Ukraine: Russlands Angriffe auf Energie-Infrastruktur lebensbedrohlich für Zivilbevölkerung
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Russland greift kurz vor dem Winter erneut gezielt Energieanlagen und Heizkraftwerke in der Ukraine an. Millionen Menschen laufen Gefahr, bei Frost ohne Strom und Heizung zu sein, die Zahl ziviler Opfer ist so hoch wie seit Jahren nicht. Russland muss die rechtswidrigen Angriffe sofort einstellen. Die Verantwortlichen müssen zur Rechenschaft gezogen werden.
Die Zahl der Zivilpersonen, die durch Russlands rechtswidrigen Angriffskrieg getötet oder verletzt wurden, ist in den vergangenen Monaten deutlich gestiegen. Laut UN lag sie von Januar bis September 2026 um 59 Prozent höher als im Vorjahreszeitraum. Die ersten beiden Oktoberwochen gehörten nach UN-Angaben zu den tödlichsten für die Zivilbevölkerung seit Jahren.
"Die Russische Föderation greift kurz vor einem kalten Winter erneut im großen Stil die ukrainische Energie- und Heizinfrastruktur an; dabei führt sie auch Angriffe fernab der Fronten durch", sagte Scott Edwards, Crisis Response Director bei Amnesty International.
"Diese Angriffe auf wichtige Infrastrukturanlagen haben direkte Konsequenzen für die Zivilbevölkerung und schaffen eine lebensbedrohliche Situation. Es handelt sich hierbei um eine rechtswidrige Kampagne unter eklatanter Missachtung des Kriegsrechts, die offenbar darauf abzielt, unerträgliche Lebensbedingungen für die ukrainische Zivilbevölkerung zu schaffen".
Gezielte Angriffe kurz vor dem Winter
Das russische Militär hat bereits in früheren Jahren kurz vor dem Winter gezielt die Energie-Infrastruktur in der Ukraine angegriffen. Daher ist offensichtlich: Die vorsätzlichen Angriffe auf Energieanlagen und Heizkraftwerke sind darauf ausgelegt, der Zivilbevölkerung großen Schaden und Leid zuzufügen.
Der Internationale Strafgerichtshof (IStGH) hat wegen möglicher Kriegsverbrechen Haftbefehle gegen zwei russische Militärs erlassen: Generalleutnant Sergei Iwanowitsch Kobylasch und Admiral Wiktor Nikolajewitsch Sokolow sollen Angriffe auf die ukrainische Strominfrastruktur angeordnet haben.
UN-Kommission: Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit
Am 26. Oktober 2026 legte die Internationale Untersuchungskommission zur Ukraine ihren Bericht vor. Demnach hat das russische Militär Kriegsverbrechen und Verbrechen gegen die Menschlichkeit begangen, indem es gezielt die Energie-Infrastruktur angriff. Millionen Menschen waren dadurch bei eisigen Temperaturen ohne Strom und Heizung.
Auch Amnesty International hat in der Vergangenheit dokumentiert: Russlands großangelegte Angriffe auf die Energie-Infrastruktur der Ukraine könnten wegen ihrer lebensbedrohlichen Folgen für die Zivilbevölkerung Kriegsverbrechen darstellen.
Zivile Opfer und großflächige Stromausfälle
Die UN-Mission zur Überwachung der Menschenrechte in der Ukraine hat für September 2026 festgestellt: Mindestens 328 Zivilpersonen wurden durch russische Angriffe getötet und 2.105 verletzt. Die Zahl der Getöteten und Verletzten lag damit um 85 Prozent höher als im September 2025. In 22 von 24 ukrainischen Regionen wurden Menschen getötet und verletzt.
Berichten zufolge kam es im Oktober zu weiteren schweren Angriffen:
- 13. und 14. Oktober: Mehrere Energieanlagen wurden getroffen, darunter drei der wichtigsten Kraftwerke Kyjiws. Etwa 600.000 Menschen hatten vorübergehend keinen Strom.
- 17. Oktober: Bei weiteren russischen Angriffen wurden mindestens acht Menschen getötet und 60 verletzt. Die Stromversorgung für mehr als eine Million Menschen in neun Regionen wurde unterbrochen.
