Amnesty Journal 22. Januar 2016

"Mein Beruf machte mich verdächtig"

Ägypten: Regierung lässt Hunderte "verschwinden" und foltern

Sondereinsatzkräfte der Polizei in der ägyptischen Hauptstadt Kairo im Januar 2016

Die Aktivistin Yara Sallam saß 15 Monate in einem ­ägyptischen Gefängnis, nachdem sie gegen ein neues ­Demonstrationsgesetz protestiert hatte.

Interview: Alexandra Mankarios

Im September 2015 kamen Sie frei – nach 15 Monaten Gefängnis. Wie geht es Ihnen heute?

Es fällt mir nicht leicht, in den Alltag zurückzukehren. Seit November arbeite ich wieder. Allerdings bin ich noch immer nicht voll einsatzfähig. Ich war täglich 22 Stunden eingesperrt. Nur zwei Stunden durfte ich ins Freie, sonst gab es nichts zu tun. Jetzt gibt es so viel zu erledigen: Einkaufen gehen, Rechnungen bezahlen, Deadlines einhalten – das ist für mich noch sehr viel.

Wie wurden Sie im Gefängnis behandelt?

Ich und die sechs anderen im selben Fall verurteilten Frauen wurden nicht gefoltert oder beschimpft – im Gegensatz zu vielen anderen, etwa den inhaftierten Anhängerinnen der Muslimbruderschaft oder den Männern, die mit uns verurteilt wurden.

Wie erklären Sie sich, dass Sie besser behandelt wurden?

Unser Fall hat viel Aufmerksamkeit erregt. Vor allem weil ­Sanaa Seif, die mitangeklagt war, eine sehr bekannte Aktivistin ist. Und auch ich arbeite für eine Menschenrechtsorganisation. Die Behörden wollten offensichtlich nicht, dass die Gefängnisse in den Blick der Öffentlichkeit geraten und sie zugeben müssen, dass sie Menschen – vor allem Frauen – misshandeln.

War Ihnen während der Haft bekannt, dass sich viele Personen und Initiativen, darunter auch Amnesty, für Ihre Freilassung eingesetzt haben?

Freunde und Verwandten haben es bei Besuchen erzählt. Das hat einen großen Unterschied gemacht – zu wissen, dass die Menschen draußen nicht aufgeben. Wir hatten erwartet, dass unser Fall spätestens nach einem Jahr in Vergessenheit geraten würde. Es hat mich aber betroffen gemacht, dass andere Gefangene nicht die gleiche Aufmerksamkeit und Unterstützung erhielten: Viele werden im Gefängnis einfach vergessen.

Sie sind wegen der Teilnahme an einer nicht genehmigten ­Demonstration festgenommen worden, aber nicht auf der ­Demonstration selbst – wie kann das sein?

Eine Gruppe von Personen in Zivil bewarf die Demonstrierenden mit Flaschen. Wir rannten in verschiedene Richtungen. Meine Cousine und ich liefen zu einem Kiosk. Plötzlich standen uns zwei Männer gegenüber. Sie durchsuchten unsere Taschen und fragten, ob wir an dem Protest teilgenommen hätten. Unsere Ausweise belegten, dass wir in der Nähe wohnten, weshalb wir die Angelegenheit zunächst für unproblematisch hielten.

Sie kamen ins Gefängnis, Ihre Cousine nicht. Hat das damit zu tun, dass Sie Menschenrechtsanwältin sind?

Als die Behörden erfuhren, dass ich für eine Menschenrechtsorganisation arbeite, waren sie sicher, dass ich bei dem Protest mitgelaufen war. Ich wurde also nicht gezielt wegen meiner Arbeit verhaftet, aber mein Beruf machte mich verdächtig. Wie lief das Gerichtsverfahren ab? Wir waren in Käfige gesperrt. Es fanden sich keine Zeugen dafür, dass wir etwas zerstört hatten, wie es die Anklage behauptete. Und nur ein einziges Mal sprach der Richter direkt mit uns: Er fragte, ob wir die Personen auf einem vermeintlichen Beweisvideo seien.

Was können Anwältinnen und Anwälte in solch unfairen ­Verfahren ausrichten?

Es gibt die Meinung, dass sich Anwältinnen und Anwälte überhaupt nicht darauf einlassen sollten, um nicht den Anschein eines vermeintlich regulären Gerichtsverfahrens mit aufrechtzuerhalten. Trotzdem glaube ich, dass wir politische ­Gefangene vor Gericht nicht allein lassen dürfen. Selbst wenn es rechtlich wenig nützt, üben Anwälte einen gewissen Druck aus, und ihre Unterstützung ist emotional wichtig.

Welche Handlungsoptionen bleiben Menschenrechtsverteidigern in Ägypten?

Sie können und müssen sich gegenwärtig vorwiegend auf die Dokumentation von Menschenrechtsverletzungen konzentrieren und Beweise sichern. So können wir vielleicht in einigen Jahren den Opfern Gerechtigkeit verschaffen, wie es auch in manchen lateinamerikanischen Ländern geschehen ist. Manchmal hilft es schon, wenn ein Rechtsvertreter auftaucht, um jemanden aus dem Polizeigewahrsam zu befreien. Deutlich schwieriger ist es, mit der Regierung zu verhandeln oder Gesetzesänderungen zu bewirken. Das kann bei Gesundheitsfragen gelingen oder bei Frauenrechten, mit denen sich die Regierung gegenüber westlichen Ländern gern als Vorreiterin präsentiert. Aber mit dem Innenministerium etwa können wir zurzeit nicht zusammenarbeiten.

Fühlen Sie sich in Gefahr, weil Sie als Menschenrechtsanwältin arbeiten?

Ägypten ist kein sicheres Land für Menschenrechtsverteidiger. Organisationen können jederzeit geschlossen, Menschen festgenommen werden. Alle, die in diesem Bereich arbeiten, ­haben sich bewusst dafür entschieden. Das ständige Risiko ist Teil des Jobs.

Yara Sallam, 30, arbeitet für die "Egyptian Initiative for Personal Rights" (EIPR), eine der bekanntesten Menschenrechtsorganisationen in Ägypten. Im Juni 2014 demonstrierte die Juristin gegen ein neues, repressives Demonstrationsgesetz. Dabei wurde sie zusammen mit 23 weiteren Personen festgenommen und zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Im September 2015 kam sie vorzeitig frei – als eine von hundert ­Personen, die zum islamischen Opferfest von Präsident Al-Sisi begnadigt wurden.

Weitere Artikel