Amnesty Journal Ägypten 21. Mai 2014

Der demokratische Platz

Jehane Noujaims Dokumentation "Al midan" hat bei der diesjährigen Berlinale den Amnesty-Filmpreis ­gewonnen. Die engagierte Erzählhaltung und die ­mutige Kameraführung des Films vermitteln einen unmittelbaren Eindruck von der Protestbewegung in Ägypten.

Von Jürgen Kiontke

Fast hätte es den Film "Al midan" (The Square, USA/EGY 2013) gar nicht gegeben: Es ist Nacht und die Kamera läuft, als ein Panzerwagen über den Kairoer Tahrir-Platz schießt, mitten in die Menge hinein, in der auch Regisseurin Jehane Noujaim steht. Mehrere Menschen werden bei diesem Angriff getötet.

Es sind nicht die einzigen Toten, die es auf dem Tahrir-Platz in Kairo in den vergangenen drei Jahren gegeben hat. Die "Arabellion", wie die Proteste genannt werden, die in Ägypten 2011 begannen und die zum Sturz von Präsident Hosni Mubarak führten, hat laut Amnesty International mehr als 2.000 Opfer gefordert. Die Demonstranten, die auf dem Tahrir-Platz gegen Korruption und Vetternwirtschaft protestierten, wurden mehrfach überfallen und sogar von Scharfschützen angegriffen.

Dass eine dieser grausamen Attacken nun filmisch dokumentiert ist, ist der Hartnäckigkeit des Teams um "Al midan"-Regisseurin Jehane Noujaim zu verdanken. Die ägyptisch-amerikanische Regisseurin und ihre Mitstreiter harrten fast drei Jahre auf dem Platz aus, um die Ereignisse zu verfolgen.

"Al midan" war einer der Beiträge im Forum der Berliner Filmfestspiele, die vom 6. bis 16. Februar 2014 stattfanden. Der Dokumentarfilm ist Chronik, Reportage und Kommentar glei­chermaßen – er zeigt Bilder der eindrucksvollsten und der schlimmsten Ereignisse rund um die Platzbesetzung für Demokratie und Menschenrechte. Verschwiegen wird nichts – auch nicht die Widersprüche und Wirrungen der Protagonisten, die zunächst mit der Armee, dann mit den Muslimbrüdern sympathisieren und später beide gleichermaßen bekämpfen. Mit beiden werden die Ägypter nicht wirklich glücklich werden, sie werden weiter protestieren: laut und bunt.

Der Film ist nah an seinen Protagonisten: Ahmed ist ein junger Mann, der schon als Kind Geld verdienen musste, dann gibt es den Schauspieler Khalid und schließlich Magdy, der als Muslimbruder unter Mubarak inhaftiert und gefoltert worden war und der nun fordert, Präsident Mursi eine Chance zu geben. Auf dem Tahrir-Platz werden Magdy, Khalid und Ahmed Freunde, über gesellschaftliche Grenzen hinweg. Dies ändert sich jedoch, als die Muslimbrüder der Korruption verdächtigt werden und ihre Unfähigkeit zur Demokratie augenfällig wird.

Der Film zeigt aber auch Soldatenführer, die die Demons­tranten für reine Selbstdarsteller halten, Radikale, die den Protest vereinnahmen wollen, und Politiker, die die verschiedenen Religionsgruppen gegeneinander ausspielen wollen.

Auf Seiten der Demonstranten ist die Solidarität und Kreativität groß: "Wir stellen uns den Kugeln entgegen, weil wir das Leben lieben, und wir gehen ins Gefängnis für die Freiheit", schreibt einer aus der Haft.

Der Kairoer Tahrir-Platz symbolisiert die Offenheit, er soll für alle Beteiligten ein demokratisches Ausbildungscamp werden. Menschen stehen gegen Autoritäten auf und wenn sich neue Machtverhältnisse bilden, protestieren sie weiter: Ein Zelt und eine Decke werden alle unsere Probleme lösen, sagen sie. Am Ende wird es heißen: "Die Armee ist gefallen. Mursi ist gefallen. Wer ist der nächste?"

Fortsetzung folgt. Wer den Film sieht, soll vor allem die Atmosphäre auf dem Platz spüren. Durch die Kameraführung, die sehr nahe herangeht, meint das Publikum, selbst bei den Ereignissen zugegen zu sein. Wer filmisch so erzählt, inmitten des Kampfes um Demokratie und Teilhabe, der gewinnt auch den Amnesty-Filmpreis. Schon zum zehnten Mal wurde der mit 5.000 Euro dotierte Preis vergeben. In der Begründung der Jury hieß es, "Al midan" sei eines "der mutigsten Werke, das wir in den letzten Jahren gesehen haben. Neben der politischen Brisanz und der Menschlichkeit der Geschichten hat uns ganz besonders die Bildsprache überzeugt". Zur Jury gehörten in diesem Jahr die Schauspielerin Melika Foroutan, Deutschlands wichtigste Filmproduzentin Regina Ziegler und Amnesty-Kommunikationsreferentin Ines Wildhage. Nach Ansicht der Jurorinnen zeigt der Film, dass der Mut und die Entschlossenheit der Ägypter nicht vergeblich waren: Sie hätten gelernt, gegen jedes System aufzustehen, das sie unterdrückt, und sie hätten gelernt, ihre Würde unter unwürdigen Bedingungen einzufordern.

