Amnesty Journal Afghanistan 26. Mai 2016

Antritt zum Comeback

Antritt zum Comeback

Ritt der Geschwindigkeit: Die syrischen Radprofis mit ihrem Trainer im Berliner Velodrom

Vor der Flucht gewannen sie Meisterschaften und erzielten Bestzeiten: Fünf syrische Radprofis und ein afghanischer Läufer trainieren jetzt wieder. Der Traum von Rio 2016 lässt sie nicht los.

Von Andreas Koob

Mit weißen Tennissocken in ledernen Sandalen steht Nabil al-Laham auf einem brachliegenden Industrieareal im Norden Berlins und putzt sein Rennrad. Der ehemalige syrische Nationalfahrer wischt über den Rahmen des Fahrrads, erst mit einem grünen Lappen, dann mit einem pinken und zum Schluss mit einem weißen Tuch. Jedes Teil, das man abschrauben kann, hat er ein Mal in der Hand gehabt, jedes, das man justieren kann, ein Mal festgezogen. Seit fünf Wochen besitzt er wieder ein eigenes Rad und trainiert, wie vor der Flucht, sechs Tage die Woche.

Al-Laham ist einer von fünf syrischen Rennradprofis, die im vergangenen Sommer nach Berlin geflüchtet sind. Zwei von ihnen gewannen noch die syrische Meisterschaft, bevor sie eine Woche später das Land in sportlicher Topform verließen.

Die fünf kennen sich schon lange. Früher besuchten sie gemeinsam Trainingslager und traten bei Landesmeisterschaften gegeneinander an. In Deutschland teilen sie jetzt ihren gesamten Alltag: Neben dem Radfahren kochen und putzen sie gemeinsam, besuchen einen Deutschkurs und erledigen Behördengänge. »Wir sind inzwischen wie Brüder«, sagt al-Laham. Während am Sonntagnachmittag drinnen das Abendessen vor sich hinköchelt, pflegen sie draußen die Räder. Das geht problemlos gleich vor dem Bungalow, in dem vier der fünf leben.

Nicht jeder hätte sich in dem kleinen Quartier auf dem verlotterten Hofgelände so glücklich einrichten können. Neben ihrem Häuschen haben sie auf einem kleinen Beet Gurken und Tomaten ausgesät, in einem Betonkasten sprießt Minze. »Für uns ist es hier viel besser als in einer großen Sammelunterkunft«, sagen die vier. Ihre Helme hängen am Eingang an einem Nagel an der Wand.

Den Weg nach Deutschland haben sie akribisch geplant. Einen Monat lang trafen sie sich jeden Tag, um sich vorzubereiten. Sie fragten Freunde und Verwandte – in Deutschland, Österreich und in der Türkei. So gut es ging, bereiteten sie die einzelnen Etappen von Syrien aus genau vor.

Erinnerung an die Flucht: Selfie von der Balkanroute

Erinnerung an die Flucht: Selfie von der Balkanroute

Doch so oder so blieb die Flucht strapaziös. Hatten sie bei Radrennen in guten Hotels ­geschlafen, verbrachten sie ihre Nächte nun in türkischen ­Wäldern. Waren sie noch kurz vor ihrer Flucht an der syrischen Mittelmeerküste in der prallen Sonne auf einem Jetski unterwegs gewesen, zwängten sie sich jetzt in der Dunkelheit mit vielen anderen Flüchtenden in ein Schlauchboot. Auf der griechischen Insel Lesbos angekommen, fehlten ihnen die richtigen ­Papiere für eine Unterkunft, sodass sie auf der Straße landeten. Gemeinsam mit den vielen anderen flüchtenden Menschen machten sie sich schließlich mitten im langen Sommer der Migration über die Balkanroute auf den Weg nach Deutschland.

Jetzt ist die Stimmung fast entspannt, die fünf quatschen ein bisschen, während sie werkeln. Ihre Bekannte, die syrische Schwimmerin Yusra Mardini, ist Thema. Auch sie trainiert in Berlin. Sie steht im Rampenlicht, seit das Internationale Olym­pische Komitee (IOC) sie als mögliche Olympionikin handelt. Qualifiziert sie sich, tritt sie bei den Olympischen Spielen in Rio de Janeiro nicht für Syrien, sondern für das neu geschaffene Flüchtlingsteam unter der Fahne des IOC an.

