 31-jähriger Nigerianer, der in Pretoria Jura studiert, ist seit Anfang 2017 dabei. Seither untersuchte er Gewalt während der Wahlen in Kenia und Menschenrechtsverletzungen in Kamerun und in der Demokratischen Republik Kongo. "Im Fall von Kamerun kursierten in den sozialen Medien Berichte über Gewaltverbrechen, und wir mussten herausfinden, ob es dazu Bild- oder Videomaterial gibt, das die Berichte bestätigen kann", sagt Nyarko. "Making discovery", nennt sich das im Jargon der digitalen Ermittler, also das Suchen von Material im Internet, das Licht auf einen Vorfall werfen kann.

Ein Mann sitzt in einem Klassenraum

Erkundungen im Netz. Michael Nyarko.

In anderen Fällen ist Amnesty bereits im Besitz von Filmen oder Fotos, und das DVC muss prüfen, ob sie echt sind und am genannten Ort aufgenommen wurden. Nyarko und seine Teamkollegen erhielten zum Beispiel ein Video aus dem Kongo, auf dem zu sehen ist, wie die Polizei in eine Kirche eindringt, in der sich Protestierende aufhalten, und zu schießen beginnt. "Wir mussten den Ort des Vorfalls und die Identität der Opfer überprüfen", sagt Nyarko. Zunächst stellt das DVC fest, ob das Video bereits irgendwo erschienen ist – dazu gibt es Online-Tools wie Keep oder die Video-Datenbank von Amnesty. Die genaue Bestimmung des Ortes ist oft ein mühsamer Prozess, bei dem die DVC-Analysten sich auf Google Earth oder Google Street View Bilder der betreffenden Straße anschauen und einzelne Gebäude vergleichen. Kompliziert wird es, wenn es keine Street-View-Bilder gibt, was in vielen Ländern des globalen Südens der Fall ist. Dann müssen einzelne Orientierungspunkte auf den Fotos verglichen werden.

Für die Amnesty-Ermittler vor Ort ist die Arbeit des DVC von zentraler Bedeutung, erklärt Sam Dubberley: "Kürzlich war eine Mitarbeiterin von uns im Jemen und interviewte Flüchtlinge aus der Provinz al-Hudaida, also jenem Gebiet, in dem saudische Streitkräfte gegen Huthi-Rebellen kämpfen. Die Flüchtlinge erzählten ihr, dass Familienmitglieder bei Luftangriffen getötet worden seien. Sie konnte diese Aussagen aber nicht überprüfen, weil eine Reise in das Kriegsgebiet zu gefährlich gewesen wäre." Also schaltete sie das DVC ein. Während sie ihre Recherchen weiterführte, versuchten die Studenten herauszufinden, ob die Luftangriffe stattgefunden hatten, und zwar an dem Tag und an dem Ort, den die Flüchtlinge genannt hatten. "Über öffentlich zugängliche Informationen im Internet konnten wir bestätigen, dass der betreffende Ort angegriffen wurde. Wir identifizierten die Tankstelle, die bombardiert worden war, und sahen einige ­zivile Opfer." Diese Information wurde sofort an die Amnesty-Ermittlerin weitergeleitet, die damit Beweismaterial hatte, das ihren Bericht untermauerte.

Ein Mann hat seinen Kopf auf die Hand gestützt und blickt nachdenklich.

Genauer Blick. Sam Dubberley.

Es sei erstaunlich, wie viele Informationen man im Internet finde, sagt Michael Nyarko. "Wir erhielten einmal ein Video, das angeblich in der Demokratischen Republik Kongo im Juni aufgenommen worden war. Wir wissen, dass das die Regenzeit ist – und es gibt Tools, mit denen man herausfinden kann, wie das Wetter an einem bestimmten Ort und zu einer bestimmten Zeit war. Wir stellten fest, dass es im Video viel zu sonnig war, als dass es im Juni hätte aufgenommen werden können." Die Schwierigkeit bestehe oft darin, den genauen Zeitpunkt eines Ereignisses zu bestimmen; oft stammt Bildmaterial zwar vom betreffenden Ort, wurde aber schon viel früher aufgenommen als angegeben.

