Stell Dir vor, es ist Krieg, und niemand schaut hin
Eine Kolumne von Carsten Stormer
Schon wieder eine Straßensperre. Schwarz vermummte Islamisten blockieren den Weg. Sie sagen kein Wort, richten ihre Waffen auf unser Fahrzeug, in dem ich mit fünf Aufständischen der Freien Syrischen Armee (FSA) sitze. Meine Begleiter entsichern ihre Kalaschnikows. Einer zieht den Stift aus einer Handgranate. "Sag kein Wort! Das sind Verrückte", flüstert mir ein Rebell zu, während ein Mann mit Skimaske den Kofferraum durchsucht. Ich trage Turban, Bart und eine Galabija. Die Verkleidung soll mich davor schützen, sofort als Ausländer erkannt zu werden. Mir klopft das Herz in den Ohren. Der gefährlichste Teil meiner Reise liegt vor mir: Der Rückweg aus Syrien in die Türkei. Die Straßen, die aus Aleppo führen, sind gespickt mit Checkpoints islamistischer Gotteskrieger. In den vergangenen Wochen wurden mehrere Kollegen hier entführt. Ich habe mehr Glück. Eine Stunde und zwei weitere Straßensperren später laufe ich über die türkische Grenze. Erleichtert.
Es war die Zeit, als die Kämpfer des "Islamischen Staates" (IS) das Vakuum füllten, das der Krieg hinterlassen hatte. Viele Male hatte ich das Land bis dahin besucht und konnte eine allmähliche Radikalisierung unter den Rebellen beobachten. Dutzende lokale Aktivisten, Zivilisten, die anderen Religionen angehörten, wurden hingerichtet. Kaum eine Woche verging, ohne dass ein ausländischer Journalist entführt wurde. Syrien wurde zum gefährlichsten Konflikt für internationale Berichterstatter.
Die Wahrscheinlichkeit, in Nordsyrien entführt zu werden, ist heute höher, als von einem Scharfschützen erschossen oder von einer Fassbombe getötet zu werden. Es war eine schleichende Entwicklung. Je mehr Einfluss die Islamisten gewannen, desto öfter verschwanden Journalisten. Politik und Öffentlichkeit reagierten mit Achselzucken. Bis sich kaum noch Journalisten nach Syrien wagten und der Krieg allmählich aus dem Bewusstsein der Öffentlichkeit verschwand.
Nach Angaben von "Reporter ohne Grenzen" sind in Syrien seit Beginn des Aufstands gegen Präsident Baschar al-Assad mindestens 120 Medienschaffende getötet worden. Noch immer befinden sich etwa 20 bis 30 ausländische Journalisten und Mitarbeiter von Hilfsorganisationen in den Händen des IS. Im August dieses Jahres wurde mein Freund, der US-Videojournalist James Foley, vor laufender Kamera enthauptet. Das Video seiner Ermordung landete im Netz. Zwei Wochen später wurde der US-Journalist Steven Sotloff geköpft. Beides freie Journalisten, die daran geglaubt hatten, dass es wichtig ist, aus Syrien zu berichten. Sie kannten die Risiken. Aber sie waren keine Cowboys. Schlicht zur falschen Zeit am falschen Ort.
Seitdem ist in den Medien eine Debatte darüber entbrannt, wie man freie Journalisten besser schützen kann. Oder darüber, ob man für eine Story sein Leben riskieren dürfe. Beide Debatten gehen am Thema vorbei. Es darf nicht darum gehen, ob aus Syrien berichtet wird. Es ist ohnehin schon eine Bankrotterklärung der Medien, dass die Berichterstattung von ein paar Dutzend schlecht bezahlten Freelancern und wenigen festangestellten Reportern gestemmt wird. Weil Medien die Risiken scheuen, die Versicherungssumme sparen wollen, die Verantwortung abwälzen können, indem sie keine Aufträge vergeben, Spesen nicht übernehmen – aber hinterher kostengünstig Geschichten abkaufen. Es ist eine scheinheilige, unverantwortliche Haltung.
Syrien ist der bestimmende Konflikt dieses Jahrzehnts – und er findet im Windschatten der Medienöffentlichkeit statt. Ohne Bilder gibt es keine Belege. Worte reichen oft nicht aus, um die Realität zu vermitteln. Ohne Bilder keine Zeugnisse, auch für die Aufarbeitung eines Krieges nach dessen Ende. Ja, ohne Bilder findet ein Krieg oft nicht einmal im Bewusstsein der Öffentlichkeit statt. Foley und Sotloff wollten das nicht hinnehmen – und haben für ihre Haltung mit dem Leben bezahlt.
Carsten Stormer ist Auslandskorrespondent und lebt in Manila.