Amnesty Journal Marokko 21. Juli 2015

Das Ghetto

In den Bergen vor der spanischen Exklave Melilla träumen Hunderte Afrikaner von Europa – und leben dabei in ständiger Angst.

Von Dietmar Telser

Einmal war Mohamed Djim seinem Traum schon ganz nah. Die Polizei hatte gerade ein Camp der Afrikaner auf dem Berg gestürmt. Am Ende lag ein Junge tot am Boden. Die Bewohner des Camps packte der Zorn, sie liefen los, alle zusammen, den Berg Gourougou hinunter bis zur Grenze. Mohamed Djim mittendrin. Immer wieder hatten sie in der Vergangenheit versucht, über den Zaun nach Melilla zu klettern.

Diesmal aber wollten sie gar nicht über die Grenze. Sie liefen auf den offiziellen Grenzübergang zu. Und blieben einfach davor stehen. Sie wollten zeigen, dass man nicht alles mit ihnen machen kann. »Wir waren so viele«, sagt Mohamed Djim. »Uh, das war ein gutes Gefühl.« Dann sind sie wieder hinauf auf den Berg.

Mohamed Djim, schmächtig und still, lebt nun etwas weiter im Hinterland der Berge von Afra. Er sitzt auf einem wackeligen Stein vor seinem Zelt. Von seinem Hügel aus sieht er über die Kiefernwälder am Rande des marokkanischen Rif-Gebirges. Er kann den Berg Gourougou, über den er damals hinunterstürmte, sehen, das Meer und die Stadt Melilla, von der hier alle ­träumen, weil sie viel mehr als nur eine Stadt mit einem Hafen ist.

Melilla ist neben Ceuta und den Kanaren alles, was Spanien von seiner Kolonialherrschaft in Afrika geblieben ist. Seit mehr als 500 Jahren klammert sich das Königreich an die 84.000-Einwohner-Stadt am nördlichen Rand des afrikanischen Kontinents. So wurde die spanische Exklave zu einem Vorposten Europas.

Flüchtlinge haben drei Möglichkeiten, Melilla zu erreichen. Der härteste aller Wege führt vom Berg Gourougou über den Hochsicherheitszaun. Er kostet kein Geld, aber die Erfolgsquote ist gering. Es ist die Route der Ärmsten. Ein zweiter Weg führt mit einem gefälschten Pass oder versteckt in einem Auto über den offiziellen Grenzübergang. Etwa 2.000 Euro lassen sich Schlepper dafür bezahlen.

Und dann ist da noch die Route mit dem Boot in die Exklave oder direkt über die Meerenge von Gibraltar. Zwischen 1.500 und 2.000 Euro kostet die Fahrt. Viele, die sich auf diese Reise vorbereiten, haben sich in die ruhigeren Afra-Berge zurückgezogen, so wie Mohamed Djim. Nicht ganz so nah am Zaun, nicht ganz so nah an den Polizeikontrollen.

»Willkommen in meinem Ghetto«, hatte Mohamed Djim gesagt, als wir ihn das erste Mal im Wald trafen, und dabei selbst ein wenig über das Wort gelächelt. Seit drei Monaten lebt er in den Bergen. Anfangs schlief er noch in einem größeren Camp. Aber Mohamed Djim mochte nicht, wie dort miteinander umgegangen wurde. Zu oft gab es Streit und Auseinandersetzungen, Mohamed Djim aber wollte seine Ruhe.

Er zog auf die nächste Anhöhe und schlug dort sein Zelt auf. Freunde kamen und blieben. Dann Freunde der Freunde. Inzwischen sind sie ein gutes Dutzend. Favour, die hübsche Nigerianerin mit den hochfrisierten Haaren, wohnt hier, immer einen Kamm in der Hand, Modedesignerin will sie einmal werden. Gift, die davon träumt, Friseurin zu werden, Sosis mit ihren melancholischen Liedern, »vielleicht werde ich Sängerin«, sagt sie einmal. Gemeinsam wollen die Frauen ein Boot finden. Die Rettungswesten haben sie schon gekauft.

Mohamed Djim ist inzwischen so etwas wie das Oberhaupt seines Ghettos. Er wird gefragt, wenn es darum geht, einen sicheren Weg ins Dorf zu wählen, und er ist der Mann, der Neu­ankömmlinge empfängt oder auch nicht. Im Ghetto haben sie heute ein neues Zelt gebaut. Mohamed hat ihnen gezeigt, wie aus den richtigen Ästen das Gerüst entsteht und wie man mit ­einer alten Jeans, in Streifen geschnitten, die Äste verknotet. Das Camp wächst weiter.

