"Politische Kunst ist gefährlich"
Mit einer Videobotschaft danken die zwei Mitglieder von Pussy Riot den UnterstützerInnen in Deutschland für ihre Hilfe. Die Stimmen wurden zum Schutz der Aktivistinnen auf ihren Wunsch hin unkenntlich gemacht.
Zwei Mitglieder von Pussy Riot reisten kürzlich inkognito durch Europa und die USA, um an das Schicksal ihrer inhaftierten Mitstreiterinnen zu erinnern. Im Interview sprechen die Frauen über ihr Selbstverständnis als Künstlerinnen, die Risiken ihrer Arbeit und die Berichterstattung der Medien.
Interview: Ramin M. Nowzad
Pussy Riot – was ist das noch mal genau?
Viele denken, wir seien eine Punk-Band, doch das ist ein grandioses Missverständnis. Wir sind Medienkünstler! Natürlich ist uns die Musik wichtig, aber sie ist eben nur ein Baustein unserer Kunst. Wir geben ja auch keine Konzerte im herkömmlichen Sinne, sondern machen Performances, die gefilmt und dann im Internet verbreitet werden. Unsere Auftritte sind immer überraschend, immer illegal – und immer politisch. Wir wollen tatsächlich etwas bewegen.
Pussy Riot will die Welt verändern?
Ja, auch wenn es naiv klingen mag.
Wie viele Frauen zählen zur Gruppe?
Das ändert sich ständig, weil wir keine geschlossene Clique sein wollen. Derzeit sind wir zu acht.
Was sollen eigentlich diese komischen Mützen?
Zunächst geht es natürlich darum, unsere Identität zu verbergen. Als wir Pussy Riot gründeten, war uns bereits klar: Wer in Russland politische Kunst macht, lässt sich auf ein sehr gefährliches Spiel ein. Aber unsere Sturmhauben haben auch eine zutiefst politische Botschaft.
Und zwar?
In Russland sind die Masken das Symbol der OMON, einer Spezialeinheit der russischen Polizei. Die Einheit ist berüchtigt, weil sie besonders brutal gegen Demonstrierende vorgeht. Die Polizisten tragen die Sturmhauben in Schwarz. Wir tragen sie in grellen, fröhlichen Farben. So eignen wir uns ein Herrschaftssymbol an – und zerstören es damit zugleich.
Pussy Riot rebelliert also gegen den Staat?
In erster Linie verstehen wir uns als Feministinnen. Wir wollen die klassischen Rollenbilder aufsprengen. Mit dem traditionellen Feminismus haben wir allerdings nicht mehr viel am Hut.
Sieben Mitglieder von Pussy Riot
© Игорь Мухин
Wieso nicht?
Im Unterschied zum alten Feminismus beteiligten wir uns nicht mehr an dem Kampf "Frauen gegen Männer". Wir stellen vielmehr die Grenze zwischen den Geschlechtern als solche in Frage. Wir kleiden uns beispielsweise sehr mädchenhaft, handeln aber extrem männlich. Auch in unserem Namen spiegelt sich dieser Kontrast: "Pussy" assoziiert Weiblichkeit, "Riot" das Gegenteil. Unsere Botschaft lautet: Das Geschlecht ist nichts biologisch Vorgegebenes – man kann damit experimentieren!
Männer dürfen bei Pussy Riot trotzdem nicht mitmachen. Ist das nicht ein Widerspruch?
Stimmt, wir sind eine reine Frauengruppe. Und das soll auch so bleiben. Das heißt nicht, dass wir etwas gegen Männer haben. Das Problem ist nur: Sobald bei Pussy Riot ein Mann auftauchte, würden die Medien in ihm den Anführer der Gruppe sehen. So funktionieren einfach die eingespielten Rollenklischees.
Gibt es denn überhaupt einen Anführer der Gruppe? Seit dem Prozess gegen Pussy Riot gelten die drei Verurteilten als eure Wortführer.
Ja, aber das ist Blödsinn. Nadja, Katja und Masha sind nicht unsere Wortführer, auch wenn es in den Medien immer wieder so dargestellt wird. In der Gruppe existieren schlichtweg keine Hierarchien.
Zumindest sind die drei inzwischen bekannt wie Popstars. Hat das auch Neid geweckt?