Sowohl das russische Verteidigungsministerium als auch Präsident Wladimir Putin haben öffentlich angekündigt, dass die Energie-Infrastruktur der Ukraine gezielt angegriffen werden soll. Frühere Angriffe auf ukrainische Energieanlagen und Heizkraftwerke hatten massive Konsequenzen für die Zivilbevölkerung. Darüber wurde weithin berichtet, und die Folgen sind den russischen Behörden bekannt.
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Nach Angaben der Vereinten Nationen führten die russischen Streitkräfte im Winter 2025/26 mindestens 423 Angriffe auf die Strominfrastruktur und 74 Angriffe auf Heizkraftwerke durch.
Die Folge waren wiederholte Stromausfälle, die Millionen Menschen betrafen. Hunderttausende hatten bei Temperaturen unter –20 °C keine Heizung. Der Ausfall von Strom, Wasser und Heizung beeinträchtigte auch das Gesundheits- und Bildungswesen. Besonders schlimm waren die Folgen für ältere Menschen, Menschen mit Behinderungen, Frauen und Familien mit Kindern.
Was das humanitäre Völkerrecht vorschreibt
Laut humanitärem Völkerrecht sind Strom- und Heizanlagen zivile Objekte. Eine Ausnahme gilt nur, wenn sie (möglicherweise für einen bestimmten Zeitraum) der strengen Definition eines militärischen Ziels entsprechen. Doch selbst dann müssen die angreifenden Streitkräfte drei Grundsätze einhalten: das Unterscheidungsprinzip, den Verhältnismäßigkeitsgrundsatz und das Vorsichtsprinzip.
Als Kriegsverbrechen können gelten: gezielte Angriffe auf zivile Objekte, wahllose Angriffe sowie Angriffe, von denen zu erwarten ist, dass sie unverhältnismäßigen Schaden unter der Zivilbevölkerung anrichten.
Internationale Justiz muss gestärkt werden
Damit die Verantwortlichen für solche Verbrechen zur Rechenschaft gezogen werden können, braucht es starke und unabhängige internationale Justizmechanismen. Sie müssen gegen die Verantwortlichen ermitteln und sie strafrechtlich verfolgen können – auch wenn es sich um hochrangige Amtsträger*innen handelt.
Unterdessen geht die US-Regierung mit Sanktionen gegen den IStGH vor, um die Rolle des Gerichtshofs zu untergraben. Amnesty International hat alle Mitgliedstaaten des IStGH aufgefordert, sich dem mit angemessenen Maßnahmen entgegenzustellen. Sie sollen den Gerichtshof sowie das internationale Rechtssystem aktiv schützen.
Gegen Präsident Wladimir Putin hat der IStGH wegen möglicher Kriegsverbrechen Haftbefehl erlassen. Amnesty International hat die internationale Staatengemeinschaft aufgefordert, Präsident Putin festzunehmen und an den IStGH auszuliefern.
Das fordert Amnesty International
Von den russischen Streitkräften und Behörden:
- die systematischen Angriffe auf die ukrainische Energie-Infrastruktur einzustellen
- unverzüglich von weiteren Verstößen gegen das humanitäre Völkerrecht abzusehen
- keine zivile Infrastruktur wie Wohngebäude, Krankenhäuser und Schulen anzugreifen
- keine Menschen ins Visier zu nehmen, die keine Kombattanten sind
- den völkerrechtswidrigen Angriffskrieg gegen die Ukraine zu beenden
Von allen Konfliktparteien:
- das Unterscheidungsprinzip, den Verhältnismäßigkeitsgrundsatz und das Vorsichtsprinzip einzuhalten
- Zivilpersonen und zivile Objekte zu schützen
Von Staaten, die Rechenschaftsmechanismen unterstützen:
- die erforderliche Expertise und die notwendigen Ressourcen bereitzustellen, um Vorwürfe über Verstöße wirksam zu untersuchen, Beweise zu sichern und die mutmaßlich Verantwortlichen ausfindig zu machen – auch Kommandeur*innen und hochrangige Amtsträger*innen
Von allen Staaten:
- dringend Maßnahmen zu ergreifen, um die Funktionsfähigkeit des IStGH zu gewährleisten
- Haftbefehle des IStGH zu vollstrecken, wann und wo immer dies möglich ist