Ein solches Team hat es in der Geschichte des IOC noch nicht gegeben. IOC-Präsident Thomas Bach hatte den Plan vergangenen Oktober erstmals öffentlich gemacht. Weltweit bekamen daraufhin 43 ausgewählte geflüchtete Leistungssportlerinnen und -sportler ein Stipendium des IOC, um trainieren zu können. Im Juni wird das IOC zehn von ihnen nominieren. Die Radprofis kennen Mardini, einer von ihnen trainierte früher in Syrien in derselben Einrichtung. Ein riesiger Rummel ist um Mardinis Person entstanden. Zuletzt sahen die Radfahrer auf Facebook einen japanischen Medienbericht über sie. Die 18-Jährige arbeitet hart, um die Zeiten zu schwimmen, mit denen sie ihr Olympia-Ticket lösen kann.

Das erste Training nach der Flucht
Das Comeback nach der Flucht ist eine verflixte Sache, auch für Ahmad Yasini: »Meine Muskeln, meine Knochen, mein ganzer Körper schmerzt. Von Kopf bis Fuß.« Der Muskelkater sitzt tief, aber der aus Afghanis­tan geflüchtete Läufer ist glücklich. Zum ersten Mal trainiert er wieder wie vor der Flucht. Er will schnell vom Fleck kommen. Wieder und wieder sprintet er von der Startlinie die ersten 30 Meter über die Tartanbahn eines brandenburgischen Leistungssportzentrums, das idyllisch zwischen See und Wald liegt.

In Afghanistan gehörte Yasini dem paralympischen Nationalkader an. Von Geburt an ist sein rechtes Bein elf Zentimeter kürzer als sein linkes. Ein befreundetes Ehepaar war zusammen mit ihm zu jenem Sportzentrum östlich von Berlin gefahren – einfach drauflos, eine Fahrt ins Blaue. Spontan und unbürokratisch konnte er dort einchecken, sechs Tage mit anderen Sportlerinnen und Sportlern trainieren. Heute ist sein letzter Tag.

In einer Pause kramt der quirlige Sportler sein Telefon aus dem Rucksack und zeigt alte Fotos: Yasini nimmt Pokale entgegen und gibt Fernsehinterviews. Auf den Bildern wirkt er noch viel muskulöser als jetzt. »Über 100 und 400 Meter ist in meiner Klasse in Afghanistan niemand schneller gelaufen.« Er war nominiert für die Spiele in Rio.

Vielleicht hätte alles seinen Lauf genommen. Dann aber wurde es zu gefährlich für Yasini – ausgerechnet für ihn, der als Übersetzer bei Fahrsicherheitstrainings sein Geld verdiente und Tag für Tag anderen vermittelte, wie sie auch aus den gefährlichsten Situationen heil herauskommen. Das Unternehmen, für das er arbeitete, schulte ausländische Einsatzkräfte im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ).

Täglich sorgte er sich um sein Leben, auch nach Feierabend. Vielen galt Yasini nur noch als einer der verhassten Kollaborateure, die mit dem Westen zusammenarbeiteten. Allmorgendlich hatte er sich mit Sorge von seiner Familie verabschiedet. 2015 passierte dann etwas, worüber der Athlet nicht spricht. Ihm blieb daraufhin nichts anderes übrig, als sich allein auf die Flucht zu machen. Und auch der paralympische Traum, sein Traum von Rio, schien geplatzt. Weitere Fotos aus vergangen Zeiten zeigt er nicht und lässt sein Telefon wieder im Rucksack verschwinden.

Schnell vom Fleck kommen. Ahmad Yasini

Schnell vom Fleck kommen. Ahmad Yasini

Er kehrt auf die Bahn zurück und spurtet los – Start um Start, immer wieder die ersten Meter, auf die es ihm heute ankommt. Er nutzt die verbleibenden Minuten, bevor er das Sportzentrum wieder eintauschen muss gegen die Sammelunterkunft, in der er momentan lebt. Neben ihm trainiert ein Rennrollstuhlfahrer. Yasini und er können sich auch auf Dari und Paschtu miteinander unterhalten, sie haben sich hier zufällig kennengelernt, während der Trainingstage viel Zeit auf der Bahn und im Kraftraum verbracht. Auch er hatte in Afghanistan vor Jahren für ausländische Einsatzkräfte übersetzt, auch er hatte schließlich um sein Leben gefürchtet und das Land verlassen. Jetzt jagen sie nebeneinander über die Bahn, außer Geschwindigkeit zählt nichts anderes.

Anker im neuen Alltag
Es ist ein Kampf gegen die Sekunden, ein Ringen um Kraft. Die geflüchteten Athleten kennen ihre alte Performance. Sie ist ihre Messlatte, die sie sich selbst vorhalten. Yasini tut das genauso unerbittlich wie die syrischen Radfahrer. »Radfahren ist für mich das Größte«, sagt al-Laham, der an einer Halskette den Schlüssel für das Schloss seines ersten Kinderrads trägt. Heute sind sie gemeinsam 130 Kilometer rund um den Wannsee gefahren, in einem Tempo, das ihnen im mittäglichen Radgetümmel der Sonntagsausflügler höchste Konzentration abverlangte.

