Aktuell Myanmar 23. Mai 2018

Amnesty-Recherchen belegen Massaker an Hindus im Bundesstaat Rakhine

Soldaten helfen Menschen aus einem Fluß auf bergiges Gelände zu steigen

Myanmarische Sicherheitskräfte begleiten hinduistische Dorfbewohner, die im September 2017 die Massengräber ihrer getöteten Verwandten im Bundesstaat Rakhine besuchen

Aktuelle Recherchen von Amnesty International im Bundesstaat Rakhine belegen, dass eine bewaffnete Gruppe von Rohingya-Kämpfern für mehrere Gräueltaten verantwortlich ist, die im August 2017 verübt wurden.

Bei mindestens einem, wahrscheinlich aber zwei Massakern wurden bis zu 99 hinduistische Frauen, Männer und Kinder getötet. Außerdem fielen hinduistische Dorfbewohnerinnen und -bewohner weiteren rechtswidrigen Tötungen und Verschleppungen zum Opfer. Dutzende Befragungen in Rakhine und in grenznahen Gebieten in Bangladesch sowie von Gerichtsmedizinerinnen und -medizinern ausgewertete fotografische Beweise zeigen: Die Kämpfer der Arakan Rohingya Salvation Army (ARSA) haben mit diesen brutalen Angriffen Angst und Schrecken unter den Hindus und anderen ethnischen Gruppen verbreitet.

Unsere Recherchen vor Ort haben dieses dunkle Kapitel von bislang wenig untersuchten Menschenrechtsverletzungen der ARSA im nördlichen Bundesstaat Rakhine endlich ans Licht gebracht. Die Rechenschaftspflicht ist für diese Gräueltaten genauso elementar wie für die Verbrechen gegen die Menschlichkeit, die von den Sicherheitskräften Myanmars im Norden des Bundesstaates Rakhine begangen wurden.

Tirana
Hassan
Direktorin des Krisenteams von Amnesty International

Hinduistische Dorfbevölkerung wird angegriffen

Am 25. August 2017 griff die ARSA gegen 8 Uhr die hinduistische Dorfbevölkerung von Ah Nauk Kha Maung Seik im Norden des Township Maungdaw an. Bewaffnete, schwarzgekleidete Männer sowie Rohingya aus dem Dorf in Zivilkleidung trieben Dutzende hinduistische Frauen, Männer und Kinder zusammen. Sie raubten sie aus, fesselten sie und verbanden ihnen die Augen. Anschließend trieben sie sie an den Rand des Dorfes, wo sie die Männer von den Frauen und Kindern trennten. Einige Stunden später töteten die ARSA-Kämpfer 53 Hindus, wobei sie mit den Männern begannen.

Acht Frauen wurden mit acht ihrer Kinder verschleppt und verschont, nachdem sie von ARSA-Kämpfern dazu gezwungen worden waren, zum Islam zu "konvertieren". Alle acht Überlebenden berichteten Amnesty International, dass sie entweder gesehen hatten, wie ihre hinduistischen Verwandten getötet wurden oder dass sie deren Schreie gehört hatten.

Sie haben die Männer niedergemetzelt. Wir durften die Täter nicht ansehen ... Sie hatten Messer. Außerdem hatten sie ein paar Spaten und Eisenstangen ... Wir haben uns dort in den Büschen versteckt, von wo aus wir ein wenig sehen konnten ... Mein Onkel, mein Vater, mein Bruder – alle wurden niedergemetzelt.

Die 18-jährige Raj Kumari beschreibt den Angriff auf ihr Dorf Ah Nauk Kha Maung Seik

Dorfbewohnerinnen und Dorfbewohner "verschwanden"

Die etwa 20-jährige Formila beobachtete, wie ARSA-Kämpfer die anderen Frauen und Kinder töteten. Im Gespräch mit Amnesty International sagte sie: "Ich sah, wie die einen die Köpfe und Haare [der Frauen] festhielten, die anderen hatten Messer in der Hand. Und dann haben sie ihnen die Kehle durchgeschnitten."

Amnesty International erhielt eine Liste, in der die Toten genau aufgeführt sind. Demnach handelt es sich bei den Opfern von Ah Nauk Kha Maung Seik um 20 Männer, 10 Frauen und 23 Kinder, wovon 14 noch nicht einmal acht Jahre alt waren. Am gleichen Tag "verschwanden“ alle 46 hinduistischen Bewohnerinnen und Bweohner des Nachbardorfes Ye Bauk Kyar. Mitglieder der hinduistischen Gemeinschaft von Nord-Rakhine vermuten, dass diese von denselben ARSA-Kämpfern getötet wurden wie die hinduistischen Bewohnerinnen und Bewohner von Ah Nauk Kha Maung Seik. Somit wird von insgesamt 99 Todesopfern ausgegangen. Ende September 2017 wurden die Leichname von 45 Personen aus Ah Nauk Kha Maung Seik aus vier Massengräbern geborgen. Von den restlichen hinduistischen Dorfbewohnerinnen und Dorfbewohnern sowie von den 46 Hindus aus Ye Bauk Kyar fehlt jedoch bis heute jede Spur.

Amnesty dokumentiert mehrere Tötungen

Amnesty International dokumentierte außerdem die Beteiligung von ARSA-Kämpfern an weiteren Tötungen und Angriffen, die sich gegen Mitglieder anderer Bevölkerungsgruppen richteten. Die Tötungen erfolgten nur wenige Tage nach dem Beginn einer Anschlagserie auf etwa 30 Polizeiwachen durch die ARSA am 25. August 2017, auf die die Sicherheitskräfte mit einer Welle rechtswidriger und unverhältnismäßiger Gewalt reagierten. Amnesty International und andere Organisationen haben die in diesem Rahmen begangenen Verbrechen und Menschenrechtsverletzungen umfassend dokumentiert, die unter dem Völkerrecht als Verbrechen gegen die Menschlichkeit gelten. Dazu zählen Tötungen, Vergewaltigungen und andere sexualisierte Gewalt, Folter, das Niederbrennen von Dörfern sowie Verhungernlassen. Mehr als 693.000 Rohingya mussten nach Bangladesch fliehen, wo sie sich bis heute aufhalten.

Während des Gewaltausbruchs wurden auch weitere Zehntausende Angehörige anderer Bevölkerungsgruppen innerhalb des Bundesstaates Rakhine vertrieben. Die meisten sind in der Zwischenzeit wieder zurückgekehrt. Doch einige leben auch weiterhin in Notunterkünften, entweder weil ihre Häuser zerstört wurden oder aus Angst vor weiteren Angriffen der ARSA.

Nach den schrecklichen Angriffen der ARSA folgten die ethnischen Säuberungen des myanmarischen Militärs gegen die Rohingya. Beide müssen dafür verurteilt werden. Menschenrechtsverletzungen der einen Seite rechtfertigen niemals Verletzungen durch die andere Seite. Alle Überlebenden und Familien der Betroffenen haben das Recht auf Gerechtigkeit, Wahrheit und Wiedergutmachung für den immensen Schaden, den sie erlitten haben.

Tirana
Hassan
Direktorin des Krisenteams von Amnesty International

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