Aktuell Türkei 01. Dezember 2016

Lebenslange Repressionen

Lebenslange Repressionen

Die Menschenrechtsanwältin Erin Keskin

Die Rechtsanwältin Eren Keskin setzt sich seit über 30 Jahren für die Rechte von Frauen und Kurdinnen und Kurden in der Türkei ein. Nun droht erneut eine Verhaftung.

Von Timo Lehmann

Als Eren Keskin 14 Jahre alt war, erfuhr sie das, was ihr Vater vor seiner Familie bislang aus Sorge um seinen Arbeitsplatz verheimlicht hatte: Wir sind Kurden. "Aber ich wollte mich einfach nicht dafür schämen, Kurdin zu sein", sagt sie. Es war der Beginn einer Politisierung – ein Moment, der sie zu jener mutigen Menschenrechtlerin gemacht hat, der nun erneut Haft droht.

Die Rechtsanwältin Eren Keskin, geboren 1959 in Bursa, kämpft gegen Unrecht und ist dabei zahlreichen Repressionen ausgesetzt: Seit Beginn ihrer Arbeit im Jahr 1984 wurde sie vom türkischen Staat bedroht, festgenommen, verhört und eingeschüchtert. Weil Eren Keskin 1994 in einem Brief an die belgische Regierung das Wort "Kurdistan" schrieb, verurteilte ein türkisches Gericht sie zu zwei Jahren Haft.

Nach ihren Erfahrungen in einem Istanbuler Gefängnis gründete sie ein Rechtshilfeprojekt für Frauen, die von staatlichen Sicherheitskräften vergewaltigt worden sind. Sie war die Erste, die den massenhaften Missbrauch seitens türkischer Beamter in die Öffentlichkeit trug. 1999 verteidigte sie den PKK-Anführer Abdullah Öcalan vor Gericht.

Die 57-Jährige mit dem ausdrucksstarken Make-Up und den rhetorischen Spitzen wurde inzwischen mehrfach ausgezeichnet. 2001 verlieh ihr die deutsche Sektion von Amnesty International für ihren Einsatz den Menschenrechtspreis. "Eine Frau mit außergewöhnlichem Mut, unerschütterlicher Energie und einer selbstlosen Verpflichtung für die Sache der Humanität", attestierte ihr Laudator Roger Willemsen damals.

Und noch immer kämpft Eren Keskin: 2014 verurteilte ein Gericht sie erneut, weil sie in einer öffentlichen Rede die türkische Polizei für die Tötung eines 12-Jährigen verantwortlich gemacht hatte.

Erst kürzlich wurden Dutzende weitere Verfahren gegen sie eingeleitet, die sich auf ihre Funktion als Mitherausgeberin der kurdischen Zeitung "Özgür Gündem" beziehen. Auf Anordnung der türkischen Regierung wurde die Redaktion im August 2016 zerschlagen. Eren Keskin droht nun wieder Gefängnis – doch aufgeben wird sie nicht.

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