Menschenrechte im Sport
Sport bewegt Millionen Menschen. Doch gerade bei internationalen Mega-Events wie Fußballweltmeisterschaften oder den Olympischen Spielen werden Menschenrechte immer wieder verletzt – oder Menschenrechtsverletzungen in den Gastgeberländern bewusst ignoriert.
© Amnesty International
Sport und Menschenrechte – eine kurze Einführung
Was hat Sport mit Menschenrechten zu tun? Sobald bei großen Sport-Events wirtschaftliche und politische Interessen im Spiel sind, sind oft auch Menschenrechte betroffen – beim Bau von Stadien, beim ausbeuterischen Einsatz von Arbeitskräften oder durch diskriminierende oder rassistische Sprechchöre auf den Rängen.
Dabei ist Sport selbst ein Menschenrecht: Es ist als Recht auf Erholung und Freizeit verankert in Artikel 24 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte (AEMR). Internationale Verbände wie die FIFA und das IOC sind zudem durch UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte verpflichtet, die Menschenrechte zu achten – gemeinsam mit den Gastgeberländern.
Zwischen Anspruch und Wirklichkeit
Doch genau diese Verantwortung wird immer wieder ignoriert. Statt Schutz zu bieten, gehen Mega-Events häufig mit Menschenrechtsverletzungen einher. Und mehr noch: Mega-Events werden von einigen Regierungen gezielt genutzt, um von der katastrophalen Menschenrechtslage im eigenen Land abzulenken. Dann sprechen wir von Sportswashing. Wie gravierend die Folgen sein können, zeigt die Vergabe der Fußball-WM 2034 an Saudi-Arabien:
"Die rücksichtslose Entscheidung der FIFA, die Weltmeisterschaft 2034 an Saudi-Arabien zu vergeben, ohne dass der Menschenrechtsschutz gewährleistet ist, wird viele Menschenleben gefährden. Die FIFA weiß, dass Arbeitsmigrant*innen ausgebeutet werden und sogar sterben, wenn es in Saudi-Arabien keine grundlegenden Reformen gibt."
– Steve Cockburn, Leiter der Abteilung für wirtschaftliche und soziale Gerechtigkeit bei Amnesty International
Fußball-WM 2026: Ein Fußballfest der Repression?
Vom 11. Juni bis 19. Juli 2026 wurde die FIFA Fußball-WM der Männer in den USA, Mexiko und Kanada ausgetragen – die erste Weltmeisterschaft mit drei Gastgeberländern. Zu den Spielorten gehören neben US-Metropolen wie New York, Los Angeles und Atlanta auch Mexiko-Stadt, Guadalajara, Monterrey, Toronto und Vancouver. Auch hier kam es erneut zu Menschenrechtsverletzungen.
WM Katar 2022: Menschenrechte im Abseits
Protestaktion vor dem Brandenburger Tor in Berlin am 23. Oktober 2022 anlässlich der Fußball-WM in Katar: Amnesty fordert die Einhaltung der Menschenrechte in Katar und dass der Fußballweltverband FIFA ausgebeutete Arbeitsmigrant*innen entschädigt.
© Amnesty International, Foto: Stephan Lelarge
Beim Stadionbau in Katar für die WM 2022 wurden die Menschenrechtsverletzungen besonders deutlich: Amnesty International hat zu diesem Thema über 10 Jahre lang intensiv recherchiert. So zeigte etwa ein Amnesty-Bericht 2016, dass die Arbeitsbedingungen für die Tausenden Arbeitsmigrant*innen teils Zwangsarbeit gleichkamen.
Rund zwei Millionen Arbeitsmigrant*innen lebten in Katar unter den Bedingungen des Kafala-Systems – viele unter miserablen und unmenschlichen Umständen.
Insbesondere vor der Männerfußball-WM 2022 in Katar dokumentierten Amnesty International und andere Organisationen zahlreiche Fälle von Menschenrechtsverletzungen. Es gab mindestens 3.902 Todesfälle von Migrant*innen, die seit 2011 – dem Jahr der Vergabe der Fußball-WM an Katar – in Katar gearbeitet haben.
Bis heute ist unklar, wie viele der Toten den schlechten Arbeits- und Lebensbedingungen zum Opfer gefallen sind, weil Katar die Todesfälle von Arbeitsmigrant*innen nicht oder nur sehr unzureichend untersucht hatte.
Was ist Sportswashing?
Sportswashing bezeichnet den Versuch – etwa durch autoritäre Regierungen –, das eigene Image mithilfe von Sportveranstaltungen reinzuwaschen und von Menschenrechtsverletzungen abzulenken. An der tatsächlichen Menschenrechtslage ändert sich oft nichts. Beispiele für Länder, in denen Sportswashing in der Vergangenheit stattfand, sind Russland, China oder Saudi-Arabien:
Überwachung und Gesichtserkennung bei Sport-Events
Mega-Events wie die Fußballweltmeisterschaft oder die Olympischen Spiele stellen eine erhöhte Sicherheitsgefahr dar und gehen deshalb mit starken Anti-Terror-Maßnahmen einher. Doch häufig werden diese damit auch zu Testlaboren für staatliche Überwachungstechnologien.
Frankreich war 2023 das erste Land in der Europäischen Union, das biometrische Überwachung mithilfe von Künstlicher Intelligenz (KI) zuließ – in Vorbereitung auf die Olympiade 2024. Bis heute gebe es jedoch keinen Beleg, dass KI-gestützte Überwachung je einen Terroranschlag verhindert hat, sagt Lena Rohrbach, Amnesty-Referentin für Menschenrechte im digitalen Zeitalter.
