Amnesty Journal China 25. Juli 2016

Die Kunst des Schattenboxens

Die Kunst des Schattenboxens

Amnesty Journal August/September 2017

In China hat sich die Situation für Journalisten seit dem Amtsantritt von Staatspräsident Xi Jinping massiv ­verschlechtert. Die Selbstzensur wächst und die Staats­sicherheit macht selbst vor ausländischen Reportern nicht mehr Halt.

Von Pascal Nufer

Mit oder ohne Schwert, in Sportkleidung oder auch mal im Pyjama kämpfen sie Tag für Tag in Parks, auf Bürgersteigen oder in einem heruntergekommenen Hinterhof eines gesichtslosen grauen Wohnblocks – doch besiegen können sie ihren Feind nie. Denn dieser ist unsichtbar, aber doch so präsent, dass sie sich auch am nächsten Morgen wieder mit ihm anlegen müssen: Chinas Tai-Chi-Kämpfer.

So ähnlich wie den Millionen, die sich täglich im Volkssport des Schattenboxens üben, geht es auch uns Medienschaffenden hier. Auch unser Feind ist unsichtbar, doch immer öfter tritt er aus dem Schatten und immer öfter schlägt er auch mal heftig zu, der chinesische Staatssicherheitsapparat.

Mein Tai Chi findet leider selten im Pyjama statt. Ich schwinge mein Schwert eher vor Fabriken im Perlflussdelta, wo Tausende schlecht bezahlte Arbeiter die Spielzeuge unserer Kinder zusammenbauen. Oder auch mal in einer Kirche, vor der Bagger aufgefahren sind, weil die Provinzregierung dem Christentum den Kampf angesagt hat. Wie die Tai-Chi-Kämpfer in den Parks reagiere auch ich auf die unsichtbaren Schwertstöße meines Feindes, versuche den Schlägen auszuweichen, ihm eine Bewegung voraus zu sein.

Doch das gelingt nicht immer, denn die Mittel des Feindes sind unerschöpflich und reichen bis in meine Hosentasche, in der sich mein Handy befindet. Wenn er will, kann mein Gegner jede meiner E-Mails mitlesen und meine nächsten Schläge voraussehen. Und das geschieht auch, wie wir vor Kurzem bei Dreh­arbeiten zu den gigantischen Ausbauplänen von Chinas AKW-Netz erfahren mussten.

Wir hatten nach einer Stunde Flug einen Provinzflughafen in Chinas Hinterland erreicht. Zwei weitere Autostunden entfernt bauten wir endlich unser Stativ auf, um eine grüne Wiese zu ­filmen, auf der ein Atomkraftwerk entstehen soll. Es dauerte ­keine fünf Minuten, da tauchte aus dem Nichts auch schon eine schwarze Limousine auf. Ein Herr in Zivilkleidung stieg aus und machte uns in wenigen Sätzen klar, dass wir sofort zu verschwinden hätten. Nicht einmal die grüne Wiese dürften wir ­filmen, wenn wir nicht den Rest des Tages in Polizeihaft verbringen wollten, drohte er uns.

Unsere Presseausweise helfen uns in solchen Momenten auch nicht weiter. Wer nicht kooperiert, riskiert, dass bereits ­gedrehtes Filmmaterial gelöscht oder konfisziert wird. Nicht selten kennen die Überwacher unser Vorhaben längst vor unserer Ankunft. Sobald wir ein Flug- oder Zugticket buchen, weiß die Staatsgewalt, wohin unsere Reise führt. Das Schattenboxen wird in solchen Momenten zum Katz-und-Maus-Spiel.