Auch ist die Versuchung groß, ein Übermaß an Informationen mit Authentizität gleichzusetzen: "Wenn man die gleichen Berichte in verschiedenen Zeitungen und Websites liest, besonders auf renommierten, hat man schnell das Gefühl, es sei relevant und echt", sagt Nyarko. "Aber wenn man sich die Sache dann genauer anschaut, stellt sich heraus, dass sich alle Medien auf ein und dasselbe Video beziehen – und wenn das nicht authentisch ist, sind alle Berichte falsch. Nur weil BBC oder CNN ­einen Bericht veröffentlichen, heißt das nicht, dass es sich um eine verlässliche Quelle handelt." Auf der anderen Seite ist eine anonyme Quelle nicht automatisch weniger zuverlässig – die ­betreffende Person will vielleicht einfach anonym bleiben, weil es sich um heikle Informationen handelt.

Amnestys digitale Ermittler

Die Verifizierung der Welt

Immer mehr Machthaber bezeichnen unliebsame Informationen als "Fake News". Andere verbreiten bewusst Fehlinformationen. Dagegen setzt Amnesty International auf kritische Faktenchecks und verifizierbare Recherchen.

Von Tirana Hassan, Leiterin des Amnesty-Krisenreaktionsteams

Die rasante Entwicklung des Internets macht vor Menschenrechtlern nicht Halt. Fotos und Videos aus sozialen Netzwerken und Chat-Apps haben viele Amnesty-Berichte der vergangenen Jahre überhaupt erst möglich gemacht. Sei es über die verbrannten Dörfer der Rohingya in Myanmar, über die völkerrechtswidrige Belagerung ganzer Städte in Syrien oder über die Drangsalierung von Geflüchteten auf der zu Papua-Neuguinea gehörenden Insel Manus. Weil billige Handys mit hochauflösenden Kameras überall erhältlich sind, können Menschenrechtsverletzungen fast überall dokumentiert werden – von fast jedem.

Amnesty kann Betroffenen aber nur dann wirklich Gehör verschaffen, wenn die gesammelten Informationen stimmen. Deshalb verwenden unsere Mitarbeiter viel Zeit darauf, sie zu verifizieren. Denn nur selten sind die Mitglieder unseres Krisenteams genau dann vor Ort, wenn Menschenrechte verletzt werden. Meist lässt sich erst im Nachhinein überprüfen, ob bestimmte Vorgänge sich tatsächlich so abgespielt haben, wie zum Beispiel von Journalisten berichtet. Um das sicherzustellen, sind unsere Mitarbeiter in den Techniken des Verifizierens geschult.

Das ist auch deshalb so wichtig, weil immer mehr Machthaber Informationen als "Fake News" abtun, nur weil sie mit der Verbreitung bestimmter Fakten nicht einverstanden sind. Syriens Präsident Baschar al-Assad etwa bezeichnete den Amnesty-Bericht über Tausende Exekutionen im Sadnaya-Gefängnis 2017 als "Fake News".

Wir sollten nicht in die Falle tappen, diesen Begriff ebenfalls zu verwenden, denn er unterstellt, dass Menschen lügen, um ­andere absichtlich in die Irre zu führen. Gerade weil der Begriff "Fake News" so einprägsam ist, übernimmt man ihn schnell. Doch indem wir ihn benutzen, spielen wir denen in die Hände, die Fakten verfälschen wollen. Anders sieht es bei Desinformation aus – dabei handelt es sich um Falschnachrichten, die bewusst verbreitet werden.

Forscher der Harvard-Universität sprechen deshalb auch von Fehlinformationen statt von "Fake News". Begriffe bewusst zu setzen, hilft, um denen entgegenzutreten, die die Arbeit von zivilgesellschaftlichen Organisationen diskreditieren wollen. Oft ist den Nutzern von Facebook, Twitter oder anderen sozialen Medien gar nicht bewusst, dass sie "Fake News" teilen. Umso wichtiger ist die Differenzierung.

Zumal die Entwickung im digitalen Raum weiter rasant fortschreitet. So ist es zum Beispiel längst möglich, in Videos Gesichter von Personen einzufügen, die überhaupt nicht vor Ort waren. Die Qualität nachträglich bearbeiteter Videos – auch als "Deep Fake" bekannt – wird immer besser. Mit einem Mausklick lässt sich eine Aufnahme von Winter- auf Sommerwetter umstellen.