Nein, keine von uns strebt nach Ruhm. Wir lehnen überhaupt jede Form von Personenkult ab. Es wäre aus unserer Sicht sogar wünschenswert, wenn mehr Kunst anonym produziert würde. Stell dir vor, man wüsste bei einem Roman nicht, ob ihn ein Mann oder eine Frau geschrieben hat, ob der Autor alt oder jung ist. Man würde den Text viel unvoreingenommener lesen.
Die hübsche Nadeschda "Nadja" Tolokonnikova ist in den Medien ja fast zum feministischen Pin-up-Girl avanciert. Ist das nicht besonders ironisch?
Ja, klar. Aber so funktioniert die Massenkultur. Man sucht immer einen Anführer – und dabei spielen natürlich Alter und Aussehen eine Rolle. Das ist übrigens ein weiterer Grund, warum wir stets maskiert auftreten: Wir kämpfen gegen die Vermarktung des weiblichen Gesichts. Der Körper der Frau ist keine Werbefläche.
Ihr versteht euch als subversive Künstler. Aber seid ihr inzwischen nicht selbst Ikonen der Massenkultur?
Es stimmt schon, Menschen auf der ganzen Welt imitieren und zitieren unsere Ikonografie: die neonfarbenen Strumpfhosen, die gehäkelten Sturmhauben. Den Sinn dahinter begreifen nur wenige. Aber mit diesem Problem hat die moderne Kunst generell zu kämpfen. Nehmen wir als Beispiel den Dichter Nikolaj Gogol. Er feierte in Russland riesige Erfolge, trotzdem fühlte er sich zeitlebens von seinen Lesern missverstanden.
Ihr fühlt euch auch missverstanden?
Als wir Pussy Riot ins Leben riefen, war uns von Anfang an klar, dass man uns auf sehr unterschiedliche Weise rezipieren würde. Viele sehen in uns einfach eine schrille Musikband, unseren subversiven Charakter verstehen nur wenige auf Anhieb. Aber gerade weil wir in der Massenkultur so starke Resonanz finden, gibt es die Hoffnung, dass sich unsere Ideen schleichend in den Köpfen der Menschen festsetzen.
Pussy Riot bei Amnesty in Deutschland
© Sarah Johanna Eick
Ihr reist derzeit durch Europa und die USA. Warum?
Wir wollen die Welt daran erinnern, dass Nadja und Masha noch immer in Arbeitslagern ausharren. Es ist doch in solchen Fällen immer das Gleiche: Ein paar Monate beherrscht das Thema die Schlagzeilen und dann scheint es plötzlich niemanden mehr zu interessieren. Damit rechnen die Machthaber in Russland auch. Je weniger Menschen hinschauen, desto schärfer werden die Repressionen. Deswegen ist es uns wichtig, dass die ganze Welt den Fall genau beobachtet.
Wie ist die Situation in den Lagern?
Schlecht, wie in allen russischen Haftanstalten. Nadja und Masha sind getrennt voneinander in verschiedenen Straflagern untergebracht. Beide leben jeweils mit rund 120 Frauen in einer Baracke. Alles ist darauf ausgelegt, den Häftlingen keinerlei persönlichen Freiraum zu lassen. Wenn eine Frau gegen eine Regel des Lagers verstößt, wird die gesamte Baracke bestraft. Nachts schlafen die Frauen auf engstem Raum in Etagenbetten. Und auch tagsüber müssen sie alles gemeinsam machen: Essen, Waschen, Marschieren. Und natürlich: Arbeiten.
Die Frauen müssen Zwangsarbeit verrichten?
Ja, man will sie in der Haft durch Arbeit umerziehen. Nadja und Masha müssen Uniformen nähen. Das ist natürlich eine ganz perfide Demütigung: Sie produzieren die Mäntel derjenigen, die sie festgenommen haben.
Wie geht es den beiden psychisch?
Masha ist sehr kampfeslustig. Sie hat erst kürzlich mit einem elftägigen Hungerstreik erreicht, dass die Behörden die Haftbedingungen etwas lockerten. Das war für sie ein großer Triumph. Als nächstes will sie im Lager ein Theater gründen. Natürlich wird das Schwierigkeiten mit der Lagerverwaltung geben. Aber Masha hat sich das in den Kopf gesetzt. Und sie kann sehr hartnäckig sein.
Und Nadja?
