Amnesty Journal Türkei 28. Januar 2015

Treffer versenkt

Und jetzt alle! Stadion Galatasaray, Istanbul

Und jetzt alle! Stadion Galatasaray, Istanbul

Der Dokumentarfilm »Istanbul United« untersucht die Rolle von Fußballfans bei den sozialkritischen Gezi-Park-Protesten in Istanbul im Sommer 2013. Einige von ihnen stehen wegen ihres Engagements nun vor Gericht. Es drohen ihnen drakonische Strafen.

Von Deniz Yücel

Wenn das möglich ist, können wir hier alles erreichen«, sagt eine Aktivistin in dem Film »Istanbul United«. Ein Satz, der deutlich macht, warum im Frühjahr und Sommer 2013 ein Hauch von Revolution durch Istanbul wehte: Im Zuge der Gezi-Park-Proteste standen die verfeindeten Fans der drei großen Istanbuler Fußballclubs Galatasaray, Fenerbahçe und Beşiktaş Seite an Seite – was zuvor undenkbar erschien. Der Film von Olli Waldhauer und ­Farid Eslam dokumentiert diesen besonderen Moment: Es geht um das Lebensgefühl in der Kurve, und darum, wie sich die Ultras beim Gezi-Aufstand plötzlich unter dem Motto »Istanbul United« vereinigten.

Porträtiert werden drei Fans, außerdem kommen die zitierte Aktivistin und ein Sportjournalist zu Wort. Fast eine Dreiviertelstunde vergeht, bis der Film die Gezi-Proteste in den Blick nimmt: Straßenschlachten, Tränengas, Barrikaden, Verletzte. Das Bildmaterial stammt größtenteils von Handyvideos, die auf Youtube die Runde machten. Es sind bewegende und schockierende Bilder, die deutlich machen, dass die Ultras bei den Auseinandersetzungen mit der Polizei in vorderster Reihe standen. »Die Fans wurden wie die einreitende Kavallerie empfangen«, erzählt der Journalist.

Tatsächlich wurden die Ultras, insbesondere die des Beşiktaş-Fanclubs Çarşı zu Volkshelden – jedenfalls für die Hälfte der türkischen Gesellschaft, die es nicht mit Recep Tayyip Erdoğan hält. Im Internet kursieren teils wahre, teils erfundene Heldengeschichten. Und unter den Menschen, die bei der Räumung des Gezi-Parks im Divan-Hotel eingeschlossen waren – darunter die deutsche Grünen-Politikerin Claudia Roth – brach Jubel aus, als sich die Nachricht verbreitete, die Ultras seien auf dem Weg, um sie herauszuholen. »Dass Çarşı zu einer solchen Projektionsfläche wurde, hat etwas mit der Sehnsucht nach einem Superman zu tun, der es den Prügelpolizisten heimzahlt«, sagt Çarşı-Sprecher Önder Abay. »Aber darin zeigt sich auch das Bedürfnis nach einer anderen politischen Opposition.«

Dies erkannte bald auch die Regierung. Als Erdoğan am Tag nach der Räumung des Gezi-Parks eine Kundgebung vor Hunderttausenden Anhängern abhielt, wehten vor dem Rednerpult amateurhaft gefälschte Fahnen mit der Aufschrift Çarşı – man wollte damit suggerieren, wenigstens ein Teil der Fans unterstütze den damaligen Regierungschef. Mehr als ein Jahr später, im September 2014, wurde gegen 35 Çarşı-Mitglieder ein Strafprozess eröffnet. Mitte Dezember sollen die Verhandlungen ­beginnen. »Putschversuch« lautet der Vorwurf, die Staatsanwaltschaft fordert lebenslängliche Haft aufgrund der besonderen Schwere der Schuld. Unter den Angeklagten ist auch Ayhan ­Güner, der in »Istanbul United« porträtiert wird.

Dem Film mangelt es allerdings an Tiefe. Er richtet den Blick auf die Militanz und die Gewaltverherrlichung, die in der Ultraszene teilweise herrscht, und wird damit seinem Anspruch nicht gerecht, den Beitrag der Fans zu den Gezi-Protesten darzustellen. Denn der bestand nicht nur in Militanz – Straßenkampf­erfahrung hatten auch kurdische oder linke Aktivisten und Aktivistinnen. Mindestens genauso wichtig war der Humor, den die Fans vom Stadion auf die Straße trugen. Zu den Sprechchören, auf die sich in jenen Tagen Kemalisten und Kurden, Linke und Liberale, Homosexuelle, fromme Muslime und alle anderen verständigen konnten, gehörten das Spottlied auf die Polizei »Los, schieß dein Gas« und der Çarşı-Gesang »Tränengas, olé!«.

