Amnesty Journal Saudi-Arabien 17. September 2014

"Was zählt ist, dass er wiederkommt"

Seit zwei Jahren befindet sich Raif Badawi im Gefängnis. Sein Vergehen: Er soll ein Online-Forum zum öffentlichen Meinungsaustausch gegründet und den Islam beleidigt haben. Deshalb verbüßt er nun eine zehnjährige Haftstrafe, zu der er neben 1.000 Peitschenhieben und einer hohen Geldstrafe verurteilt wurde. Badawi ist verheiratet und hat drei Kinder. Seine Ehefrau Ensaf Haidar setzt sich beharrlich für seine Freilassung ein. Sie hat an Amnesty geschrieben, wie sie die Zeit seit seiner Festnahme erlebte. Im Folgenden dokumentieren wir ihren Brief.

»Ich halte noch immer an der Illusion fest … zwei Jahre sind vergangen und ich verspüre immer noch eine ungeheure Leere und stelle mir eine Reihe quälender Fragen.

Wann wird er zurück sein und in welchem Zustand? Was ­ziehe ich an und wie werde ich reagieren? Soll ich ihn umarmen, ihn küssen oder soll ich weinen?

Wenn ich aufwache, erleide ich als Erstes die Qual, die Fragen unserer Kinder beantworten zu müssen. Sie fragen zum Beispiel: »Mama, gehen wir morgen ohne Papa, wenn wir aus Beirut nach Kanada fliegen? Werde ich Angst vor dem Fliegen haben? Papa hat mir immer geholfen, meine Angst zu überwinden.«

Letztendlich gab ich der zunehmenden Beharrlichkeit meiner drei Engel nach, die nicht aufhörten, mich mit Fragen über den Grund für die lange und seltsame Abwesenheit ihres Vaters zu löchern. Ohne es zu wollen, sagte ich ihnen, dass er wegen eines Problems mit der saudischen Regierung nicht ins Ausland reisen dürfe. Das führte bloß zu noch mehr Fragen und ich wünschte mir schließlich, ich hätte gar nicht erst geantwortet.

Vor kurzem wurde ich frühmorgens von einem Anruf geweckt. Es war einer von Raifs Freunden, der am 7. Mai 2014 Raifs Gerichtsverfahren in Riad beigewohnt hatte. Ohne weitere Umschweife sagte er – mit heiserer, trauriger Stimme – dass sie Raifs ursprüngliches Strafmaß von sieben Jahren und 600 Peitschenhieben erhöht hatten. Ich legte auf. Angst und Anspannung überwältigten mich und ich brach in Tränen aus. Ich nahm mich zusammen und erinnerte mich, dass Raif mir versprochen hatte, zurückzukehren – ich weiß nicht wann, aber er hat mir versprochen, er würde zurückkehren!

Bei jeder Gelegenheit wiederhole ich die gleiche Botschaft an die saudische Regierung. Sie wissen ganz genau, dass Raif kein Straftäter ist, sondern ein gewaltloser politischer Gefangener. Die Behörden müssen die internationalen Abkommen einhalten, die die freie Meinungsäußerung garantieren. Ich frage mich, ob sie meinen Worten jemals Beachtung schenken werden.

Bis unser geliebter Ehemann und Vater zurückkehrt, möchte ich, dass meine Kinder versuchen, so normal wie möglich zu leben. Daher flohen wir aus Saudi-Arabien und erreichten vor kurzem Kanada, nach einer Reise über Kairo und Beirut.

Ich bin voller Dankbarkeit gegenüber all denjenigen, die Raif und mich unterstützen. Insbesondere Amnesty International – eine der bedeutendsten Menschenrechtsbewegungen weltweit, die in all ihren Sektionen so große Anstrengungen unternommen hat. Ich danke den Aktivisten und Unterstützern von Amnesty und ich danke Raif, der mir beibrachte, durchzuhalten, beharrlich zu sein und den Kampf für seine Rückkehr fortzusetzen. Er wird wahrscheinlich nicht bald zurückkehren können, doch ich werde ihn eines Tages wiederhaben, denn das hat er mir versprochen und deshalb besteht daran kein Zweifel. Was zählt ist, dass er wiederkommt und das Leben mit Freude, Liebe und Tatendrang erfüllt. Dann wird die Illusion zur Realität.«

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