Die Gangart unseres Gegenspielers ist härter geworden. Blieb es früher bei Androhungen oder Verweisen, werden unliebsame Journalisten neuerdings auch ausgewiesen. Der frische Wind der Öffnung, der nach den Olympischen Sommerspielen in Peking wehte, hat sich gedreht. Die Schläge unseres Gegenübers werden härter, wie der Fall einer französischen Kollegin verdeutlicht: Ursula Gauthier, die hier für den »L’Obs« akkreditiert war, musste Ende vergangenen Jahres ausreisen, weil ihr Journalistenvisum nicht erneuert wurde. Als Grund für ihre Ausweisung nannte ein Sprecher des Außenministeriums einen kritischen Artikel, den sie nach den Terroranschlägen in Paris verfasst hatte. Darin schrieb sie, Pekings Verurteilung der Anschläge sei nicht ohne Hintergedanken, die Regierung erhoffe sich davon mehr internationales Verständnis für ihren umstrittenen Umgang mit muslimischen Minderheiten in China. Das reichte für einen Genickschlag des sonst unsichtbaren Gegenübers.

Dass sich die Lage der Medienschaffenden in China massiv verschlechtert hat, zeigt auch ein Blick in die Statistik: Auf der internationalen Rangliste der Pressefreiheit von »Reporter ohne Grenzen« kommen hinter China nur noch Syrien, Turkmenis­tan, Nordkorea und Eritrea. China ist auf dieser Liste in den vergangenen Jahren kontinuierlich abgerutscht, ohne dass dies die kommunistische Parteiführung zu stören scheint. Die Situation ist geprägt von Angst und Verunsicherung. Wie weit kann man gehen, ohne eine Ausweisung zu riskieren? Diese Frage stelle ich mir nun häufiger und ertappe mich dabei, wie ich damit in die weit geöffnete Falle der Selbstzensur trete.

Kaum einen Monat nach Ursula Gauthiers Ausweisung sorgte ein weiterer Fall für Schlagzeilen, der allerdings in der westlichen Welt kaum wahrgenommen wurde, da es sich um einen chinesischen Kollegen handelte: Li Xin arbeitete als Redakteur für »Southern Metropolis Daily«, eine für chinesische Verhältnisse liberale Zeitung. Im Oktober 2015 war der Journalist nach Indien geflohen. Er wollte damit seine Doppelrolle beenden, die ihm das Regime aufgezwungen hatte. Denn Li Xing arbeitete nicht nur als Kolumnist und Redakteur, sondern auch als verdeckter Informant für die Staatsicherheit. Seine Aufgabe war es, die Sicherheitsbeamten über Dissidenten, Menschenrechtsaktivisten und potenzielle »Staatsfeinde« zu unterrichten. Seine Flucht führte ihn von Indien nach Thailand, wo er sich Asyl erhoffte. Doch dazu kam es nicht. Seit dem 11. Januar 2016 ist Li Xin verschollen. Seine Frau vermutet, dass der kritische Journalist in Thailand entführt wurde und sich in China in den Händen der Staatsicherheit befindet. Der Fall zeigt, dass China auch jenseits der Landesgrenzen eingreift, wenn es darum geht, die freie Meinungsäußerung zu torpedieren.

Aus dem erhabenen Faustkampf, wie das Tai Chi auch genannt wird, ist ein schmutziger Krieg gegen jegliche Form von Kritik geworden. Die Leidtragenden sind weniger wir ausländische Medienschaffende als vielmehr unsere chinesischen Kolleginnen und Kollegen – und vor allem das chinesische Volk. Denn die Quellen aufschlussreicher Information über China werden systematisch vergiftet – durch Internetzensur, Angstmache und ein immer aggressiveres Vorgehen gegen all diejenigen, die versuchen, Wahrheiten aufzudecken.

Bisher sind Geschichten wie die von Ursula Gauthier noch Einzelfälle, doch die Tendenz ist eindeutig: Das Klima der Angst und Unsicherheit wächst und damit die Gefahr weiterer Selbstzensur. Klar ist auch: Staatspräsident Xi Jinping mag Kung Fu mehr als Tai Chi.

Pascal Nufer lebt in Schanghai und arbeitet als Korrespondent für das Schweizer Fernsehen (SRF).

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