Was bedeutet das für die Welt, wenn solche Videos alltäglich werden? Wozu könnten sie genutzt werden? Zur Panikmache vielleicht? In einer Welt im Umbruch, in der es viele potenzielle Wohlstandsverlierer gibt, eignen sich manipulierte Videos sehr gut dazu, deren Ängste zu instrumentalisieren.

Autoritäre Politiker und Bewegungen lieben "Fake News". Dagegen setzen Menschenrechtler die digitalen Entwicklungen bewusst ein, um eine zunehmend vergiftete Atmosphäre sichtbar zu machen. Wir kämpfen weiterhin mit aller Kraft für eine Welt, in der sich jeder auf die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte berufen kann, ohne Gefahr für Leib und Leben ­befürchten zu müssen. Dabei können leider auch Fehler pas­sieren – deshalb ist es für unsere Arbeit so wichtig, ­alles zu ­verifizieren.

Verstörende Bilder

Der Leiter des Digitalen Verifizierungskorps von Amnesty International, Sam Dubberley, über die Gefahren ­digitaler Recherche – und Maßnahmen, um psychischen Belastungen ­vorzubeugen.

Die Welt wird immer digitaler, und wir werden in Zukunft noch mehr mit Videos und Fotos arbeiten. Zu unserer Recherchearbeit gehört auch, dass wir uns die grauenvollsten Dinge ansehen müssen, die Menschen einander antun können. Amnesty-Mitarbeiter haben oft nur begrenzten Zugang zu Kriegs- und Krisengebieten, doch können sie sich nahezu in Echtzeit über Konflikte informieren, indem sie Fotos und Videos von Augenzeugen nutzen, die in den sozialen Medien zirkulieren. Für diejenigen, die diese verstörenden Bilder akribisch verifizieren, besteht die Gefahr einer sekundären Traumatisierung, auch Burnout, Depression und Drogenmissbrauch können drohen.

Wissenschaftliche Untersuchungen haben gezeigt, dass die intensive Beschäftigung mit gewaltsamen Bildern sogar posttraumatische Belastungsstörungen verursachen kann. Menschenrechtsorganisationen, die mit diesem Material arbeiten, müssen diese Risiken sehr ernst nehmen. Denn nur, wenn wir auf unsere eigene Gesundheit achten, können wir dazu beitragen, dass diese Videos und Fotos schließlich dazu genutzt werden, um die Täter zur Rechenschaft zu ziehen.

Das Bewusstsein für diese Problematik ist auch bei Amnesty International stark gewachsen. Die ehrenamtlichen Mitarbeiter des Digitalen Verifizierungskorps erhalten sogenannte Resilienz-Schulungen von professionellen Trainern, um eine Traumatisierung zu verhindern. Früher wurden psychische Probleme allzu oft wie körperliche Verletzungen behandelt, bei denen es nur zwei Möglichkeiten gibt: Entweder ist das Bein gebrochen oder es ist heil. Bei psychischen Problemen ist das Spektrum möglicher Verletzungen jedoch viel größer. Die Resilienz-Schulung soll gewissermaßen dafür sorgen, dass es gar nicht erst zum Beinbruch kommt. Auch die Universitäten der DVC-Mitglieder haben das Wohlbefinden der Ehrenamtlichen im Auge. So haben diese stets die Möglichkeit, bestimmte Projekte abzulehnen und das Gespräch mit vertrauenswürdigen Seelsorgern zu suchen.

Im Umgang mit belastenden Inhalten in Videos und Fotos gilt es, drei einfache Regeln zu beachten.

1. Belastung durch Ton gering halten. Forschungen zeigen, dass Personen grausame Videos viel belastender empfinden, wenn darin Menschen aufgrund von Qualen oder Todesangst schreien oder andere Geräusche, die auf Gewalteinwirkung hindeuten, zu hören sind. Man sollte sich daher vor dem Betrachten von potenziell traumatisierendem oder belastendem Augenzeugenmaterial überlegen, ob der Ton wirklich notwendig ist oder abgeschaltet werden kann.

2. Grauenvolle Bilder wirken traumatisierender, wenn sie den Betrachter überraschen. Menschenrechtsaktivisten berichten, dass es für sie schlimmer war, traumatisierende Inhalte zu sehen, wenn sie nicht darauf vorbereitet waren. Wer verstörende Inhalte an andere weitergibt, sollte diese deshalb immer vorab als solche kennzeichnen.

