Amnesty Journal Deutschland 18. Februar 2016

Schreiben als Therapie

Schriftzug "Stop Folter", Folter dabei durchgestrichen

Human Mirrafati überlebte Folter und Misshandlungen. Seine Erinnerungen hat er in einem Buch veröffentlicht.

Von Ralf Rebmann

Human Mirrafati hat seinen Händen viel zu verdanken. Er hat mit ihnen ein neues Leben aufgebaut – im wahrsten Sinne des Wortes. Der 53-Jährige ist ­gelernter Tischler. Das Haus, in dem er und seine ­Familie in Berlin wohnen, die Einrichtung in Wohnzimmer und Küche, hat er selbst hergestellt.

Seine Hände halfen ihm auch bei einem anderen Lebens­abschnitt. Er musste seine Erinnerungen aufschreiben, um mit ihnen leben zu können: Erinnerungen an die dunklen Zellen von Gefangenenlager Nummer 9, die Schläge, die Tritte und an die vor Schmerzen stöhnenden Mitgefangenen. Man liest davon in seinem Buch »Verlorene Sterne«, das im vergangenen Jahr in überarbeiteter Auflage erschienen ist.

Human Mirrafati hat fünf Jahre, von 1985 bis 1990, als iranischer Kriegsgefangener in irakischen Gefangenenlagern verbracht. Er musste Folter und Misshandlungen erleiden, hat immer wieder versucht, aus der Haft Asyl zu beantragen. Nach der Freilassung floh er 1992 nach Deutschland.

»Ich habe keine Hassgefühle«, sagt er trotz alledem und ­lächelt. Human Mirrafati hat eine ruhige Stimme, selbst wenn er über Details der Folter und des Krieges spricht. Wie überlebt man eine solche Zeit? Wie hält man fünf Jahre Folter aus? Er sagt: »Man hat keine andere Wahl.«

Mirrafati wächst mit sechs Geschwistern im Norden Irans auf. Ende der siebziger Jahre erlebt er als Jugendlicher die Proteste gegen die Schah-Regierung. Als Ayatollah Khomeini 1979 aus dem Exil zurückkehrt und die Islamische Republik ausruft, ist Human Mirrafati 17 Jahre alt. Nur ein Jahr später beginnt der Erste Golfkrieg zwischen dem Irak und dem Iran.

Drei Jahre nach Kriegsausbruch wird auch er Soldat. Wie viele seiner Freunde ist er vom Krieg überzeugt. Doch schon bald ändert er seine Meinung: »Nach und nach glaubte ich nicht mehr daran, es tauchten immer mehr Fragezeichen auf.« Ein Gefecht in der Nacht zum 15. August 1985 ändert alles: Seine Einheit wird von irakischen Truppen umstellt. Viele werden getötet, die Überlebenden, darunter Human Mirrafati, ergeben sich. Es ist der Beginn einer fünfjährigen Kriegsgefangenschaft.

»Krieg für Frieden – so etwas gibt es nicht«, sagt er. Das wolle er vor allem jungen Leuten klarmachen. »Egal unter welchem Namen man einen Krieg der Öffentlichkeit verkauft, es ist der falsche Weg.« Die wichtigste Lebenszeit habe er durch den Krieg und die Zeit in Gefangenschaft verloren.

Diese beginnt für ihn zunächst in einer vier mal sieben ­Meter großen Gefängniszelle. Mit 37 anderen Gefangenen, verwundet und halb verdurstet, harrt er darin aus. Es folgen Ver­höre, nicht nur mit Worten, sondern auch mit Eisenstangen. ­Human Mirrafati wird während eines solchen Verhörs so lange malträtiert, bis er ohnmächtig wird.

Die meiste Zeit seiner Gefangenschaft verbringt er im Gefangenenlager 9 in der irakischen Stadt Romadi, westlich von Bagdad. Auf 500 Gefangene kommen dort nur neun Toiletten. »Wenn man im Gefängnis ist, werden die Wünsche kleiner«, sagt er. Zum Alltag gehören Schläge und Schikanen. Er und seine Mitgefangenen schlafen hungrig ein, weil sie sich von der spärlichen Tagesration noch etwas absparen müssen. Ihre eiternden Wunden versorgen sie selbst, mit Pinzetten und warmem Wasser.

