Amnesty Journal Vereinigte Staaten von Amerika 18. März 2016

Frei nach 44 Jahren Einsamkeit

Längste Isolationshaft in der US-Geschichte. Albert Woodfox ist endlich frei

Längste Isolationshaft in der US-Geschichte. Albert Woodfox ist endlich frei

Es ist ein grausamer Rekord: Der US-Amerikaner Albert Woodfox hat zwei ­Drittel seines Lebens in Isolationshaft verbracht, er war 44 Jahre lang nahezu völlig allein. An seinem 69. Geburtstag kam er endlich frei.

Von Leila Josua

Tausende Briefe gingen zuletzt beim ­Justizminister des US-Bundesstaates Louisiana ein, in denen Menschen auf der ganzen Welt die Freilassung von Albert Woodfox forderten. Insgesamt mehr als 650.000 Appelle sammelte Amnesty während der vergangenen Jahre für den Inhaftierten, allein im Rahmen des Briefmarathons im Dezember 2015 waren es mehr als 241.000 Nachrichten.

Zu diesem Zeitpunkt saß Albert ­Woodfox bereits 44 Jahre im Gefängnis, die längste Zeit davon im berüchtigten "Louisiana State Penitentiary", auch bekannt als das "Angola"-Gefängnis. Er war isoliert von den anderen Mitgefangenen, eingesperrt in eine kleine Zelle, und das 23 Stunden täglich.

Die Tortur begann 1972, nachdem Woodfox und der Mitangeklagte Herman Wallace wegen Mordes für schuldig befunden wurden. Die beiden Afroamerikaner sollen während eines Gefangenenaufstandes einen Wärter der Haftanstalt ermordet haben – wobei die Beweise dafür von Anfang an zweifelhaft erschienen. Auch Robert King, der zum Zeitpunkt des Mordes gar nicht anwesend war, wurde wegen des Vorfalls verurteilt. Die Staatsanwaltschaft berief sich auf widersprüchliche Aussagen dreier Mithäftlinge, denen für ihre Angaben im Gegenzug Zugeständnisse gemacht wurden. Ihre unmittelbar nach dem Mord gemachten Aussagen deckten sich zudem nicht mit ihren späteren Aussagen vor Gericht. Die Jury, die ausschließlich aus Weißen bestand, befand Woodfox und Wallace schließlich für schuldig. Der Fall schlug hohe Wellen. Woodfox, Wallace und King wurden als die sogenannten "Angola 3" bekannt, viele fragten sich, ob bei ihrer Behandlung durch die Behörden Rassismus im Spiel war.

Der Schuldspruch gegen Woodfox wurde im Laufe von vier Jahrzehnten dreimal aufgehoben, was zeigt, wie ­zweifelhaft die Verurteilung der beiden ­Männer tatsächlich war. Doch wurde die Entscheidung jedes Mal wieder rück­gängig gemacht und auch an den Haft­bedingungen änderte sich bis 2010 nichts.

Die verschärfte Einzelhaft, der Woodfox ausgesetzt war, wird in den USA zwar regelmäßig angewandt, sie gehört jedoch zu den menschenunwürdigsten Strafen, die gesetzlich erlaubt sind. Ein Alltag ­nahezu vollständig isoliert von jeglichen äußeren Einflüssen und Reizen kann Gefangene innerlich zerstören: Angstzustände, Depressionen, Paranoia, Wahnvorstellungen und Psychosen sind einige der nachgewiesenen langanhaltenden Folgen. Juan Mendez, UNO-Sonderberichterstatter über Folter, prangerte eine unbefristete Einzelhaft, wie sie Woodfox auferlegt wurde, sogar als "eindeutige Folter an, die sofort wieder aufgehoben werden muss".

Für viele Beobachter waren der vage fundierte Schuldspruch, die extremen Haftbedingungen und das sture Aufrecht­erhalten der Verurteilung kein Zufall, sondern eine Reaktion darauf, dass ­Woodfox sich politisch engagiert hatte. "Er war mit Haut und Haar Mitglied der Black Panther Party", sagt sein langjähriger Zellennachbar Robert King. Nichts habe Woodfox stärker beeindruckt als ­diese Bewegung: "Unbeugsame schwarze Menschen, die stolz auf ihre Identität ­waren." King setzte sich ebenfalls für die Freilassung von Woodfox ein, die jetzt endlich erfolgte. Woodfox selbst hatte einmal gesagt: "Meinen Geist werden sie niemals einsperren." Jetzt ist er wirklich frei, als letzter der "Angola 3".

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