"Wer diesen Prozess drei Jahre lang begleitet, hat mit seinem Film eindeutig einen Vorteil bei der Jury", sagt Regina Ziegler dem Amnesty Journal. "Al midan" sei in dieser Hinsicht der nachhaltigste Film gewesen. "Mich kann man kriegen", bekennt die Produzentin. "Und 'Al midan' hat mich gekriegt."

"Wir haben nach einem Dokumentar- oder Spielfilm Ausschau gehalten, der spannend ist, das Publikum berührt, die Menschen aufrüttelt und ihre Solidarität hervorruft", sagt Ines Wildhage. "Ästhetisch und dramaturgisch beeindruckend, kinofähig und authentisch – insofern ist 'Al midan' eine sehr gute Wahl."

Den richtigen Amnesty-Film zu finden, macht aber auch schlichtweg Spaß: "Ich durfte dreimal am Tag ins Kino, dreimal am Tag brisante Themen, die ans Herz gegangen sind, die mich gerührt oder zum Lachen gebracht haben", sagt Melika Foroutan. "Und vor allem: Die Jury-Arbeit war sinnvoll."

Sinn ist der wichtigste Rohstoff, der den Amnesty-Preis ausmacht. Insgesamt 16 Filme aus vier Festival-Sektionen standen diesmal auf der Nominierungsliste. Ein beeindruckendes Werk unter diesen war "Difret" (ETH 2013). Der Spielfilm thematisiert die weitverbreitete Praxis der Frauenentführung am Beispiel Äthiopien. Die 14-jährige Hirut (Tizita Hagere) erschießt ihren Peiniger, weil er sie mit Gewalt zur Ehe zwingen will – auf dem Land keine unübliche Methode. Anwältin Meaza Ashenafi (Meron Getnet), die in der äthiopischen Hauptstadt Addis Abeba ein Netzwerk gegründet hat, das mittellosen Frauen und Kindern kostenlosen Rechtsbeistand gewährt, übernimmt die Verteidigung des Mädchens. Ein Machtspiel zwischen Tradition und Moderne beginnt. Der Film diskutiert fast bis zum Schluss dramaturgisch gelungen die konträren Positionen der Beteiligten: Hat Hirut einen Mord begangen, wie die Dorfgesellschaft meint, oder war es Selbstverteidigung? Wie reagiert das Umfeld auf den unerwarteten Widerstand der jungen Frau?

Regisseur Zeresenay Berhane Mehari zeichnet anhand dieses Falls, der auf wahren Gegebenheiten beruht, ein differenziertes Gesellschaftsbild und schildert einen grundsätzlichen Konflikt, der auch in anderen Ländern virulent ist: Wie löst die neue die alte Ordnung ab?

"Difret" ist erst der vierte Langspielfilm, der je in Äthiopien gedreht wurde. Er genoss prominente Unterstützung: Angelina Jolie fungierte als ausführende Produzentin.

Ein anderes Highlight lieferte das wie immer hochklassige Jugendfilmfest "Generation" mit dem Spielfilm "Were Dengê Min" (Folge meiner Stimme) von Hüseyin Karabey aus der Türkei. Er spielt in einem abgelegenen kurdischen Bergdorf. Der Vater der kleinen Jiyan (Melek Ülger) wurde eingesperrt. Frei kommt er nur, wenn er seine Waffen abliefert. Allerdings hat er überhaupt keine. Die Polizeikräfte machen von Anfang an klar, dass sie den Fall nicht gar so genau nehmen und schlagen einen dubiosen Handel vor: Wir besorgen die Gewehre, die Familie kauft sie uns ab. Gemeinsam mit der Großmutter bemüht sich das Mädchen auf recht komische Art und Weise um eine Familienzusammenführung und kämpft dabei gegen Armut und für Würde. Ein Menschenrechts-Roadmovie zu Fuß. Auch Karabey gelingt in den besten Momenten seines Films, was in "Al midan" die Regel ist: Man fühlt sich, als sei man mittendrin und nicht im Kinosaal.

Alle nominierten Filme gibt es auf: www.amnesty.de/presse/2014/2/4/16-berlinale-filme-fuer-den-amnesty-filmpreis-2014-nominiert

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