Schon seit der Untersuchungshaft leidet Nadja unter extremen Kopfschmerzen. Sie erhält jedoch keine vernünftige medizinische Behandlung. Aber selbst wir können nur schwer einschätzen, wie es Nadja tatsächlich geht. In ihrem Lager sitzen viele politische Gefangene ein, deswegen hat die Lagerleitung eine sehr strikte Informationsblockade errichtet. Gestern erreichte uns endlich wieder ein Brief von ihr. Der erste seit zwei Monaten! Darin riss Nadja sogar ein paar Witze. Das lässt hoffen, dass es ihr besser geht.
Nadezhda Tolokonnikova
© Denis Bochkarev
Masha und Nadja sind junge Mütter. Dürfen die beiden ihre Kinder sehen?
Als Nadja noch in Untersuchungshaft war, bekam sie ihre Tochter einmal kurz zu Gesicht. Allerdings getrennt durch eine Glasscheibe. Seither waren die Kinder jeweils einmal zu einem Kurzbesuch im Lager. Für die Kinder ist es natürlich extrem hart, ihre Mütter nicht sehen zu können. Eigentlich sieht das russische Strafrecht vor, dass Mütter ihre Haftstrafe erst antreten müssen, wenn die Kinder das 14. Lebensjahr erreicht haben. Doch im Fall von Pussy Riot gilt diese Regel anscheinend nicht. Ein weiterer Beleg für den Zynismus der Mächtigen. Die Kinder leiden unglaublich unter der Situation.
Die Mütter vermutlich auch.
Ja, natürlich. Allerdings möchte Masha überhaupt nicht, dass ihr Sohn sie im Lager besucht. Sie will einfach nicht, dass er seine Mutter in diesem Elend sieht. Sie meint, es wäre für den Kleinen zu traumatisierend.
Eine Mehrheit der Russen befürwortet die harten Strafen gegen Pussy Riot. Wie erklärt ihr euch das?
Die Menschen werden durch die Medien regelrecht aufgehetzt. Das russische Fernsehen berichtet vollkommen einseitig über uns. Und es wurden sehr schnell Legenden in die Welt gesetzt: Manche Russen glauben, dass wir in der Kathedrale unsere Röcke gelüftet hätten. Andere sind der Meinung, wir hätten im Altarbereich nackt getanzt. Die Stimmung gegen uns wurde durch diese Gerüchte künstlich geschaffen.
Hattet ihr befürchtet, dass euch das "Punk-Gebet" ins Gefängnis bringen könnte?
Nein! Keiner hatte damit gerechnet. Aber in Russland passiert vieles, womit niemand rechnet. Das Urteil ist ja vollkommen absurd: Drei junge Frauen landen im Arbeitslager, weil sie in einer Kirche getanzt haben. Das konnte sich niemand vorstellen. Wir haben niemanden verletzt und nichts beschädigt. Wem sollen wir denn mit unserer Aktion geschadet haben?
Aber könnt ihr nachvollziehen, dass Menschen sich in ihren religiösen Gefühlen verletzt sahen?
Natürlich war uns vorher klar, dass wir auf Ablehnung stoßen würden. Auch viele Oppositionelle, die zuvor mit uns sympathisierten, haben sich nach der Aktion von uns distanziert. Aber wir wollten niemanden beleidigen. Wir haben die Kathedrale bewusst gestürmt, als kein Gottesdienst stattfand und nur wenige Gläubige anwesend waren. Besonders heilig ist der Ort aber ohnehin nicht!
Was meint ihr damit?
Die Kathedrale ist ein Ort der Heuchelei. In dem Gebäude gibt es nicht nur den Sakralraum, sondern auch Bankettsäle, die man mieten kann. Oben wird gebetet, unten gefeiert – mit Musik, Tanz und halbnackten Frauen. Es ist eigentlich keine Kirche, sondern ein Supermarkt.
Trotzdem: Die Kathedrale ist in Russland das Zentrum des religiösen Lebens. Hätte euer Protest nicht woanders stattfinden können?