Mit der Fußball-WM 2026 in Nordamerika nimmt die Überwachung neue Ausmaße an: In den USA setzen Stadien bereits Software ein, die biometrische Daten jedes einzelnen Stadiongastes speichern. Für die Einreise nutzen Behörden KI-gestützte Überwachungsprogramme wie "Babel X", um Visa-Anträge und Online-Aktivitäten zu überprüfen und Visa systematisch zu widerrufen.
Diskriminierung im Sport
Schweizer Amnesty-Protestaktion gegen Rassismus mit dem BSC Young Boys Fußballclub in Bern am 22. Juni 2024.
© AI Switzerland
Diskriminierung zieht sich durch alle Ebenen des Sports – von rassistischen Übergriffen auf den Tribünen über die Verfolgung von LGBTI-Personen bis zum Ausschluss von Frauen aus Stadien.
Rassismus im Sport ist kein Thema der Vergangenheit. Noch immer müssen sich People of Color und Schwarze Sportler*innen rassistische Sprechchöre vom Publikum anhören. Auch im Internet werden Schwarze Sportler*innen insbesondere nach Niederlagen rassistisch beleidigt.
Doch nicht nur im Profisport ist Rassismus ein Problem: Erst 2025 zeigte eine Studie der Universität Wuppertal, dass Rassismus im Vereinssport in Deutschland alltäglich und omnipräsent ist.
Gegen Rassismus im Sport wehren sich in Großbritannien etwa Schwarze Fußballer*innen, Trainer*innen und Medienschaffende, die mit dem Netzwerk "Football Black List" auf strukturellen Rassismus im Sport aufmerksam machen. Besonders bekannt wurde antirassistischer Aktivismus über den Sport hinaus mit dem Fall des American-Football-Profis Colin Kaepernick.
Mehr zu Rassismus und antirassistischem Aktivismus in Deutschland →
Noch immer werden sportliche Großereignisse an Länder vergeben, in denen Homosexualität strafbar ist oder LGBTI verfolgt werden. Bei der WM 2022 in Katar drohten Spieler*innen und Fans Strafen beim Tragen von Regenbogensymbolen.
Die FIFA verbot die geplante One-Love-Binde der europäischen Mannschaftskapitäne unter Androhung sportlicher Konsequenzen. In Saudi-Arabien, Gastgeber der WM 2034, drohen LGBTI weiterhin Haftstrafen, oder sogar die Todesstrafe.
Und in vielen Sportarten ist Homosexualität noch immer ein Tabu: Erst 2014 bekannte sich mit Thomas Hitzlsperger erstmals ein ehemaliger deutscher Profifußballer zu seiner Homosexualität.
Sexualisierte Übergriffe in Stadien, Kopftuchverbote für Spielerinnen, ungleiche Bezahlung bei vergleichbarer sportlicher Leistung: Frauenrechte werden im Sport auf vielen Ebenen verletzt. Iran ließ Frauen jahrelang nicht in Fußballstadien; erst nach internationalem Druck wurde die Praxis teilweise aufgeweicht und 2025 durften Frauen nach drei Jahren erstmals wieder ins Stadion. In Saudi-Arabien dürfen Frauen erst seit 2018 Stadien betreten.
Sport & Rights Alliance: Sportlicher Einsatz für Menschenrechte
Amnesty hat sich mit anderen Nichtregierungsorganisationen und Gewerkschaften, Spieler*innen und Fans zur Sport & Rights Alliance zusammengeschlossen, die daran arbeitet Menschenrechte und Korruptionsbekämpfung im weltweiten Sport zu verankern.
Konkret fordert Amnesty unter anderem:
- Verbindliche menschenrechtliche Sorgfaltspflicht im Vergabeprozess,
- Verantwortung der Sponsoren und Medienpartner,
- Schutz von Fans, Journalist*innen und Aktivist*innen. Niemand darf wegen Identität, Meinung oder friedlicher Proteste während eines Sport-Events drangsaliert oder verfolgt werden,
- Transparenz und unabhängige Aufsicht. Menschenrechtliche Auswertungen von Mega-Events müssen von unabhängigen Stellen erstellt werden – nicht von den Verbänden selbst und nicht von beauftragten Beratungsfirmen,
- Beachtung der UN-Leitprinzipien für Wirtschaft und Menschenrechte.
Was du tun kannst
Veränderung in der Sport- und Menschenrechtspolitik kommt nicht von allein, sondern durch Druck: von Fans, Verbraucher*innen, zivilgesellschaftlichen Organisationen, Medien – und von einzelnen Menschen, die sich engagieren.
- Unterstütze unsere aktuelle Kampagne zur WM 2026. Auf unserer WM-2026-Aktionsseite findest du konkrete Möglichkeiten, dich für die Menschenrechte aller Beteiligten dieser Weltmeisterschaft einzusetzen.
- Werde Mitglied bei Amnesty International. Unsere Recherchen zu Sport und Menschenrechten – von Katar bis Saudi-Arabien – sind nur möglich, weil unsere Mitglieder uns finanziell unabhängig halten.
- Bleib informiert. Wir berichten kontinuierlich über die Vorbereitungen kommender Mega-Events. Abonniere unseren Newsletter und folge uns auf Social Media.
- Mach es zum Thema in deinem Umfeld. Sport-Mega-Events sind Anlässe, um über Menschenrechte zu sprechen – beim Public Viewing, im Verein, in der Schule, am Arbeitsplatz. Je mehr Menschen das als Menschenrechtsthema begreifen, desto schwerer wird es für FIFA und IOC, alte Muster fortzuschreiben.