Jeden Dienstag trainieren sie auch im Velodrom, Berlins größter Radsporthalle. Mit noch höherer Geschwindigkeit, noch mehr Eifer drehen sie dort ihre Runden. Als sie nach ihrer Ankunft in Berlin das Elementarste erledigt hatten, waren sie spontan ans Velodrom gefahren und hatten an der Pforte gefragt, ob es eine Chance gebe, hier zu trainieren. Der Landessportbund machte daraufhin ein erstes Training möglich. Schon seit Monaten trainieren sie nun einmal wöchentlich gemeinsam mit Frank Röglin, ihrem neuen Coach. Inzwischen haben sie ihren Berliner Verein, ihre deutsche Fahrerlizenz. Im Velodrom können sie Bahnräder aus dem Vereinsbestand nutzen. Das war für sie ein Anker im neuen Alltag, vielleicht ihr wichtigster.

Wie sie sich in den Wettbewerb wieder reinfuchsen, ist für den Trainer und den Verein genauso spannend wie für sie selbst. Als Röglin von den fünf Syrern hörte, hatte er keine großen Ambitionen, ihr Trainer zu werden. Das aber änderte sich schlagartig, als er spürte, »was für ein Herzblut sie hatten, als sie hier loslegten. Die wollten wirklich fahren«, sagt Röglin mit seiner bestimmten Stimme.

 Nabil al-Laham fiebert seinem ersten Rennen in Deutschland entgegen

Nabil al-Laham fiebert seinem ersten Rennen in Deutschland entgegen

Bis sie die Papiere hatten, sei es stressig gewesen. Mit Residenzpflicht hätten sie kein Rennen außerhalb Berlins fahren dürfen, sagt er, während sich die fünf warmfahren. Er spricht mit ihnen ausschließlich deutsch, auch dann, wenn er sich mit ihnen über »Wälzlagerfett« unterhält. Bei der Sprache triezt er die fünf Männer genauso wie beim Sport. Als al-Laham bei einer Verschnaufpause einen Moment zu lange an seinem Energydrink nippt, schickt er ihn mit einem Klaps auf den Po schnell wieder auf die Bahn. Sie sind völlig eingespielt, solche Gesten funktionieren ohne Irritationen. Sie sind eben alle Radfahrer.

In Syrien hatten die fünf einen russischen Trainer. Hin und wieder haben sie auch jetzt noch Kontakt zu ihm. »Es ist euer Leben«, hatte er ihnen gesagt, als sie sich entschieden hatten, das Land zu verlassen. Er war entrüstet und zugleich wohlwollend. Aber ohne Perspektive in Syrien bleiben? »In die Nähe meines Elternhauses traute sich schon lange niemand mehr aus der Familie. Vielleicht ist es unbeschadet, vielleicht zerstört. Ich weiß es nicht«, sagt al-Laham. Das Elternhaus seines Teamkollegen Nazir Jaser war schon drei Jahre zuvor verwüstet worden – es stand in Aleppo. Am Radfahren habe sich während des Bürgerkriegs aber nichts geändert. »Sport und Politik hatten nichts miteinander zu tun«, sagt al-Laham mit ungewohntem Nachdruck. Recherchiert man über ihn im Netz, findet man ein Radrennen, das der Allgemeine Syrische Sportverband 2014 anlässlich der Wiederwahl Baschar al-Assads ausgerichtet hatte. So vermeldet es die staatliche Nachrichtenagentur. Al-Laham war damals Zweiter im Wettbewerb der unter 23-Jährigen geworden. »Ich würde nach wie vor für mein Land antreten, aber ich fahre für niemanden sonst, auch nicht für den Präsidenten«, sagt al-Laham, der gerade dem ersten gemeinsamen Rennen in Deutschland entgegenfiebert. Veranstalter sind die Zehlendorfer Eichhörnchen. Dafür trainieren die fünf Sportler derzeit mit aller Energie, auch wenn sie auf internationale Rennen in Aserbaidschan, Thailand oder Katar zurückblicken können.

In zwei bis drei Monaten, schätzen die fünf, sind sie wieder auf ihrem alten Niveau, also ziemlich genau zur Eröffnung der Olympischen Sommerspiele in Rio de Janeiro am 5. August. Als sie begannen, mit Röglin zu trainieren, war auch ihr Verein angefragt worden – als das IOC für jenes Flüchtlingsteam Athleten sichtete: Ob etwa al-Lahams Kollege Nazir Jaser als amtierender U23-Meister ein aussichtsreicher Kandidat wäre? »Sein Trainingsstand war damals – wie bei allen – ganz unten. Es ließ sich gar nichts sagen«, sagt Röglin.

