Amnesty Journal Bangladesch 24. Juli 2014

"Alles ist hier exzellent"

88 Prozent der Anschläge bleiben ungesühnt. Opfer eines Säureattentats.

88 Prozent der Anschläge bleiben ungesühnt. Opfer eines Säureattentats.

Monira Rahman gründete in Bangladesch eine Stiftung für Überlebende von Säureattentaten. Sie konnte damit viel zum gesellschaftlichen Bewusstseinswandel beitragen. Nun widmet sie sich neuen Aufgaben.

Von Bernhard Hertlein

Es klingt, als würde Shelina Ahmed eine Laudatio auf Monira Rahman halten: »Alles hier ist exzellent. Die medizinische Versorgung der Säureopfer, die Einbeziehung der Psychotherapie, die Schaffung eines gesellschaftlichen Bewusstseins in Bangladesch, dass Säureattentate schlimme Verbrechen sind. Dies muss zur Solidarität mit den Opfern und zur Bestrafung der ­Täter führen.« Die 48-jährige Shelina Ahmed ist die Nachfolgerin von Monira Rahman, die 1999 eine Stiftung für Überlebende von Säureattentaten in Bangladesch gegründet hat. Rahman, die 2006 mit dem Menschenrechtspreis der deutschen Amnesty- Sektion ausgezeichnet wurde, steht der »Acid Survivors Foundation« (ASF) künftig als Beraterin zur Verfügung. Sie will sich neuen Aufgaben widmen und dazu beitragen, dass psychisch Kranke in Bangladesch eine Chance auf medizinische Behandlung erhalten. Bislang werden sie zumeist sich selbst überlassen.

Rahman hatte Ende der neunziger Jahre damit begonnen, sich für die Überlebenden von Säureattentaten einzusetzen. In einem Krankenhaus in der Hauptstadt Dhaka war sie bei einer Patientinnenbefragung auf eine Frau gestoßen, die von einem jungen Mann mit Säure überschüttet worden war, weil sie sich geweigert hatte, mit ihm eine Beziehung einzugehen. Nun lag sie in einem abgeschiedenen Winkel des Krankenhauses, nur unzureichend versorgt, von unvorstellbaren Schmerzen gepeinigt, auf nichts als den Tod wartend. Monira fand schnell heraus, dass das Schicksal der Frau kein Einzelfall war.

Unterstützt von Unicef und dem britischen Arzt John Morrison gründete Monira Rahman die ASF. Als erstes versuchte sie herauszufinden, wie oft Frauen Opfer von Säureattentaten wurden. Damit stieß sie auf tiefe Ablehnung: »Du ziehst unser Land in den Schmutz«, wurde ihr vorgehalten, »das sind doch nur Einzelfälle«. Allein von Mai bis Dezember 1999 zählte sie 138 Opfer. Im Jahr 2000 waren es 234 und 2002 sogar 490. Seither sank die Zahl der Opfer – die Arbeit der ASF trug Früchte. »Es sind allerdings immer noch viel zu viele«, sagt Rahman. 2013 wurden zum zweiten Mal seit der ASF-Gründung weniger als hundert Opfer gezählt. Dagegen steigt in Ländern wie Indien, Pa­kistan, Kambodscha, Malaysia oder Uganda die Zahl der Säure­attentate.
Ziel der neugegründeten ASF war eine verbesserte medizinische, soziale und psychotherapeutische Unterstützung für die Überlebenden der Säureanschläge. Rahman gelang es, sie aus der Isolation und Opferrolle herauszuholen. Viele von ihnen treten inzwischen selbst als Menschenrechtsverteidigerinnen in der Öffentlichkeit auf, fordern Solidarität und Gerechtigkeit. Doch obwohl es inzwischen gesetzliche Regelungen gibt, die den Besitz von Säure beschränken, und obwohl Säureattentätern sogar die Todesstrafe droht, bleiben 88 Prozent der Anschläge ungesühnt. Rahmans Nachfolgerin Shelina Ahmed will die juristische Aufarbeitung zu einem Schwerpunkt ihrer Arbeit machen.