Nein, definitiv nicht! Kein anderer Ort hätte dieselbe Symbolik gehabt, kein anderer Ort hätte solche Reaktionen ausgelöst. Unsere Performance war schockierend, aber sie hat die Menschen zum Nachdenken gezwungen und sie aus ihrer Apathie gerissen. Insofern muss man sagen: Es war genau der richtige Ort! Aber wir wollen noch einmal klarstellen: Unser Protest richtete sich nicht gegen die Religion oder die Gläubigen. Wir wollten ein Zeichen setzten gegen die gefährliche Nähe zwischen Staat und Kirche, die sich in unserem Land etabliert hat. Die derzeitige Situation ist einzigartig in der gesamten russischen Geschichte: Die orthodoxe Kirche ist nicht mehr autonom, sondern ein Instrument in den Händen der Mächtigen. Sie ist ein Werkzeug, mit dem die Machthaber das Bewusstsein der Bevölkerung manipulieren.
Free Pussy Riot Aktion in Bangkok
© Amnesty International (Panithan Kitsakul)
Was heißt das konkret?
Patriarch Kyrill I., das Oberhaupt der Kirche, weist alle Gläubigen an, bei den Wahlen für Wladimir Putin zu stimmen. Das kommt einer moralischen Erpressung gleich. Kyrill I. hat enormen Einfluss, denn 100 Millionen Gläubige hören auf sein Wort. Wenn es jemanden gibt, der den orthodoxen Glauben beleidigt, dann ist es der Patriarch selbst. Er diktiert seiner Gemeinde, wen sie wählen soll. Damit raubt er den Menschen praktisch ihre bürgerlichen Freiheiten.
Das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" hat Anfang des Jahres berichtet, dass es dem russischen Geheimdienst gelungen sei, die drei inhaftierten Frauen während der Untersuchungshaft gegeneinander auszuspielen. Ist Pussy Riot de facto auseinandergebrochen?
Natürlich kennen wir diese Gerüchte. Aber sie sind einfach nicht wahr. Die Gruppe hält nach wie vor eng zusammen. Wir haben das Gefühl, dass man solche Legenden ganz bewusst lanciert, um Pussy Riot zu diskreditieren. Es ist ja nicht das einzige Gerücht, das im Umlauf ist.
Meint ihr damit das Gerücht, Jekaterina "Katja" Samuzewitsch sei aus der Haft entlassen worden, weil sie mit der Staatsanwaltschaft kooperiert habe?
Ja. An diesem Fall lässt sich sehr schön studieren, wie solche Kampagnen funktionieren. Als Katja auf Bewährung freikam, war das für Pussy Riot ein großer Sieg. Und nun versucht man, es als Niederlage zu verkaufen: Katja sei nur deswegen freigekommen, weil sie die beiden anderen verraten habe.
Und an dem Gerücht ist nichts dran?
Überhaupt nichts. Es ist einfach ein dummer Propaganda-Trick: Man versucht, jeden unserer Siege in eine Niederlage umzudeuten. Ein anderes Beispiel: Als Pussy Riot vor Gericht stand, haben sich Millionen Menschen auf der ganzen Welt mit uns solidarisiert. Auch das war für uns ein immenser Triumph. Doch plötzlich schrieben russische Zeitungen: Die Unterstützung aus dem Ausland beweise, dass wir bezahlte Agenten des Westens seien.
Hat das Urteil eure künstlerische Arbeit verändert?
Wir wussten ja schon immer, dass politischer Aktionismus in Russland gefährlich ist, deswegen hat das Urteil unsere Vorgehensweise nicht grundsätzlich in Frage gestellt. Aber eine Sache hat sich natürlich ganz radikal verändert: Wir tragen nun auch Verantwortung für unsere Freundinnen im Arbeitslager. Bei jedem Schritt, denn wir machen, müssen wir mitberücksichtigen, welche Konsequenzen das für die beiden Inhaftierten haben könnte.
Um eure eigene Sicherheit sorgt ihr euch nicht?
Wir fürchten nicht unbedingt, dass man uns verhaften wird. Natürlich werden wir im Internet immer wieder bedroht, beispielsweise von fanatischen Christen. Das ist unheimlich, aber wir sind ja durch die Anonymität geschützt. Wir hatten allerdings große Angst um Katja, als sie vor einem Jahr aus der Haft entlassen wurde. Ihr Bild ging schließlich um die Welt. Niemand wusste, was passieren würde, wenn sie sich wieder auf Moskaus Straßen traut.
Und? Was passierte?
Die Menschen wollten ihr die Hand schütteln.