3. Für Mitarbeiter, die mit belastenden Videos arbeiten, ist das Arbeitsklima besonders wichtig. Studien zeigen, dass Mitarbeiter es schätzen, wenn sie in einem Umfeld arbeiten, in dem es möglich ist, offen über die Auswirkungen traumatisierender Bilder und Inhalte zu sprechen. Vorgesetzte sollten deshalb da­rauf achten, ein entsprechendes Arbeitsklima zu schaffen. 

Akademiker und Aktivisten

Kurz vor der Mittagspause im Pembroke College schaltet sich ­Tirana Hassan, die Leiterin des Krisenteams von Amnesty International, per Skype von Washington zu. "Das DVC ändert die Art und Weise, wie Amnesty Menschenrechtsverletzungen dokumentiert", sagt sie. "Dank eurer Arbeit haben wir immer mehr eindeutige Beweise, die es schwerer machen, ein Verbrechen pauschal abzustreiten."

Die digitalen Überprüfer spielen mittlerweile bei fast allen Amnesty-Berichten eine Rolle. Ausnahmen waren zum Beispiel Berichte über die syrische Stadt Rakka. Dort gab es kaum Fotos oder Videos, weil die IS-Miliz jeden tötete, den sie mit einer Kamera oder einem Smartphone erwischte. "Dagegen stützen sich neue Berichte zum Beispiel über Myanmar oder Nicaragua in hohem Maße auf die Arbeit der DVC-Teams", sagt Sam Dubberley. "Besonders in Fällen, die mutmaßliche Verstöße gegen das Völkerrecht betreffen, gibt es eine riesige Fülle von Material in den sozialen Medien."

Dabei ist hilfreich, dass sich die Studenten vom DVC mit der Materie auskennen: Viele von ihnen haben Jura studiert und sich auf Völkerrecht spezialisiert. Sie sind sowohl Akademiker als auch Aktivisten – und zuweilen ist es schwierig, dies auseinanderzuhalten: "Wenn man sich leidenschaftlich für eine Sache einsetzt und auf vermeintliche Beweise stößt, die die eigene Sichtweise bestätigen, ist man versucht, die Information für ­authentisch zu halten", sagt Michael Nyarko. Deshalb ist in ­solchen Fällen doppelte Vorsicht geboten.

Zwei Frauen sitzen an einem Laptop und unterhalten sich

Aufmerksame Beobachterin. Sonia Hamilton (links).

Distanz und Nähe

Vielen Studenten bereitet es zudem Probleme, mit Videos umzugehen, auf denen grausame Verbrechen zu sehen sind. Eine Studentin aus Essex erklärt das Dilemma, vor dem sie oft steht: "Auf der einen Seite will ich die Bilder nicht sehen, aber auf der anderen Seite weiß ich, dass es sehr wichtig ist, sie anzuschauen." Eine Kollegin aus Südafrika erzählt, dass sie sich bei der Analyse gewaltsamer Auseinandersetzungen in Kamerun mit einem einfachen Mittel behalfen: "Wir hatten ein Video, auf dem zu sehen war, wie ein Mann angeschossen wurde, aber noch immer lebte. Weil wir uns das Video immer wieder an­sehen mussten, um den Ort des Verbrechens zu bestimmen, klebten wir einfach ein Pflaster auf den Bildschirm, um die ­Verletzung zu überdecken."

Die DVC-Teams lernen jedoch auch, wie sie mit traumatischen Erfahrungen umgehen können. So berichtet Sonia Hamilton von der Universität Berkeley: "Vergangene Woche kam es erstmals vor, dass mich grausames Bildmaterial, das ich aufgespürt hatte, emotional zu sehr mitnahm", erzählt sie. "Zum Glück hatte ich gelernt, welche Methoden ich anwenden muss, um mich davon zu distanzieren – ich stellte den Computer ab, nahm mir den Rest des Tages frei und schaute mir lustige ­Videos an, um mich abzulenken." Wichtig sei es, eine klare ­Distanz zu wahren zwischen dem eigenen Alltag und den ­Bildern, die man analysiert. 

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