Amnesty Journal Frankreich 31. März 2015

"Wir waren alle fassungslos"

Nach dem Attentat in Paris und den Entführungen in Syrien, ein Gespräch mit Astrid Frohloff von "Reporter ohne Grenzen" über Presse- und Informationsfreiheit.

Zwölf Menschen wurden bei dem Anschlag auf die Pariser Satirezeitung »Charlie Hebdo« getötet. Was haben Sie empfunden, als Sie die Nachricht gehört haben?

Wir waren alle fassungslos. Eine derartig gezielte, kaltblütige Exekution von Journalisten haben wir bei »Reporter ohne Grenzen« bisher nur in autoritären Staaten, Ländern mit Mafiastrukturen oder in Kriegssituationen erlebt, nicht aber in Westeuropa. Das ist ein schwarzer Tag für die Presse- und Meinungsfreiheit – und ein Angriff auf die Menschenrechte insgesamt.

Ist der unabhängige Journalismus in Europa gefährdet?

Regierungen und die Öffentlichkeit sollten jetzt alles in ihrer Macht Stehende tun, um zu verhindern, dass sich Journalisten oder Medien durch diese schockierende Tat einschüchtern lassen. Sonst hätten die Terroristen ihr Ziel erreicht.

Gleichzeitig sind die Medien gut beraten, jetzt nicht heißblütig zu reagieren, sondern einen kühlen Kopf zu bewahren und dazu beizutragen, dass Islam und Islamismus in der öffentlichen Darstellung klar voneinander getrennt werden. Die überwältigende Mehrzahl der Muslime in Deutschland lehnt Gewalt ab.

Aus den vom »Islamischen Staat« kontrollierten Gebieten wurden im vergangenen Jahr grausame Hinrichtungen von Journalisten gemeldet. Ist es überhaupt noch möglich, von dort zu berichten oder sind Journalisten inzwischen Teil des Geschehens, indem sie als »Kriegsbeute« propagandistisch benutzt werden?

Die Region, in der sich die Terrororganisation »Islamischer Staat« breitgemacht hat, ist ein schwarzes Medienloch. Unabhängige Berichterstattung findet von dort aus praktisch nicht mehr statt. Es ist lebensgefährlich für Reporter, dort zu arbeiten. Viele einheimische Journalisten mussten fliehen, da der IS mit unglaublicher Brutalität gegen sie vorgeht.

Immer wieder wurden Journalisten entführt. Die Bilder der grausamen Enthauptungen von Steven Sotloff und James Foley sorgten weltweit für Entsetzen. Dennoch versuchen Journalisten immer wieder, von dort zu berichten. Manche müssen einen sehr hohen Preis dafür zahlen: Etwa John Cantlie, ein britischer Journalist, der 2012 entführt und in jüngster Zeit dafür benutzt wurde, in Propagandavideos des IS aufzutreten und darin fragwürdige Nachrichten zu verbreiten.

Gibt es andere Länder, in denen die Arbeit von Journalisten ähnlich schwierig ist?

Ein direkter Vergleich ist schwierig. Aber auch im Osten der Ukraine, wo seit April 2014 bewaffnete Auseinandersetzungen stattfinden, ist es praktisch unmöglich geworden, frei und ungefährdet zu arbeiten.

Vor allem einheimische Journalisten laufen ständig Gefahr, dass ihre Büros überfallen oder geplündert werden. Zudem wird zensiert. Journalisten werden bedroht oder entführt: Zwischen Mai und August vergangenen Jahres wurden sechs Journalisten getötet. Die bewaffneten Auseinandersetzungen sind unübersichtlich, die Frontverläufe verschwommen.

In der Ostukraine spielen nicht-staatliche Akteure eine zentrale Rolle. Haben Sie den Eindruck, dass diese Akteure auch in anderen Weltregionen zunehmend die Pressefreiheit gefährden?

In vielen Kriegen und Krisen bekämpfen sich verfeindete Gruppen über Ländergrenzen hinweg. Terrorgruppen wie die Taliban sind weit vernetzt und agieren aus verschiedenen Staaten. Das macht die Berichterstattung für Journalisten schwierig.

Gleichzeitig wächst die Gefahr, dass sie bedroht oder entführt werden. Zwar sind die Waffen der Journalisten eigentlich schärfer geworden, wenn sie etwa Nachrichten in Sekundenschnelle über Kanäle wie Twitter verbreiten. Aber genau davor haben diese Regime und Terrorgruppen Angst. Deshalb gehen sie umso ­rigider und gewalttätiger gegen Journalisten vor.

Fragen: Anton Landgraf

Astrid Frohloff
ist geschäftsführendes ­Vorstandsmitglied von »Reporter ohne Grenzen«. Die Organisation setzt sich weltweit für die Presse- und Informationsfreiheit ein und unterstützt verfolgte Journalisten.

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