Amnesty Journal Türkei 18. März 2016

Der Krieg nebenan

Leben in Ruinen. Kurdischer Junge in Sur, dem Altstadtviertel von Diyarbakır im Südosten der Türkei

Leben in Ruinen. Kurdischer Junge in Sur, dem Altstadtviertel von Diyarbakır im Südosten der Türkei

Der türkische Staat kämpft wieder mit Panzern und ­Scharfschützen gegen kurdische Rebellen. Doch erstmals in der Geschichte des Konflikts fallen die Schüsse und ­Granaten nicht auf dem Land und in den Bergen, sondern in dicht besiedelten Wohngebieten. Die Europäische Union schweigt, weil sie Erdoğan in der Flüchtlingskrise nicht vergraulen will.

Von Çiğdem Akyol

Fünf Tage und Nächte lang haben sie sich vor dem Kugelhagel verschanzt, sie haben unter den Tischen geschlafen, für den Fall, dass das Dach einstürzt. Sie haben die Lichter auch nachts nicht angeschaltet, weil sie fürchteten, ein Scharfschütze könne auf sie zielen. Sie haben überlebt, und jetzt versucht Familie Tuncer inmitten des Wahnsinns, weiterhin in Deckung zu gehen. »Wir wissen nicht, ob wir überhaupt noch eine Zukunft haben als Kurden in diesem Land«, sagt Hasan Tuncer.

Der 28-jährige Elektriker sitzt in seinem Wohnzimmer in Sur – dem Altstadtviertel der südosttürkischen Stadt Diyarbakır. Die kleine Wohnung ist schmutzig, durch die zerstörten Gebäude rundherum zieht der Staub in ihr Zuhause ein. Das Küchen­fenster ist zersplittert, ein Querschläger, sagt Tuncer. Sein zweijähriger Sohn Mehmet tapst neben ihm her, seine Frau Emine hängt die Wäsche auf einer Leine auf, die von Dach zu Dach gespannt ist. Sie schaut auch nicht hoch, als Granateneinschläge zu hören sind, nur der Vater nimmt seinen Sohn in den Arm und streichelt ihm beruhigend über den Rücken. »Ich weiß überhaupt nicht, was ich meinem Jungen erzählen soll«, sagt der Vater. »Wie soll ich einem Kind klarmachen, dass wir gejagt werden, weil wir hier nicht als Menschen gelten?«

Das einst quirlige, bei Touristen und Einheimischen beliebte Sur mit zahlreichen Sehenswürdigkeiten und Restaurants ist ein gespenstischer Ort geworden. Die engen Gassen des verwinkelten Altstadtviertels sind Schauplatz des Kampfes zwischen dem türkischen Staat und der kurdischen »Patriotisch-Revolutionären Jugendbewegung« (YDG-H), der Jugendorganisation der verbotenen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK). Ganze Straßen sind zerstört, ausgebrannte Fahrzeugwracks stehen herum, es sind Szenen wie aus einem Bürgerkrieg. Zurückgeblieben sind die ­Alten, Kranken und Mittellosen – die sich einen Wegzug nicht leisten können oder zu schwach sind. So wie Familie Tuncer, die kein Geld hat, um fortzugehen. Hasan Tuncer arbeitete als Reinigungskraft in einer Bäckerei. Doch weil er wegen der Ausgangssperren tagelang nicht zur Arbeit gehen konnte, hat er ­seinen Job verloren.

Sur, das Zentrum des kurdischen Widerstands in Diyarbakır, wird umschlossen von einer mächtigen Stadtmauer, die zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt. Wer in das Altstadtviertel will, wird von Militärs durchsucht, muss seine Taschen öffnen und Fragen beantworten. Das gleiche Prozedere erwartet einen beim Verlassen des Viertels, nur dass man unter Umständen auch noch sein Handy vorzeigen muss, das nach Fotos durchsucht wird. Kürzlich, so erzählen Bewohner, hätte eine Frau bei einer Kontrolle einfach eine Waffe aus ihrer Tasche gezogen und einen Militär erschossen. »Wenn ich könnte, würde ich jeden einzelnen Soldaten und Polizisten hier ermorden«, so eine Bewohnerin, die ihren Namen nicht nennen will. »Wir Kurden werden Schritt für Schritt vom Staat umgebracht, warum sollten wir uns nicht rächen?«, sagt sie und geht rasch eine Straße entlang, in der die Häuserwände mit Einschusslöchern übersät sind.

Kampf in den Großstädten
Schon seit August 2015 verhängen die Behörden immer wieder Ausgangssperren im kurdischen Südosten der Türkei. In Sur gilt seit dem 2. Dezember eine solche Sperre, die gelegentlich gelockert wird. In den Städten Cizre und Silopi, die in der Nähe liegen, seit dem 14. Dezember. Mitte Februar 2016 hat die Armee ihre Offensive gegen die PKK auf Idil ausgeweitet, wo nun auch eine Ausgangssperre herrscht. Nach Angaben des türkischen ­Gesundheitsministers sind seit Dezember 2015 rund 355.000 Menschen aus den kurdischen Gebieten der Türkei geflohen.