»Wenn Menschen, die gerade mit Reizgas beschossen wurden, noch mit roten Augen ›Tränengas olé!‹ rufen, also darüber lachen, verhindert dies Traumatisierungen«, erläuterte ein Istan­buler Psychologe die Wirkung solcher Lieder. Auch der Ort, an dem diese Sätze fielen, hatte mit den Fans zu tun: Wenige Tage nach der Räumung des Gezi-Parks fand im Abbasağa-Park im Viertel Beşiktaş ein »Parkforum« statt. In der allgemeinen Niedergeschlagenheit, die nach der Räumung herrschte, hatten Çarşı-Leute die Initiative ergriffen und in »ihrem« Park ein ­»Forum« organisiert. Schon am nächsten Abend versammelten sich dort mehrere Tausend Menschen – wie auch in anderen Parks in Istanbul und anderswo. Die »Parkforen« wurden einen Sommer lang zur Anlaufstelle. Dort wurden die Diskussionen fortgesetzt, die im Gezi-Park begonnen hatten. Die Foren stifteten das Gefühl, dass es auch nach dem Verlust des Gezi-Parks weitergehen würde, ehe sie sich im Herbst allmählich auflösten. »Im Gezi-Park haben wir gekämpft und gefeiert. Miteinander zu reden, haben wir erst in den Parkforen gelernt«, sagt der Lehrer Necmi Sağlar, der monatelang das »Parkforum« in Beşiktaş moderiert hat. »Dort sind Netzwerke entstanden, deren Legitimität auf Gezi zurückgeht. So, wie sich die Parkforen aus Gezi entwickelt haben, wird sich vielleicht daraus etwas Neues ent­wickeln. Jetzt sind wir wieder in einer Phase, in der alles über ­einige Aktivisten läuft.«

In »Istanbul United« jedoch erfährt man von alledem nichts. Dafür führt der Film in die Fankurve. Es geht derb zu, Schiedsrichter werden als »Hurensöhne« beschimpft, gegnerische Spieler als »schwul«, ständig ruft jemand, er wolle irgendwen »ficken«. Diese Szenen wiederholen sich mit einer Penetranz, dass Anfang September nach einer Filmvorführung in Berlin mit ­anschließender Diskussion mehrere Kinobesucher darauf zu sprechen kamen. Regisseur Waldhauer verurteilte die Parolen, meinte aber, dass es in der Kurve nun mal derb zur Sache gehe.

Dabei waren die sexistischen und homophoben Sprüche, die auf die Polizei und den damaligen Ministerpräsidenten Erdoğan umgedichtet wurden, ein weiterer Beitrag der Fans. Allerdings ein unfreiwilliger. In den fast zwei Wochen, in denen sich die ­Polizei aus dem Gezi-Park zurückgezogen hatte, forderten transsexuelle Prostituierte, die im Gezi-Park gleich neben den Beşiktaş-Fans zelteten, diese auf, Wörter wie »schwul« und »Hure« nicht als Schimpfwort zu benutzten. Frauen übermalten sexistische Parolen und veranstalteten Workshops zum Thema Sprache und Gewalt. Andere, vornehmlich junge Aktivistinnen, hielten dem entgegen, dass sie keine braven Mädchen sein wollten. In ihrer Wut bedachten sie selbst Polizisten mit Flüchen wie »Ich ­ficke dein Schicksal«. Ihre Strategie gegen Sexismus war nicht die Säuberung von Sprache, sondern deren Aneignung.

Diese Diskussionen haben Spuren hinterlassen. Wer die ­damaligen Demonstranten heute fragt, was sie in Gezi gelernt haben, bekommt häufig zu hören: »Ich hatte zum ersten Mal in meinem Leben mit Schwulen zu tun.« Noch mit dem Abstand von anderthalb Jahren bekunden Schwule, Lesben und Trans­sexuelle, dass sich für sie durch Gezi alles verändert habe. Von solchen Prozessen erfährt man in »Istanbul United« nichts. Gezi war eben nicht nur ein militanter Aufstand, erst durch diese Prozesse wurde daraus ein kulturrevolutionärer Aufbruch, dessen Folgen man erst aus historischem Abstand wird beurteilen können. Über Gezi wird man in der Türkei noch in vielen Jahren reden. »Istanbul United« hält davon einige Bilder fest – nicht weniger, aber auch nicht mehr.

Deniz Yücel ist taz-Redakteur und Autor des Buches »Taksim ist überall – Die Gezi-Bewegung und die Türkei«, Edition Nautilus.

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