So wartet die 32-jährige Majeda Begum seit zwölf Jahren auf eine Verurteilung des Täters. Als sie 20 war, schüttete Begums Ehemann ihr Säure auf Bauch und Arm. Doch solange der Fall nicht vom High Court entschieden wurde, bleibt der Täter aller Voraussicht nach gegen Kaution auf freiem Fuß.

Begum liegt auf der medizinischen Station der ASF. Neben ihr ruht eine 45-jährige Frau aus dem Distrikt Potuakhali, die bereits mehrfach zur Nachbehandlung nach Dhaka gekommen ist. Auch sie wurde von ihrem Ehemann angegriffen. Nachdem er mehrmals eine Nachzahlung zum Brautpreis gefordert hatte, erstattete sie bei der Polizei Anzeige. Die Tradition des Brautpreises ist in Bangladesch zwar gesetzlich verboten, aber dennoch weit verbreitet. Der Brautpreis wird von den Brauteltern bei der Eheschließung gezahlt. Er soll als Sicherheit für die Frau dienen, falls es zu einer Scheidung kommt. In der Praxis aber nehmen die Männer das Geld einfach für sich. Als Reaktion auf die Anzeige überschüttete ihr Mann sie mit Säure. Dabei traf er auch eine der beiden Töchter, die der Mutter zu Hilfe eilen wollte.

Masuda Akhter Moni aus Rangpur wurde von ihrer Mutter nach Dhaka begleitet. Ihr Fall steht für viele: Ein zehn Jahre älterer Nachbar wollte die 16-Jährige heiraten. Sie lehnte jedoch ab und sagte, sie wolle zunächst ihre Ausbildung beenden. Der Nachbar wartete vor der Toilette, die sich außerhalb des Hauses befand, und überschüttete sie mit Säure. Zwar konnte die Jugendliche rasch behandelt werden – auch dies ein Erfolg von ASF, die sich für landesweite Erste-Hilfe-Einrichtungen eingesetzt hat – Mashudas Auge konnte jedoch nicht gerettet werden.

Die 38-jährige Rowshan Ara wurde Opfer eines Säureanschlags, weil die Familie ihr Land nicht hergeben wollte. Der Täter überfiel sie, als sie gerade Essensreste wegräumte. Rowshan Aras Schwiegermutter sah den Täter. Er wurde jedoch nicht festgenommen und konnte untertauchen. »Die Polizei hat kein Interesse an meinem Fall«, klagt Rowshan. Der Täter ist, gemessen an den dörflichen Verhältnissen in Bangladesch, vermögend. Vielleicht hat er die Polizisten bestochen.

Landkonflikte sind – nach verschmähten »Lieben« und Brautpreis-Streitfällen – die dritthäufigste Ursache von Säure­anschlägen in Bangladesch. Unter den Opfern sind auch Männer. Häufig greifen die Täter aber auch die Ehefrauen ihrer Gegner an – nach dem Motto: Verweigerst du mir mein Eigentum, zerstöre ich deine Frau als deinen wertvollen Besitz. 68 der 98 Säureopfer waren auch 2013 weiblich.

Von den Säureopfern, die derzeit bei ASF in Behandlung sind, hat die 17-jährige Sheema die schlimmsten Verletzungen erlitten. Die Textildruckerin hat eine helle, freundliche und noch immer feste Stimme. Weil der Täter sie monatelang belästigte, wechselte Sheema sogar den Arbeitgeber. Er lauerte ihr aber auch vor der neuen Fabrik auf und verfolgte sie bis nach Hause. Kurz bevor sie ankam, holte er die Säure hervor und schüttete sie ihr mitten ins Gesicht. Sheema sagt, sie wisse, dass sie ihr Leben nun von vorn planen müsse. »ASF wird mir helfen«, erklärt sie. Sie liest viel, vor allem über verfolgte Frauen. Vor kurzem erhielt sie einen ­Anruf von der Mutter des Täters. Ihr Sohn sei von anderen an­gestiftet worden, klagte sie, und Sheema solle sein Leben nicht zerstören. »Wie es mir geht, wollte sie nicht wissen.«

Der Autor ist Sprecher der Bangladesch-Ländergruppe der deutschen Amnesty-Sektion.

Mehr dazu