Anders als bei den Unruhen in den 1990er Jahren, als im Südosten der Türkei ebenfalls der Ausnahmezustand herrschte, hat sich der Konflikt in die Großstädte verlagert. »Früher fanden die bewaffneten Auseinandersetzungen eher in den ländlichen Regionen statt«, sagt der britische Türkei-Experte Gareth Jenkins vom »Silk Road Studies Program« in Istanbul. Zudem habe es noch nie zuvor in der Türkei die Situation gegeben, dass die PKK ganze Stadtteile besetzt halte. Staatspräsident Recep Tayyip Erdoğan sagte Anfang Januar 2016, es gebe gar kein Kurdenproblem in der Türkei, sondern nur kurdischen Terror. »Vergleichbares hat das Militär in den 1990er Jahren gesagt«, stellt Jenkins fest. Doch wegen der Flüchtlingskrise schweige Europa zu dem Konflikt. Man wolle Staatspräsident Erdoğan nicht »verärgern«, um die Flüchtlinge in der Türkei zu halten. »Europa hat der Türkei viel Geld gezahlt, um das Flüchtlingsproblem hier zu lösen«, sagt Jenkins.

Während die PKK früher meist ausschließlich Einrichtungen der Armee und der Polizei in den Bergen und auf dem Land ­attackierte, haben die Jugendbrigaden den Konflikt in die Städte getragen. Beide Seiten kämpfen mit Kalaschnikows und Sprengfallen gegeneinander. Was den ­Jugendlichen an militärischer Erfahrung fehlt, machen sie durch Risikobereitschaft und Entschlossenheit wett. Um die Militanten fassen zu können, ist den staatlichen Sonderkommandos jedes Mittel recht. Nach Armeeangaben wurden bei den Gefechten seit Dezember 2015 mehr als 850 PKK-Kämpfer getötet. Laut der prokurdischen Partei HDP kamen dabei mindestens 277 Menschen ums Leben, die nicht als Kämpfer identifiziert wurden. Anzeichen dafür, dass der Bürgerkrieg auch in die westlichen türkischen Städte getragen werden könnte, gibt es bereits. Mitte Februar kamen bei ­einem Bombenanschlag auf einen Militärkonvoi in Ankara 29 Menschen ums Leben. Zu dem Attentat bekannte sich die aus der PKK hervorgegangene Splittergruppe Freiheitsfalken Kurdistans (TAK).

Überall Märtyrer
Im Südosten des Landes sind laut Ankara rund zehntausend ­Polizisten und Militärs im Einsatz. In Diyarbakır selbst gibt es zahlreiche Checkpoints, überall stehen Wasserwerfer und Panzerwagen. Auf den Straßen liegt stinkender Abfall, denn die Müllabfuhr streikt wegen der Unruhen regelmäßig. Nachts wird vorsorglich Tränengas in den Straßen versprüht, damit niemand sich herauswagt. Aus fahrenden Polizeiautos wird mit Gaskartuschen auf Gruppen gezielt, die sich als Demonstranten zusammentun könnten. Die Menschen protestieren aber dennoch. In finsteren Hofeingängen zünden Jugendliche Müll an. Bewohner stehen auf ihren Balkonen und hauen mit Löffeln auf Kochtöpfe – der Sound des Widerstandes gegen die verhasste ­Besatzungsmacht.

Auch Mahmut Bulak widersetzte sich der Staatsgewalt, jetzt ist der Junge tot. Der 16-Jährige wurde Anfang Februar 2016 in Diyarbakır bei einer Demonstration gegen die Regierung in den Hinterkopf geschossen. Wer ihn getötet hat, ist immer noch unklar. Für die Kurden in seiner Heimatstadt ist der türkische Staat der Mörder – für Ankara ist der Junge dagegen ein Terrorist, weil er an einem Protest gegen die Regierung teilgenommen hat. Der Jugendliche protestierte am 9. Februar mit Tausenden Demons­tranten gegen die Katastrophe in der Stadt Cizre. Dort waren ­einen Tag zuvor unterschiedlichen Angaben zufolge zwischen zehn und 60 Menschen in einem Wohnhaus durch Militär­angriffe umgekommen. Der Staatssender TRT berichtete hingegen, die Angreifer seien PKK-Kämpfer gewesen. Die kurdische Seite bezeichnet den Vorfall als »Cizre-Massaker«.

