Aktuell Kamerun 07. Oktober 2016

"Die Menschen stehen zwischen den Fronten"

Menschenrechtsverletzungen im Kampf gegen Boko Haram
Kamerun: "Die Menschen stehen zwischen den Fronten"

Amnesty-Campaignerin Balkissa Ide Siddo im Oktober 2016

Balkissa Ide Siddo ist seit Februar 2015 Campaignerin im Amnesty-Büro in der senegalesischen Hauptstadt Dakar. Schwerpunktländer ihrer Arbeit sind Tschad, Gabun, die Republik Kongo, Kamerun und die Zentralafrikanische Republik. In Kamerun beschäftigt sie sich vor allem mit Boko Haram und den Menschenrechtsverletzungen, die die Armee im Kampf gegen diese bewaffnete Gruppierung begeht.

Interview: Vera Dudik

Wie hat Boko Haram die Sicherheitslage in Kamerun verändert?
Die bewaffnete Gruppierung Boko Haram ist im Norden des Landes seit 2013 aktiv und hat seit 2014 ihr Vorgehen deutlich verstärkt. Von Juli 2015 bis Juli 2016 hat Boko Haram mehr als 200 Anschläge verübt. Sie verschleppen und töten Menschen und brennen ganze Dörfer nieder. Besonders perfide ist, dass die Gruppe bevorzugt junge Mädchen dazu benutzt, Anschläge auszuführen, weil diese leichter durch Sicherheitskontrollen kommen. Im Norden des Landes herrscht Angst, während Menschen in anderen Regionen sich relativ sicher fühlen, solange sie nur das Gefühl haben, dass die Sicherheitskräfte die Aktivitäten von Boko Haram in den anderen Teilen des Landes eindämmen können. Sie denken sich: "Es ist egal, was die Armee tut – Hauptsache das Problem kommt nicht zu uns".

Mit welchen Maßnahmen hat die Regierung Kameruns auf diese Bedrohungslage reagiert?
2014 wurde ein neues Anti-Terror-Gesetz verabschiedet, das ein großes Problem darstellt. Es fasst Terrorismus sehr weit und schränkt das Recht auf freie Meinungsäußerung ein. Du bist allein schon deswegen Terroristin oder Terrorist, wenn du die öffentliche Ordnung störst. Vor Einführung des Anti-Terror-Gesetzes stand Kamerun kurz davor, die Todesstrafe abzuschaffen. Jetzt können Menschen hingerichtet werden, nur weil sie verdächtigt werden, Mitglied von Boko Haram zu sein. Sie werden willkürlich inhaftiert und in inoffiziellen Hafteinrichtungen gefoltert.

Terrorismus wird mit Repression bekämpft?
Ja, leider. Beide Seiten begehen Menschenrechtsverstöße. Natürlich sind wir für den Kampf gegen Terrorismus, aber nur, wenn dabei die Menschenrechte geachtet werden. Andernfalls stehen die Menschen zwischen den Fronten und werden zu Opfern beider Seiten.

Wie gewinnen Sie die Informationen für Ihre Berichte?
Bevor wir auf eine Ermittlunsgmission gehen, beobachten wir die Situation, um abschätzen zu können, was uns erwartet. Wenn wir dort sind, treffen wir Journalistinnen und Journalisten, Rechtsanwältinnen und Rechtsanwälte, Aktivistinnen und Aktivisten. Entscheidend ist, lokale Netzwerke zu nutzen. Wir sprechen mit Opfern und deren Familien, wir gehen in Gefängnisse. Zurück in Dakar überprüfen wir die Informationen, auch mit anderen Amnesty-Teams, die uns zum Beispiel die Echtheit von Fotos oder Videos bestätigen. Wir stellen sicher, dass das, was in den Bericht kommt, hundertprozentig stimmt. Aber wenn wir die kamerunischen Behörden treffen, um ihnen unsere Ergebnisse mitzuteilen, sagen sie jedes Mal, dass wir sie ohne Beweise beschuldigen.

Kann internationale Unterstützung zur Einhaltung von Menschenrechtsstandards im Kampf gegen Terrorismus beitragen?
Das kann nur funktionieren, wenn die kamerunischen Behörden von ihren Unterstützerinnen und Unterstützern konsequent zur Verantwortung gezogen werden. Die deutsche Regierung unterstützt Kameruns Armee beispielsweise mit Ausrüstung und Trainingsprogrammen. Diese Hilfe ist aber nicht an Bedingungen gebunden. Wir fordern darüber eine offene Diskussion. Deutsche Unterstützung darf nicht zu Menschenrechtsverletzungen in Kamerun beitragen! Sollte dies doch der Fall sein, muss diese Unterstützung sofort eingestellt werden. Das ist manchmal die einzige Sprache, die Regierungen verstehen. Deutsche Bürgerinnen und Bürger müssen einschreiten und ihrem Außenminister sagen: "Wir haben gehört, dass unser Geld dazu verwendet wird, eine Armee zu unterstützen, die die Rechte von Menschen in Kamerun verletzt – das dulden wir nicht!"

Hier finden Sie weitere Informationen zum Thema:

Kamerun: Verbrechen im Kampf gegen Boko Haram (30.08.2016)

Kamerun: Zivile Opfer im Kampf gegen Boko Haram (14.07.2016)

Kamerun: Fast 500 Tote durch Boko-Haram-Angriffe im Laufe eines Jahres (30.06.2016)

Weitere Artikel