Todesstrafe in Südostasien: Immer weniger Hinrichtungen
Amnesty-Aktion in Malaysias Hauptstadt Kuala Lumpur gegen die drohende Hinrichtung des malaysischen Staatsbürgers Pannir Selvam Pranthaman in Singapur (19. Februar 2025)
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In Südostasien hat es in den vergangenen Jahren große Fortschritte gegeben im Kampf gegen die Todesstrafe. Dies dokumentiert ein neuer Amnesty-Bericht. Mehrere Staaten führten weniger Hinrichtungen durch und begrenzten den Anwendungsbereich der Todesstrafe.
Der Amnesty-Bericht "Changing Tides: Reform and resistance on the death penalty in ASEAN" verweist auf eine Welle von Reformen, die in den vergangenen 20 Jahren zu einem Rückgang der Hinrichtungen führte in den Mitgliedstaaten des "Verbandes südostasiatischer Staaten" (ASEAN). Diese positive Entwicklung gibt der Bewegung für die Abschaffung der Todesstrafe neuen Schwung in einer Region, die historisch gesehen für ihre starke Befürwortung dieser grausamen Strafe bekannt ist, so Amnesty International im Vorfeld des Welttages gegen die Todesstrafe am 10. Oktober.
Der Staatenbund ASEAN umfasst mittlerweile 11 Länder: Brunei Darussalam, Kambodscha, Indonesien, Laos, Malaysia, Myanmar, die Philippinen, Singapur, Thailand, Timor-Leste und Vietnam. Drei dieser Staaten haben die Todesstrafe bereits gesetzlich vollständig abgeschafft: Kambodscha, Philippinen und Timor-Leste. Seit Juli dieses Jahres ist es in Indonesien zehn Jahre her, dass ein Mensch hingerichtet wurde. Malaysia und Thailand sind auf dem Weg, diesen Meilenstein ebenfalls zu erreichen – im Jahr 2027 beziehungsweise 2028. Auch in Brunei Darussalam und Laos wurden 2026 keine Hinrichtungen durchgeführt und in den vergangenen Jahrzehnten nur selten Todesurteile verhängt.
"Die Zahl der ASEAN-Länder, in denen Hinrichtungen vollstreckt werden, ist stetig zurückgegangen. In den vergangenen fünf Jahren wurden nur noch in Myanmar, Singapur und Vietnam Hinrichtungen verzeichnet", so Joshua Ericsson, Geschäftsführer von Amnesty International in Malaysia. "Diese Entwicklung unterstreicht die zunehmende Isolation derjenigen Staaten weltweit, die weiterhin Hinrichtungen durchführen und die Beibehaltung dieser grausamen Strafe damit rechtfertigen, dass sie für die öffentliche Sicherheit besonders wirksam sei. Die Reformen in den ASEAN-Staaten zeigen, dass dies keine haltbare Position ist. Wenn Menschenrechte zum Leitprinzip strafrechtlicher Maßnahmen werden, gerät die Todesstrafe ins Wanken. Die Staaten müssen den Schritt von längeren Vollstreckungspausen hin zu formellen Moratorien und letztendlich zur vollständigen Abschaffung per Gesetz vollziehen."
Mahnwache für Nagaenthran Dharmalingam (undatiertes Foto). Der malaysische Staatsbürger wurde am 27. April 2022 in Singapur wegen eines Drogendelikts gehängt.
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Ein Wandel hin zur Abschaffung der Todesstrafe
Mehrere ASEAN-Staaten haben weitreichende Reformen durchgeführt. Sie haben unter anderem:
- den Anwendungsbereich der Todesstrafe eingeschränkt
- die obligatorische Todesstrafe abgeschafft
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Verfahren zur Überprüfung bestehender Todesurteile eingeführt
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sich politisch verpflichtet, die Todesstrafe zu überprüfen oder einzuschränken
"Indonesien, Malaysia, Thailand und Vietnam führen diese neue Reformwelle an, indem sie den Anwendungsbereich der Todesstrafe immer weiter einschränken", so Joshua Ericsson. "Wenn sich dieser Trend fortsetzt, wird die Zahl der zum Tode Verurteilten und der Insass*innen von Todeszellen deutlich zurückgehen."
