Amnesty Journal 19. September 2019

Klimawandel: "Als Konsument bin ich Mitverursacher des Schlamassels"

Interview mit dem Philosophen Bernward Gesang
Ein Mann steht an einem Pult und gestikuliert

Der Philosoph Bernward Gesang beschäftigt sich mit Menschenrechten und Wirtschaft.

In Zeiten des Klimawandels ist bewusster Konsum gefordert. Aber wie viel kann der Einzelne bewirken? Und welche Aufgaben haben Staaten und Unternehmen? Der Philosoph Bernward Gesang gibt Antworten.

Interview: Lea De Gregorio

Muss ich mir als Konsument ethische Fragen stellen?

Dass man von uns als Konsumenten etwas verlangen kann, ist ein Gedanke, an den wir uns grundsätzlich gewöhnen müssen. Unser Lebensstil zwingt uns eine Mitverantwortung auf – etwa am Klimawandel. Allein schon aus dem Grund, dass ich Nutznießer des Systems bin. Es fängt bei meinem Frühstück an – dem Ei und anderen tierischen Produkten, und dem Müsli, das ich esse. Denn bei der Produktion dieser Nahrungsmittel wurde CO2 verbraucht. Ebenso bei dem T-Shirt aus Bangladesch, das ich trage.

Welche Pflicht haben Staaten?

Es ist primär die Aufgabe von Staaten, uns aus dem Schlamassel zu ziehen. Aber sie allein schaffen es nicht – oder wollen es nicht schaffen. Als Konsument bin ich Mitverursacher des Schlamassels und mitverantwortlich. Und ich bin auch Leidtragender. Den Klimawandel bekommen wir alle zu spüren – und auch unsere Enkelkinder. Das merken wir an den verdorrten Ernten im Sommer. Ich habe also gute Gründe mich zu bemühen, den Schlamassel zu verkleinern. Den Autoschlüssel und die Flugtickets wegzuwerfen, halte ich aber nicht für die sinnvollste Methode, dem Klimawandel entgegenzuwirken. 

Sondern?

Beim Klimaschutz stellt sich die Frage, welchen Effekt die Handlung eines Einzelnen hat. Es hilft nur, wenn es genügend andere Menschen auch machen. Aber das ist fraglich. Auch weil sich nur ein paar Prozent der Eliten der Industrieländer um solche Fragen kümmern. Aus der Moralpsychologie weiß man außerdem, dass die Menschen abspringen, wenn man die Forderungen an den Einzelnen zu hoch schraubt, was die Gefahr ist, wenn wir fordern, uns ganz umzustellen. Anstatt den Lebensstil zu ändern, halte ich es für sinnvoller, wenn wir als Konsumenten Geld spenden, damit jemand im Amazonasbecken ein Auskommen hat, ohne dass er dafür den Regenwald abholzen muss. Damit ist einerseits dem Menschen geholfen, indem ich einen Beitrag zur Armutsbekämpfung geleistet habe und zwar unabhängig davon, was andere tun. Meine Hilfe ist nicht umsonst und hat noch mögliche Nebenwirkungen: dem Klima ist geholfen, da so der CO2-Ausstoß gesenkt wird und Artenschutz betrieben werden kann. So verbinde ich effizient Klimaschutz und Menschenrechte und erhalte die Motivation zu helfen.

Auch langfristig gesehen?

Natürlich müssen wir langfristig auch von unserem Lebensstil runter. Aber die Hoffnung bei dieser Strategie ist, dass wir Zeit gewinnen. Diese kann die Technologie nutzen, um uns zum Beispiel unsere geliebte Individualmobilität im Sinne von Wasserstoffautos zu ermöglichen – und das klimaneutral.

Und welche Pflicht haben Unternehmen?

Die stehen unter dem Konkurrenzdruck und Selbstbehauptungszwang des kapitalistischen Systems. Kapitalistische Wirtschaft und Ethik sind Antagonisten. Deshalb muss der Staat dabei helfen, dass Unternehmen nicht vom Markt gehen müssen, wenn sie sich um Ethik bemühen. Ich argumentiere in meinem Buch „Wirtschaftsethik und Menschenrechte“, dass Unternehmen eine Spendenpflicht haben, um die größte Not auf der Welt zu bekämpfen. Denn sie sind deren Mitverursacher. Zudem haben sie viel mehr Möglichkeiten als einzelne Individuen, durch politischen Einfluss zu helfen – gerade in Entwicklungsländern. Dort werden oft Anreize geschaffen, die es ihnen schmackhaft machen, sich dort niederzulassen, etwa durch Steuerentgegenkommen. Unternehmen könnten aber stattdessen politisch  darauf hinwirken, dass die Menschenrechte auch dort geachtet werden.

Wie lässt sich ethisches und ökonomisches Denken überhaupt vereinen?

Beides lässt sich dann vereinen, wenn sogenannte Win-Win-Verhältnisse dabei herauskommen. Wenn also ökonomisch etwas bewirkt wird, was ethisch gewünscht ist. Das hängt wiederum stark von der Nachfrage des Konsumenten ab. Solange kein Win-Win-Verhältnis möglich ist, bleibt aber immer eine Lücke zwischen Ethik und Wirtschaft. Die muss letztendlich der Staat mit Anreizen oder Verboten stopfen.

Inwiefern sind Menschenrechte für ethisches Wirtschaften ein Kompass?

Die Menschenrechte sind relativ breit anerkannt, gerade in Industrieländern. Sie sind daher ein guter Kompass. Sie sind so formuliert, dass sie den größten Schaden vom Individuum fernhalten, den das kapitalistische Wirtschaftssystem verursachen kann. Soziale Menschenrechte müssten aber so interpretiert werden, dass sie auf die Arbeitswelt anwendbar sind.

In Ihrem Buch argumentieren Sie für einen Utilitarismus.

Utilitarismus wird in den Feuilletons meist als Nutzendenken oder ökonomisches Denken verstanden. Als akademische Ethik hat der Utilitarismus aber die Maximierung des Wohlergehens und Glücks aller zum Ziel – im Gegensatz zum Egoismus.

Was Glück heißt, bleibt dann noch eine offene Frage.

Da hat der Utilitarismus eine ganz gute Antwort gefunden: Glück und Wohlergehen ist das, das zu erhalten, was man wirklich wünscht. Insofern kann jeder selbst entscheiden, was zu seinem Glück gehört.

Existenzsicherung und die Einhaltung grundlegender Menschenrechte wären ein Anfang. Warum wirtschaften wir nicht schon längst dementsprechend?

Dass wir globale Belange ernst nehmen, entspricht nicht unbedingt unserer anthropologischen Verfasstheit. Wir sind von der Evolution her geprägt, an uns selbst zu denken. Und wenn wir alles in unserer Umgebung verwüstet haben, dann ziehen wir weiter. Aber es gibt nur eine Erde. Wir müssen umlernen – global denken, langfristig denken, auch an den denken, den wir vielleicht nicht persönlich kennen. Doch dieses Umdenken ist für den Menschen erstmal mühevoll.

 

Bernward Gesang ist Professor für Philosophie an der Universität Mannheim. Sein Lehrbuch „Wirtschaftsethik und Menschenrechte: Ein Kompass zur Orientierung im ökonomischen Denken und im unternehmerischen Handeln“ erschien 2016 im utb-Verlag. 2011 veröffentlichte er seine Monografie „Klimaethik“ bei Suhrkamp.

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