Aktuell Irak 29. Mai 2013

Syrien - Aussichtslose Lage von Vertriebenen und Flüchtlingen

Kinder in einem syrischen Flüchtlingslager in Atmah

Kinder in einem syrischen Flüchtlingslager in Atmah

22. Mai 2013 - Der gewaltsame interne Konflikt in Syrien hat bereits Millionen Menschen dazu gezwungen, Zuflucht in anderen Teilen des Landes und in den Nachbarstaaten zu suchen. Mehr als 1,5 Millionen sind ins Ausland geflüchtet, hauptsächlich in den Libanon, nach Jordanien, die Türkei und in den Irak. Jedoch gibt es innerhalb des Landes mindestens dreimal so viele Binnenvertriebene, die bei Familie und Freunden Unterschlupf gefunden haben oder sich in provisorischen Lagern an der Grenze zur Türkei befinden. Donatella Rovera, Amnesty-Krisenbeauftragte, besichtigte einige dieser Auffanglager für Binnenvertriebene im März 2013.

Wie kommen Menschen in solche Lager?

Die Mehrheit der Binnenvertriebenen mussten überstürzt ihr Zuhause verlassen, als die syrische Armee wahllos Städte und Dörfer in ganz Syrien bombardierte und Zehntausende verletzte und tötete.

Ein Teil von ihnen wurde mehrere Male vertrieben, bis sie eines der Lager an der Grenze erreichten. Jedes Mal flohen sie an einen vermeintlich sicheren Ort, der jedoch ebenfalls schnell zur Zielscheibe der Bombenangriffe wurde, und so mussten sie immer wieder die Flucht ergreifen. Ich habe mich mit einer Frau unterhalten, die fünf Zufluchtsorte hinter sich lassen musste, bevor sie das Lager erreichte.

Was haben Sie in den Lagern in Syrien vorgefunden?

Die Flüchtlinge leben dort in armseligen Zuständen. Es gibt nur wenig Nahrung, wenig oder keine sanitären Einrichtungen und notdürftige Unterkünfte.

Viele von ihnen erhofften sich eine rasche Überquerung der Grenze in die Türkei, um in den dortigen Flüchtlingslagern (in denen die Bedingungen verhältnismäßig besser sind) einen Platz zu erhalten. Jedoch schränken die türkischen Behörden die Einreise in die Türkei seit August 2012 ein, so dass ein Großteil der Binnenvertriebenen in den sich rasch anwachsenden Lagern entlang der Grenze ausharren muss. Die Lage ist dort besonders aussichtslos, da nur sehr wenig Hilfe und Unterstützung diese Personen innerhalb Syriens erreicht.

Ganze Familien flüchteten nur mit den Kleidern, die sie auf dem Leib trugen und hinterließen ihr gesamtes Hab und Gut. Diejenigen, deren Häuser zerstört wurden, besaßen nichts mehr, das sie hätten mitnehmen können. Andere dachten, sie würden nur einige Tage abwesend sein, oder sie konnten einfach nichts mitnehmen, weil sie ihre Kinder tragen mussten, die Reise zu Fuß oder in überfüllten Fahrzeugen antraten.

Als ich im März das letzte Mal vor Ort war, war es kalt und der Regen hatte den tonhaltigen Boden in rutschigen Schlamm verwandelt. Es standen nicht genügend Zelte zur Verfügung, und ein Großteil war undicht oder so leicht, dass sie vom Wind weggeweht wurden. Die Menschen im Lager beschwerten sich über Nahrungsknappheit, und das Essen, welches während meines Besuchs verteilt wurde, bestand lediglich aus einer kleinen Portion wässriger Linsensuppe.

Wer ist am meisten betroffen?

Die Mehrzahl der Flüchtlinge im Lager sind Kinder, Frauen und ältere Personen. Die Männer bleiben oft zurück, um zu kämpfen oder um ihr Eigentum zu bewachen, da verlassene Häuser oft geplündert werden.

Wovor haben die Menschen im Lager am meisten Angst?

Der Krieg ist natürlich ihre größte Furcht. Sie haben Angst um ihre eigene Sicherheit und die ihrer Angehörigen. Seit die Regierung im August 2012 anfing, tägliche Luftangriffe durchzuführen, hat sich die Situation in Syrien rapide verschlechtert und eine steigende Anzahl von Zivilisten fällt jeden Tag den Gewalttaten zum Opfer.

Viele der Menschen, die ich in den Städten und Dörfern im Norden Syriens traf, wurden vertrieben und befinden sich mittlerweile in Lagern innerhalb und außerhalb Syriens. Sie fürchten um die Angehörigen, die sich noch in vom Konflikt verwüsteten Teilen des Landes befinden.

Wie steht es um die Flüchtlinge außerhalb Syriens?

Über 1,5 Millionen Syrer sind in die Nachbarländer Libanon, Jordanien, Türkei und Irak geflohen. Sie wohnen bei Familie oder Freunden, mieten Wohnungen oder kommen in Flüchtlingslagern unter.

Die Bedingungen in den Lagern sind unterschiedlich: im Gegensatz zu Jordanien sind sie in der Türkei verhältnismäßig gut. Jedoch haben die humanitären UN Organisationen wiederholt Besorgnis darüber ausgedrückt, dass sie nicht mit ausreichenden Mitteln ausgestattet sind, um die wachsende Anzahl syrischer Flüchtlinge zu versorgen. Da die Mehrheit der Flüchtlinge Frauen und Kinder sind, sollten angemessene Vorkehrungen getroffen werden, um ihren besonderen Bedürfnissen gerecht zu werden. Dies ist jedoch oft nicht möglich.