Heute klebt Jaser seinem Trainer am Hinterreifen des Derny, einer Art Moped, mit dem Röglin mit 60 Stundenkilometern als Schrittmacher des Teams Runde für Runde durchs Velodrom jagt. Al-Laham hofft noch, dass sein Teamkollege irgendwie mit nach Rio kommt, dafür trainiere er schon seit 2012. Heute hält er unerbittlich mit und wird erst langsamer, als Röglin seine Geschwindigkeit drosselt. Die Ankündigung des IOC-Flüchtlingsteams hatte auch bei den fünf Radprofis große Euphorie ausgelöst. Sie hoffen weiter für ihre Freundin und Bekannte, die syrische Schwimmerin Mardini, aber auch für sich selbst.

Den nächsten Sieg im Blick
Es ist ein Schwebezustand, der Yasini bestens bekannt ist. Immer wieder spricht auch der Läufer von Rio und von 2016, als ob das Jahr erst noch bevorstünde. Mit zwei schwarzen Rucksäcken verlässt er das Trainingslager. Jetzt geht es für ihn erst einmal zurück in seine aktuelle Unterkunft, die in der Nähe der Kleinstadt Wriezen im märkischen Oderbruch liegt. Gerade das Krafttraining im Fitnessraum wird ihm dort fehlen, aber nicht lange. Seit einigen Tagen wittert der drahtige Läufer seine neue Olympiachance: Der Behindertensportverband wird ihn mindestens bis August fördern, damit er sich auf die Sommerspiele vorbereiten kann.

In ein paar Tagen schon wird er täglich auf dem Cottbuser Olympiastützpunkt trainieren. Behörden, Sportverbände, Politik und Freunde, die Yasini unterstützten, hatten deshalb schon lange in Austausch miteinander gestanden und erreichen können, dass die Mühlen der Bürokratie etwas schneller mahlen, als es sonst üblich ist. Als Asylsuchender den zugeteilten Landkreis zu wechseln, ist nämlich ein Kunststück. Die vielen Kinder, die Yasini jetzt bei seiner Rückkehr in die Sammelunterkunft begeis­tert umringen, werden ihn vermissen. Yasini selbst sagt, er hätte »jederzeit im Zelt geschlafen, nur um trainieren zu können«.

"Ich hätte jeder Zeit im Zelt geschlafen, nur um trainieren zu können." Ahmad Yasini

"Ich hätte jeder Zeit im Zelt geschlafen, nur um trainieren zu können." Ahmad Yasini

Im Unterschied zum IOC hat sich das Internationale Paralympische Komitee (IPC) bisher noch nicht entschieden, ein Flüchtlingsteam zusammenzustellen. Auf Nachfrage bestätigt Pressesprecher Craig Spence, dass es möglich sei, dass Flüchtlinge mit einem eigenen Team in Rio an den Start gehen, sofern es Sportlerinnen und Sportler gebe, die sich qualifizieren und sonst nicht dabei sein könnten. Der Verband sei bislang noch auf der Suche nach ihnen, sei aber noch nicht fündig geworden.

Yasini wird in jedem Fall trainieren, das ist klar. Früher hat er Sport aus reiner Begeisterung getrieben, heute geht es ihm auch darum, Ablenkung vom tristen Alltag in den verschiedenen Unterkünften, in denen er bislang gelebt hat, zu finden: »Ich will gerade einfach nicht nachdenken. Es ist ein harter Ort, um zu leben. Ich versuche, hier möglichst gar nicht an meine Familie und mein Leben vor der Flucht zu denken.« Täglich läuft er auch deshalb seine Kilometer. Den Winter über war der Athlet gemeinsam mit 130 anderen geflüchteten Männern bizarrerweise in einer Turnhalle untergebracht, die als Notquartier in Beschlag genommen worden war.

Steht Yasini bald wieder auf dem Podest, wird ihm das alles egal sein; auch, dass er anfangs wirklich in einem Zelt geschlafen hat, als er in Brandenburg ankam und die nächtlichen Temperaturen bereits im September um die null Grad lagen. Genauso werden al-Laham und seine Teamkollegen mit dem ersten Sieg – zumindest einen Moment lang – vergessen können, was sie in den vergangenen Monaten durchgemacht haben, auch die Ungewissheit darüber, ob die Berliner Behörden ihnen ihren reduzierten Hartz-IV-Satz wieder nicht pünktlich auszahlen und sie ihre Sportlerproteine nicht kaufen können. Stehen sie auf dem Podest, werden sie schon vom nächsten Wettkampf träumen: Auf Rio 2016 folgt Tokio 2020.

Der Autor ist Volontär des Amnesty Journals.

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