Zur Beisetzung Mahmuts kamen Tausende Menschen. Sie hielten Bilder des Jungen hoch und riefen »Şehit« – »Märtyrer«, aus der Ferne waren Schüsse aus Maschinengewehren zu hören. Der Sarg war mit einer PKK-Flagge umhüllt, die Mutter musste gestützt werden und schrie: »Komm zurück, mein Sohn.«

Über die Zustände im Südosten erfahren die meisten Türken nichts bis wenig, denn darüber wird kaum berichtet. In den regierungstreuen Medien werden die toten Sicherheitskräfte als »Märtyrer« bezeichnet, ermordete Zivilisten werden hingegen nicht erwähnt. Über sie berichtete bisher der kurdisch-türkische Fernsehsender IMC-TV, doch Ende Februar wurde dem Sender die Lizenz entzogen und der Betrieb eingestellt. Beide Seiten instrumentalisieren die Toten für ihre Propaganda. Beide Seiten verbreiten Lügen. Unabhängige Berichterstattung aus der Region ist kaum möglich, denn Journalisten werden hier kaum geduldet.

Anfang Februar versprach Ministerpräsident Davutoğlu, Sur werde nach seinem Wiederaufbau wie »Toledo« aussehen. Die kurdischen Rebellen hätten ein Feuer gelegt, »aber wir werden, so Gott will, einen Rosengarten dort pflanzen, wo Feuer war«. Der Co-Vorsitzende der HDP, Selahattin Demirtaş ist da weniger zuversichtlich. Wegen des anhaltenden Ausnahmezustandes hätten sich noch mehr kurdische Jugendliche radikalisiert – rund 500 Jugendliche seien innerhalb weniger Tage der PKK beigetreten, so Demirtaş.

»Wir werden uns ­rächen«
Zur Radikalisierung dürfte auch beitragen, dass seit dem 7. Januar 2016 ein neues Gesetz gilt, dass es den Behörden erlaubt, Tote binnen drei Tagen ohne Zeremonie zu beerdigen, wenn die Angehörigen sie nicht abholen – selbst wenn die Identität der Toten feststeht. Doch wenn ein Angehöriger in einem Viertel lebt, in dem eine Ausgangssperre herrscht, ist dies kaum möglich. Die Regierung will damit verhindern, dass Beerdigungen von YDG-H-Kämpfern zu Sympathiebekundungen für die kurdischen Rebellen ausarten.

Rund 160 Kilometer von Diyarbakır entfernt lacht man über solche Maßnahmen. In Nusaybin, einer Stadt direkt an der syrischen Grenze, wiederholen sich die Bilder aus Sur. Staubige Straßen und kaputte Gehwege schlängeln sich durch die Stadt, vorbei an zerstörten Häusern und türkischen Militärs. Das Einflussgebiet Ankaras endet am Fluss Dschaghdschagh, der Nusaybin teilt. Ein Sprengsatz der YDG-H hat die Brücke zum Viertel Abdul Kadir Pascha unbefahrbar gemacht, dahinter beginnt die ­sogenannte »befreite Zone«, in der sich kurdische Rebellen verschanzt haben und ihre nächsten Angriffe auf die türkischen ­Sicherheitskräfte vorbereiten.

Sie haben Pflastersteine und mit Erde gefüllte Säcke zu ­Barrikaden aufgeschichtet. An den Wänden stehen Graffiti wie »Widerstand« oder »Es gibt keine Entschuldigung für Verrat«. Kämpfer und Kämpferinnen der YDG-H sitzen in Armeehosen und Stiefeln unter einer schwarzen Plastikplane, die als Sichtschutz gegen Scharfschützen der Armee dient. Immer wieder sind Schüsse zu hören, doch die Rebellen lachen nur. Wenige Meter weiter, im Hauptquartier der YDG-H, hängen Bilder von »Märtyrern« und ein Porträt des inhaftierten PKK-Chefs Öcalan.

Melek, so nennt sich eine junge YDG-H-Kämpferin, putzt hier gerade ihre Kalaschnikow. Woher sie die Waffe habe? »Wir haben sehr viele Unterstützer«, sagt die 19-Jährige ausweichend. Zudem sei es nach Jahrzehnten des Kampfes gegen Ankara ein Leichtes, Waffen zu besorgen. »Erdoğan will uns Kurden alle tot sehen«, sagt sie und wieder wird im Hintergrund geschossen. Das seien die Soldaten, die auf die Rebellen zielen würden, sagt sie. »Doch auch wenn sie uns treffen, sie werden uns nicht zerstören. Wir haben Hass in uns und wir werden uns dafür ­rächen, dass sie uns auslöschen wollen.«

Die Autorin lebt seit 2014 als Korrespondentin in Istanbul und berichtet unter anderem für die »Frankfurter Allgemeine Zeitung«, die »Neue Zürcher Zeitung« und »Zeit ­Online«.

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