Das Problem der Binnenvertriebenen und Flüchtlinge ist eine Begleiterscheinung der Kernproblematik dieses Konflikts. Es handelt sich um die Art und Weise, in der dieser Krieg geführt wird: nämlich ohne jegliche Rücksichtnahme auf die Regeln des humanitären Völkerrechts, was wiederum ein unbeschreibliches Ausmaß an Leid, Verwüstung und Tod verursacht.

Wie beurteilen Sie die Reaktion der internationalen Staatengemeinschaft?

Die internationale Gemeinschaft hat, im direkten Umgang mit dem Konflikt selbst, phänomenal versagt, indem keine greifbaren Maßnahmen vereinbart wurden, um die involvierten Akteure unter Druck zu setzen. Ein abgestimmtes und entschiedenes Vorgehen zu Beginn des Aufstands hätte die gegenwärtige Eskalation des Konflikts verhindern können.

In Sachen des Flüchtlingsschutzes haben wieder einmal die Nachbarstaaten allein einen Großteil der Lasten und der Verantwortung übernommen. Nicht alle können in gleichem Maß Schutz und Versorgung bieten. Die internationale Staatengemeinschaft hat bislang keine effektiven Maßnahmen eingeleitet, um die Verantwortung für den Schutz der Flüchtlinge zu teilen und den humanitären Bedürfnissen der wachsenden Zahl von Flüchtlingen gerecht zu werden. Zudem wurden die am stärksten Betroffenen im Stich gelassen, da vor allem die Lager für Binnenvertriebene kaum Unterstützung erhalten haben.

Es gibt mehrere Gründe für diese Defizite. Zum Einen die Unsicherheit, die durch den bewaffneten Konflikt und das Verhalten aller Konfliktparteien verursacht wird. Zum Anderen verweigert die syrische Regierung den humanitären UN Organisationen den uneingeschränkten Zugang zu allen Teilen des Landes, insbesondere in die von der Opposition kontrollierten Gebiete. Diese Gebiete wären nach Einschätzung der UN Koordinatorin für humanitäre Hilfe am sichersten und effektivsten über die türkische Grenze zu erreichen, was die syrische Regierung ablehnt.

Was sollten die Regierungen unternehmen?

Die internationale Staatengemeinschaft muss mehr Druck auf die syrische Regierung ausüben, um den Zugang dringend benötigter Hilfslieferungen auch für die innerhalb von Syrien Vertriebenen zu verbessern. Den humanitären UN Organisationen müssen Hilfslieferungen sowohl grenzüberschreitend von den Nachbarstaaten aus als auch die innersyrischen Frontlinien überschreitend erlaubt und ermöglicht werden.

Gleichzeitig muss die internationale Gemeinschaft Druck auf die bewaffnete Opposition ausüben, damit diese sicherstellt, dass die humanitären Hilfsoperationen nicht behindert werden und die Sicherheit des Hilfspersonals gewährleistet wird.

Die Flüchtlinge, die sich und ihre Familien in den Nachbarländern in Sicherheit gebracht haben, zu versorgen ist das Mindeste, was die internationale Gemeinschaft leisten muss. Ein entschiedenes Handeln zur finanziellen und logistischen Unterstützung der Aufnahmeländer ist das Gebot der Stunde. Besonders schutzbedürftige Flüchtlinge sollten in sicheren Drittstaaten aufgenommen werden.

Wie sieht die Zukunft der Syrer aus?

Schon vor einem Jahr war die Situation im Land äußerst problematisch und, obwohl über eine Verschärfung spekuliert wurde, hätte niemand erahnen können, dass sich die Lage so bedeutend verschlechtert. Und es scheint noch kein Ende in Sicht.

Die von den Rebellen kontrollierten Gebiete werden von den Regierungstruppen unerbittlich bombardiert. Diese Attacken treffen jedoch meistens die Zivilbevölkerung, welche ebenfalls unter gewaltsamen Übergriffen durch die bewaffneten Oppositionsgruppen leidet. Die Zivilbevölkerung ist so zwischen die Fronten geraten. Viele sind geflohen, können nicht zurück in ihre Heimat und haben alles verloren. Die menschlichen und materiellen Kosten dieses Krieges sind schon jetzt überwältigend. Trotz endloser Debatten über politische Initiativen zur Lösung des Konflikts sind führende Akteure nicht in der Lage, Differenzen zu überwinden. Die syrische Zivilbevölkerung zahlt weiterhin den Preis für dieses Versagen.

Um einen Wandel zu erreichen, muss das Wohl der syrischen Zivilbevölkerung in der internationalen Politik absolute Priorität haben und die für Kriegsverbrechen verantwortlichen Personen und Gruppierungen zur Rechenschaft gezogen werden. Deshalb sollte der Internationalen Strafgerichtshofs beauftragt werden, die Lage in Syrien zu untersuchen. Die Zivilbevölkerung darf auf keinen Fall als Druckmittel bei Verhandlungen zwischen den beiden Seiten des Konflikts benutzt werden.

Hier finden Sie das vollständige englischsprachige Interview: People on the Move: ‘For many displaced Syrians, going back home is out of the question’

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