Thailand hat im Rahmen seines Betäubungsmittelgesetzes von 2021 die Fälle eingeschränkt, in denen bei Drogendelikten die Todesstrafe verhängt werden kann. In Malaysia haben die jüngsten Gesetzesreformen von 2023 den rechtlichen Rahmen der Todesstrafe im Land grundlegend verändert. Dies führte dazu, dass die Zahl der zum Tode Verurteilten bis Ende 2025 von mehr als 1.200 auf etwa 100 sank.
In Indonesien stuft das neue Strafgesetzbuch die Todesstrafe als sogenannte "Sonderstrafe" ein. Sie ist nur noch letztes Mittel: Nach zehn Jahren guter Führung kann ein Todesurteil in lebenslange Haft umgewandelt werden.
In Vietnam soll die Zahl der Straftaten, die mit der Todesstrafe geahndet werden, in weniger als zwei Jahren von 18 auf vier reduziert werden.Veränderte Sicht auf die Todesstrafe
In den vergangenen 20 Jahren wurden in den ASEAN-Ländern somit erhebliche Fortschritte in Richtung Abschaffung der Todesstrafe erzielt. Dadurch hat sich die Kluft zwischen den Ländern, die weiterhin Hinrichtungen vollstrecken, und denen, die auf ihre Abschaffung hinarbeiten, vergrößert.
"Es ist offensichtlich, dass sich die Art und Weise, wie die Todesstrafe in der gesamten Region angewendet wird, langsam, aber sicher verändert. Die Abschaffung dieser Praxis zeichnet sich ab, weil die Sorge um die Menschenwürde und die Einhaltung der internationalen Menschenrechtsnormen zunimmt", sagte Joshua Ericsson. "Es ist an der Zeit, einen Weg zu finden, diesen sich wandelnden Diskurs in konkrete Maßnahmen umzusetzen, um die rasche und vollständige Abschaffung dieser äußerst grausamen, unmenschlichen und erniedrigenden Strafe sicherzustellen."
Singapur zeigt sich stur gegenüber regionalen Trends
Singapur ist nach wie vor der einzige ASEAN-Mitgliedstaat, der bekanntermaßen regelmäßig Hinrichtungen vollstreckt und der sich offen gegen grundlegende Reformen ausspricht. Das Land stellt sich damit gegen den allgemeinen regionalen und globalen Trend, die Todesstrafe einzuschränken und abzuschaffen. In Singapur wurden in diesem Jahr bis zum 30. September 2026 insgesamt 19 Menschen hingerichtet – alle wegen Drogendelikten. Damit wurde die Zahl von 17 Hinrichtungen aus dem Jahr 2025 bereits übertroffen und die Zahl von neun Hinrichtungen aus dem Jahr 2024 mehr als verdoppelt.
Amnesty International hat weiterhin Fälle von obligatorischen Todesurteilen dokumentiert. Das heißt, dass eine bestimmte Straftat zwingend mit einem Todesurteil bestraft wird. Die Urteile wurden überwiegend wegen Drogenhandels verhängt und beruhen auf unfairen Verfahren. Diese Hinrichtungen sind nach den internationalen Menschenrechtsnormen und -standards rechtswidrig und willkürlich. Die Behörden in Singapur haben darüber hinaus ihre Bemühungen verstärkt, Aktivist*innen und Menschenrechtsverteidiger*innen, die sich im Kampf gegen die Todesstrafe engagieren, ins Visier zu nehmen, um sie zum Schweigen zu bringen.
Protestaktion in Singapur für die Abschaffung der Todesstrafe (3. April 2022)
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Wieder Hinrichtungen in Myanmar
Auch in Myanmar geht die Entwicklung in die falsche Richtung: Die Militärbehörden nahmen im Jahr 2022 staatliche Hinrichtungen wieder auf – nachdem zuvor mehr als 30 Jahre lang keine Todesurteile vollstreckt worden waren. Die Gerichtsverfahren, in denen die Todesurteile gesprochen wurden, sind grob unfair. In den Jahren 2025 und 2026 haben die Militärbehörden den Anwendungsbereich der Todesstrafe sogar noch ausgeweitet.