Zwölf Ghettos gibt es derzeit im Wald. Aber die Zahl hat ­keinen Bestand. Die Ghettos werden hier schnell gegründet, lösen sich oft genauso rasch wieder auf, wachsen zusammen und spalten sich wieder ab. Wer eine Gelegenheit sieht, macht rüber nach Melilla. Auf dem Berg der Verzweifelten bleibt niemand länger als er muss. Von überall droht hier Gefahr.

Die Angst, sagt Mohamed Djim und greift sich an die Stirn, sie macht einen ganz mürbe im Kopf. Manchmal können sie sie von hier oben sehen. In ­ihren Autos kreisen sie scheinbar ohne Ziel unten im Tal und bleiben dort, wo die Wege auf den Berg führen, im Schatten der Kiefern stehen. Banditen, flüstern sie oben und schweigen dann. Ein Freund Mohamed Djims ist vor zwei Tagen spätnachts angekommen. Jetzt liegt er in einem Zelt mit aufgeplatzter Unterlippe, fluchend, ohne Geld, das Handy gestohlen. Drüben im Ghetto der Kongolesen stehen jetzt Wachen.

Die Banditen hatten sich dort vor ein paar Tagen als Schlepper ausgegeben. »Wir besitzen ein gutes Boot«, haben sie gesagt, »es gibt noch Platz für einige Leute.« Sechs Männer und vier Frauen aus dem Camp ließen sich überreden. Sie fuhren in den beiden weißen Mercedes mit, doch die Fahrer stoppten nach einigen ­Kilometern. Alle mussten sich nackt ausziehen, die Männer wurden verprügelt, die Frauen vergewaltigt.

Das ist das Leben in den Bergen vor Europa. Mohamed Djim geht es nicht gut. Manchmal telefoniert er mit seiner Mutter in Gambia. »Ist alles in Ordnung?«, fragt sie, »klar«, lügt er dann. Vor drei Monaten ist sein Vater gestorben. Es macht ihn traurig, dass er nicht einmal das Geld hatte, zur Bestattung nach Hause zu reisen. »Ich wünsche mir nicht viel«, sagt er. Etwas lernen, eine Arbeit, ein bisschen Geld, mit dem er seine Mutter unterstützen kann.

Hin und wieder schickt ihm ein Freund, der in Bremen lebt, einen kleinen Geldbetrag. Aber dann gibt es wieder Wochen, da geht er gar nicht ans Telefon. Mohamed versteht das. Er sagt, der Freund aus Bremen hat sein eigenes Leben, er kann nicht immer nur helfen.

Gebrochene Beine, Kopfverletzungen

Es sind eigentlich nur noch wenige Kilometer nach Europa. Aber es ist ein unglaublich langer Weg bis dahin. Es könnte so einfach sein, gäbe es diesen Zaun in Melilla nicht. Er ist längst viel mehr als eine Grenze. Er ist eine Verteidigungsanlage mit rasiermesserscharfen Klingen, die Menschen nicht nur stoppt, sondern bereits jeden Versuch schmerzhaft sanktioniert.

Der Zaun ist Hindernis und Bestrafung zugleich. Mehr als sechs Meter hoch, 12,5 Kilometer lang, drei Barrieren, umwickelt mit Nato-Draht und seit einiger Zeit mit speziellem Gitter verstärkt, das es unmöglich macht, mit Fingern oder Füßen Halt zu finden. Mehr als 300 Polizisten bewachen ihn allein auf spanischer Seite. Der Zaun in Melilla ist Europas deutlichstes Signal an die Außenwelt, dass es für sich bleiben will.

Manchen gelingt der Sprung über den Zaun aber doch. Alle paar Wochen stürmen sie los. Manchmal zu Hunderten, weil sie nur so die Grenzpolizisten überrumpeln können. Mehr als 1.000 haben es allein am 28. Mai 2014 versucht, 400 kamen durch. Die Bilder gingen um die Welt und es gab Politiker, die sprachen von einer Invasion und von einem Sturm auf Europa. Aber die Aufnahmen sind trügerisch. Im vergangenen Jahr ist es insgesamt 2.100 Menschen gelungen, die Barriere zu überwinden. Was sind 2.100 bei insgesamt mehr als 50 Millionen Menschen, die laut UNHCR derzeit auf der Flucht sind.

Europa lässt die schmutzige Arbeit von Marokko erledigen. Mit mehr als 70 Millionen Euro unterstützte die EU in den vergangenen zehn Jahren Marokko durch die Programme »Meda« und »Aeneas«. Damit finanzierte das Königreich den Kampf ­gegen illegale Einwanderung. Das Geld wurde in den Ausbau der Grenzen, in die Überwachung durch Satelliten und in Rückführprogramme gesteckt.

Dort, wo die Hightechgrenze die Flüchtlinge nicht stoppen kann, rücken die Grenzpolizisten aus. Mit Schlagstöcken und Steinen drängen sie die Menschen zurück. Human Rights Watch spricht in einem Bericht vom vergangenen Jahr von exzessiver Gewalt. Ärzte ohne Grenzen zog sich im vergangenen Jahr auch aus Protest gegen die zunehmende Brutalität der Sicherheitskräfte aus der Region zurück.