Human Mirrafati wird für drei Tage in Einzelhaft genommen, weil er sich über das Brot, das nach Benzin schmeckt, beschwert hat. »Man konnte von heute auf morgen sterben – ohne dass jemand dafür geradestehen musste.« Manchmal sind Mitarbeiter des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) zu Besuch, doch an den Haftbedingungen können sie kaum etwas ändern. Sie lassen Schreibutensilien und Bücher da, darunter den Koran und die Bibel. Mirrafati liest sie und trifft eine folgenschwere Entscheidung:

»Wenn man viel Zeit hat, kommen viele Fragen. Religionen haben viel gemeinsam, aber alle enthalten Grausamkeiten. Um ein guter Mensch zu sein, brauche ich keinen Gott.« Er ist mit traditionell-religiösen Werten aufgewachsen, in Gefangenschaft entscheidet er sich gegen sie. Seinen religiösen Vornamen »Asrar« ändert er zu »Human«. Im Lager hört man von seinem ­Sinneswandel. Fanatisch-religiöse Mitgefangene bedrohen ihn, wollen ihn nach der Freilassung an die iranischen Behörden ausliefern.

Auch aus diesem Grund bittet er das IKRK mehrmals um Asyl – erfolglos. Irgendwann verliert er die Hoffnung: Mit einer Rasierklinge ritzt er sich in den Duschräumen des Gefängnisses die Pulsadern auf. Nur weil ein Freund in der Nähe ist, überlebt er. Der Krieg endet 1988, doch es dauert bis 1990, bis Human Mirrafati endlich frei ist.

In Sicherheit ist er deswegen nicht. »Für mich war von ­Anfang an klar, dass ich nicht im Iran bleiben kann«, erklärt er. »Vor den Augen meiner Mutter gesteinigt zu werden, das wollte ich ihr nicht antun.« Wegen »Abkehr vom Glauben« ist die iranische Geheimpolizei ihm auf den Fersen. Sie verhören und drohen ihm, wollen wissen, wer sich in Gefangenschaft noch vom »Glauben abgewendet« habe. 1992 gelingt Human Mirrafati schließlich die Flucht, über Paris und Warschau nach Deutschland.

»Ich bin sehr froh, dass ich nicht seelisch gefoltert wurde. Körperlich kann man sich wieder erholen, seelisch aber nicht.« In Deutschland beginnt er ein neues Leben. Er erhält Asyl und macht eine Therapie im Behandlungszentrum für Folteropfer in Berlin. Sein Therapeut rät ihm, die Erlebnisse aufzuschreiben. Human Mirrafati sagt heute: »Schreiben ist das Einzige, das hilft. Selbst wenn man es nicht veröffentlichen will.« Er selbst schreibt unter dem Namen Schiwan Bamdad, nicht weil er sich verstecken muss, sondern weil er einen Künstlernamen wollte.

Er ist mit seiner Geschichte an die Öffentlichkeit gegangen, weil es ihm hilft. Er hat sein Buch bei verschiedenen Veranstaltungen vorgestellt, darunter auch im Rahmen der Kampagne »Stop Folter« von Amnesty International. Am meisten interessieren ihn die Fragen der Zuhörer. So zum Beispiel die Frage, ­warum er in Gefangenschaft den Vornamen »Human« gewählt habe.

Dann erzählt er die Legende von der magischen Pflanze Hum, die nur in ganz besonderen Gegenden zu finden sei. Wer sie zerreibe und von ihr trinke, werde unsterblich – und nenne sich Human. »Zwar habe ich von dieser Pflanze nie getrunken«, sagt er und lächelt, »aber einiges überlebt habe ich schon.«

Der Autor ist Journalist und lebt in Berlin.

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