Amnesty Journal Mauretanien 10. Mai 2021

Gesichter der Sklaverei

Gemälde einer schwarzen Frau mit Kopftuch, die mit geschlossenen Augen in ein Megafon ruft.

Bild des Künstlers Saleh Lô, der ehemalige Sklav_innen porträtiert: "Khoumba", Acryl und Öl auf Leinwand, 2016.

In Mauretanien ist Sklaverei trotz des offiziellen Verbots immer noch gängige Praxis. Der Künstler Saleh Lô will mit seinen Porträts die Würde befreiter Sklavinnen und Sklaven hervorheben.

Von Siri Gögelmann

Sie kochen, putzen, arbeiten im Haushalt und kümmern sich um die Kinder ihrer "Herren" – von früh bis spät, ohne Lohn, Urlaub oder Zugang zu Bildung. Schätzungen zufolge leben mehrere zehntausend Menschen in Mauretanien als Sklavinnen und Sklaven. Und das, obwohl Sklaverei in dem westafrikanischen Land seit 1981 verboten ist. Der Künstler Saleh Lô hat Proteste der Antisklaverei-Bewegung begleitet und ehemalige Sklavinnen und Sklaven getroffen. Mit Pinsel und Farbe möchte der 36-Jährige ihre Würde hervorheben und das Thema in den Fokus der Öffentlichkeit rücken.

 

Gemälde eines älteren Mannes mit traditioneller Kopfbedeckung und Schnurrbart.

Saleh Lô, "Cheibani", Acryl und Öl auf Leinwand, 2019: "Cheibani, der Mann auf dem Bild, war früher ein Sklave. Viele ehemalige Sklavinnen und Sklaven in Mauretanien werden von der Gesellschaft diskriminiert und befinden sich in einer schwierigen ökonomischen Situation. Cheibani beispielsweise verdient seinen Lebensunterhalt damit, Muscheln am Strand zu sammeln und anschließend zu verkaufen."

Gemälde einer schwarzen Frau mit Kopftuch, die mit geschlossenen Augen in ein Megafon ruft.

Saleh Lô: "Khoumba", Acryl und Öl auf Leinwand, 2016: "Meine künstlerische Arbeit basiert auf hyperrealistisch gemalten Porträts. In der Regel sind meine Gemälde zehn bis zwanzig Mal größer als das Foto, auf das ich mich beziehe. Jede Spur und jede Schicht, die der Pinsel hinterlässt, ist deutlich sichtbar. Sie stellen für mich die Weite, Komplexität und den Reichtum der menschlichen Seele dar. Manche Gemälde erwecken einen unfertigen ­Eindruck. Damit möchte ich zeigen, dass die Geschichte des porträtierten Menschen noch nicht ­abgeschlossen ist und eine mögliche Fortsetzung oder Veränderung folgt."

Gemälde eines mittelalten schwarzen Mannes mit kurzgeschorenem Haar, der in einer Menschenmenge steht, die linke Hand zur Faust ballt und etwas ruft.

Saleh Lô, "The path to justice", Acryl und Öl auf Leinwand, 2016: "Einige meiner Kindheitsfreunde sind bei der Anti-Sklaverei-Bewegung Initiative pour la Résurgence du Mouvement Abolitionniste (IRA). Sie kämpft für die Abschaffung der Sklaverei, für Chancengleichheit und ein gerechtes Mauretanien. 2015 wurde der Vorsitzende der Bewegung, Biram Dah Abeid, zu zwei Jahren Haft verurteilt. Er hatte Aktivistinnen und Aktivisten der IRA unterstützt, die sich trotz eines Verbots der mauretanischen Regierung im Süden des Landes gegen Sklaverei einsetzten. Damals gab es in Nouakchott mehrere Demonstrationen gegen die Inhaftierung von Dah Abeid. Das Bild zeigt einen ­dieser Protestmärsche. Die Demonstrierenden beeindruckten mich sehr. Sie gaben nicht auf, obwohl die Polizei versuchte, sie vom Justizministerium fernzuhalten und einige von ihnen sogar für mehrere Tage ins Gefängnis steckte. Über die IRA bekam ich auch Kontakt zu befreiten Sklavinnen und Sklaven, die ich dann porträtierte."

Lô, der in der mauretanischen Hauptstadt Nouakchott aufwuchs, kam früh mit dem Thema Sklaverei in Berührung. Noch heute erinnert er sich daran, wie er sich als Vierjähriger beim Spielen mit seinem älteren Bruder verlief. Sie irrten durch die Gegend, als eine fremde Frau sie ansprach. Anstatt ihnen zu helfen, wollte sie die Jungen mit zu sich nach Hause nehmen. Doch die beiden rannten weg. Erst Jahre später begriff Lô, dass diese Frau ihn und seinen Bruder versklaven wollte. Seitdem ist Sklaverei ein Thema für ihn, das sich auch in seiner künstlerischen Arbeit widerspiegelt. Lô, der mit 17 Jahren die Schule abschloss und sein Geld zunächst in einem Hotel verdiente, gelang der Durchbruch 2012 mit einer Ausstellung seiner Bilder in Nouakchott. Seither arbeitet er als Künstler. Für das Amnesty Journal hat er einige seiner Gemälde kommentiert.

Siri Gögelmann ist freie Journalistin. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International oder der Redaktion wieder.

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