Staatsgeheimnis in Vietnam
In Vietnam ist die offizielle Zahl der Hinrichtungen nach wie vor ein Staatsgeheimnis. Das erschwert eine verlässliche Aussage über die Hinrichtungszahlen. Doch zum 1. Juli 2025 trat eine Reform in Kraft, die die Zahl der Straftaten, die mit der Todesstrafe geahndet werden, von 18 auf 10 Delikte verringerte. Außerdem wird im März 2027 über eine Gesetzesvorlage von August 2026 entschieden, die nur noch für vier Delikte die Todesstrafe vorsieht. Das wäre, wie bereits erwähnt, eine Verringerung von 18 auf vier Delikte in weniger als zwei Jahren.
Die Todesstrafe für Drogendelikte bleibt bestehen
Trotz allen Fortschritts in der Region wurden internationale Schutzmechanismen und Beschränkungen bei der Anwendung der Todesstrafe regelmäßig missachtet, oft unter Anführung von Sicherheitsbedenken und dem sogenannten "Antidrogenkrieg".
"Die Todesstrafe für Drogendelikte gilt nach wie vor in allen acht ASEAN-Mitgliedstaaten, die diese grausame Strafe weiterhin beibehalten. Das stellt einen Verstoß gegen internationale Menschenrechtsnormen und -standards dar", sagt Joshua Ericsson. "Singapur ist nach wie vor der Außenseiter in der Region, da es das einzige Land der ASEAN-Staaten ist, in dem wir Hinrichtungen wegen Drogendelikten bestätigen konnten und in dem es weiterhin zwingend vorgeschriebene Todesurteile wegen Drogenhandels gibt."
Vietnam hat 2025 die Todesstrafe für acht Straftaten per Gesetz abgeschafft, darunter den illegalen Transport von Drogen. Es wird erwartet, dass durch weitere Gesetzesänderungen die Zahl der Straftaten, die mit der Todesstrafe geahndet werden, bis auf vier reduziert wird. Diese Straftaten sind: Hochverrat, Mord, Terrorismus und illegale Herstellung von Betäubungsmitteln.
Thailand hat die Fälle eingeschränkt, in denen die Todesstrafe bei Drogendelikten verhängt werden kann. Nach der Abschaffung der obligatorischen Todesstrafe im Jahr 2023 wurden die von malaysischen Gerichten verhängten Todesurteile im Zusammenhang mit Drogen in der Regel in der Berufungsinstanz umgewandelt.
Amnesty-Protestaktion in Thailands Hauptstadt Bangkok für die Abschaffung der Todesstrafe (Archivaufnahme vom 9. Oktober 2011)
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Forderungen von Amnesty International
Amnesty International appelliert an alle ASEAN-Länder, die noch an der Todesstrafe festhalten, sie abzuschaffen beziehungsweise bis zur vollständigen Abschaffung umgehend ein offizielles Hinrichtungsmoratorium zu verhängen oder beizubehalten. Bis dahin sollten die Staaten:
- die Todesstrafe für Drogendelikte abschaffen
- das Recht auf ein faires Verfahren wahren
- alle Gesetze und Maßnahmen aufheben, die zu einer diskriminierenden Anwendung der Todesstrafe führen.
"Die Todesstrafe, die grausamste, unmenschlichste und erniedrigendste Strafe, existiert nach wie vor, doch ihre Abschaffung in der gesamten Region ist möglich, wenn wir angesichts nur einzelner Befürworter*innen weiterhin entschlossen für ihre Abschaffung eintreten", so Joshua Ericsson. "Jedes Jahr setzen sich weltweit Millionen von Menschen gegen die Todesstrafe ein und zeigen damit: Menschlichkeit ist die wahre Stärke. Amnesty International wird weiterhin weltweit ein Ende dieser grausamen Strafe fordern, bis auch die letzte Todeszelle abgeschafft ist."
Hintergrundinformationen
Am 10. Oktober 2026 wird der Welttag gegen die Todesstrafe zum 24. Mal begangen. Der Tag ist eine Initiative der Weltkoalition gegen die Todesstrafe, zu deren Gründungsmitgliedern Amnesty International gehört.
Amnesty International wendet sich in allen Fällen weltweit und ausnahmslos gegen die Todesstrafe, ungeachtet der Schwere und der Umstände einer Tat, der Schuld, Unschuld oder besonderen Eigenschaften der verurteilten Person oder der vom Staat gewählten Hinrichtungsmethode. Denn die Todesstrafe verletzt das in der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte festgeschriebene Recht auf Leben und stellt die grausamste, unmenschlichste und erniedrigendste aller Strafen dar.