Immer wieder wird von Menschenrechtlern beobachtet, wie spanische Beamte Flüchtlinge den marokkanischen Polizisten übergeben, ohne zu prüfen, ob sie Anspruch auf Schutz hätten. »Heiße Abschiebung« heißt dies. Es ist ein klarer Verstoß gegen die Genfer Flüchtlingskonvention. Deshalb musste sich auch der Chef der spanischen Guardia Civil im Herbst 2014 vor Gericht verantworten. Aber es gab keinen Aufschrei der Entrüstung. Im Gegenteil: Die spanische Regierung hat inzwischen eine Gesetzesänderung vorgeschlagen, die solche Abschiebungen legalisiert.

In diesen Monaten, in denen die Polizisten offenbar so gnadenlos auf die Flüchtlinge einprügeln wie seit Langem nicht mehr, ist Jesuitenpater Esteban Velázquez ein gefragter Mann. Es gibt nicht so viele, die sich auf marokkanischer Seite um die Menschen in den Bergen kümmern.

Sein Büro ist ein Hinterzimmer der Kirche Santiago el Mayor in Nador am Fuß der Afra-Berge. Gerade erst hatte er Besuch aus Deutschland. »Wie war gleich der Name?« Er kramt nach einer Visitenkarte. Rupert Neudeck steht drauf. »Kennt man den in Deutschland?« Der Botschafter aus dem Kongo hat sich für morgen angekündigt. Es geht um die Vergewaltigung der Frauen aus dem Kongo in den Bergen.

Der Besuch ist Velázquez wichtig, weil der Fall Kreise ziehen könnte und am Ende vielleicht doch noch Täter gefunden werden. »Es darf keine Straffreiheit geben bei solchen Vorfällen.« Aber der Botschafter, so wird sich später herausstellen, ist gar kein Botschafter. Ein Missverständnis. Es ist der Sprecher einer Gemeinde der Kongolosen. Und am Ende werden sie sich gar nicht treffen.

Pater Velázquez hat Anfang des Jahres ein Gesundheitsprojekt von Ärzte ohne Grenzen übernommen. Es ist nicht so, dass sich die marokkanische Regierung dafür besonders dankbar zeigt. Velázquez’ Arbeit wird mit Argwohn beobachtet. Es heißt, dass draußen im Café gegenüber immer zwei Leute sitzen, die notieren, wer bei ihm ein- und ausgeht. Velázquez bringt nicht nur Medikamente in die Berge, er hat auch Decken und Plastikplanen für die Unterkünfte dabei. Das gefällt nicht jedem. Es wird ihm vorgeworfen, dass er deshalb mitverantwortlich dafür sei, dass die Afrikaner in den Bergen lebten.

»Aber es ist kalt, sie frieren«, sagt er. »Was soll ich tun?« So hat er bis heute keine offizielle Genehmigung für seine Arbeit erhalten, sagt er, und wenn er den Berg besucht, ist er mit seiner Gruppe stets vom Wohlwollen der Soldaten abhängig.
Velázquez sagt, dass er nur das wiedergibt, was ihm Flüchtlinge über die Gewalt der Polizisten erzählen. Er sieht die Verletzungen nach den gescheiterten Grenzübertritten, die gebrochenen Beine, kaputten Kniegelenke, die Kopfverletzungen. »Es ist erschreckend, was wir hier behandeln lassen müssen.«

Dabei könnte es doch so einfach sein, die Gewalt zu stoppen, sagt er. »Warum werden keine humanitären Beobachter an der Grenze eingesetzt?« Die EU investiere doch viel Geld zur Sicherung der Grenze. »Warum wird nicht auch Geld für die Wahrung der Menschenrechte ausgegeben?«

Neulich hat Velázquez’ Team die Ghettos in den Bergen kartografiert. Das hilft ihm allein aus praktischen Gründen bei der Verteilung der Hygienekits und der Plastikplanen. Sie haben in den zwölf Camps in der Afra-Region um Nador rund 600 Menschen gezählt. Die Zahlen für den Berg Gourougou vor Melilla liegen noch nicht vor. Aber es sind zuletzt weniger geworden. Velázquez sagt, dass es an dem verstärkten Zaun liegt. Vor allem Kriegsflüchtlinge aus Mali würden deshalb derzeit auf andere Routen ausweichen. Immer mehr suchen nun den Weg über das Mittelmeer von Libyen nach Italien.

Dietmar Telser ist Politikredakteur bei der »Rhein-Zeitung« und reiste während einer Auszeit für eine Multimedia-Reportage drei Monate entlang der EU-Außengrenzen.

www.der-zaun.net

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