Amnesty Journal China 28. November 2013

"Das Apple-Fließband war härter als andere"

Das neue Sachbuch »iSlaves« versammelt Studien, Stimmen und Einschätzungen zur Situation ­chinesischer Arbeiter in Foxconn-Fabriken. Dort werden Smartphones, Spielkonsolen, Tablets und Laptops produziert.

Von Maik Söhler

So viele Bürger haben manche Kleinstaaten nicht: Auf mehr als 1,3 Millionen Beschäftigte kam der in Taiwan ansässige Foxconn-Konzern im Jahr 2012. Der überwiegende Teil arbeitet in China und stellt jene Geräte her, die im Westen große Teile von Arbeit und Freizeit prägen: Mobilfunkgeräte, Smartphones, Tablet- und Laptop-Computer, E-Book-Reader, Spielkonsolen, digitale Kameras und mehr.

Die Arbeitsbedingungen, unter denen die iPads, Xboxen und PCs von Apple, Dell oder Hewlett Packard – nennen wir ruhig mal Produkt- und Firmennamen, so viel Antiwerbung muss sein – hergestellt werden, erinnern an jene, die Marx und Engels im Europa des ausgehenden 19. Jahrhunderts vorfanden: Arbeitszeiten um die 100 Stunden pro Woche, niedrige Löhne, kaum soziale Absicherung, geringer technischer und gesundheitlicher Arbeitsschutz, despotische Unternehmer und Vorarbeiter.

Dieser Frühkapitalismus hat sich, ergänzt um effizienzsteigernde Elemente aus späteren Phasen des Kapitalismus, in Teilen Chinas erhalten. Dort nämlich, wo die »iSlaves« arbeiten, die Fabrikarbeiter aus den Foxconn-Werken. Grundlage dieses kenntnisreichen Sachbuchs über die Arbeitsweise in der asiatischen IT-Industrie ist eine Studie chinesischer Soziologen, die mit (ehemaligen) Foxconn-Arbeitern sprachen. Auslöser der Studie war eine Serie von Arbeitersuiziden in den Jahren 2010/2011 mit mindestens 20 Toten.

Foxconns Ruf war lädiert – und mit ihm der von Apple, Microsoft, Samsung und anderen. Foxconn versprach, für Abhilfe zu sorgen, kündigte Lohnerhöhungen und bessere Arbeitsbedingungen an. Hier setzt »iSlaves« an und weist nach, dass sich in den Werken bis heute nur wenig geändert hat. »Foxconn geht es um (…) einen hohen Profit (…) und dem werden alle Lebensbedürfnisse der Arbeiter untergeordnet«, schreibt Ralf Ruckus im Vorwort.

Von kontrollierten Wohnheimen über die ausbeuterische Produktion, vom Einsatz von Millionen Schülerpraktikanten bis zur Enteignung von Bauern zum Bau neuer Fabriken zieht sich das Foxconn-System. Dem Leser begegnen Verstöße gegen chinesisches Arbeitsrecht, vergiftete Arbeiter, unmenschliche Führungsmethoden, Wohnungen als verlängerte Werkbank, Kinderarbeit, fehlende Gliedmaßen. Dies sei »Foxconns Erfolgsgeheimnis: Alles dient der Ausnutzung der Arbeitskraft. Foxconn züchtigt die Arbeiter und Arbeiterinnen körperlich und geistig, bestimmt ihre Arbeits- und Lebensweise und zwingt sie, 24 Stunden pro Tag verfügbar zu sein«, schreiben die chinesischen Soziologen in ihrem Fazit.

»Das Apple-Fließband war härter als andere«, formuliert es ein Arbeiter. Interessant wäre zu wissen, wie viele Menschen diesen Artikel auf einem iPad lesen. »iSlaves« ist ein wichtiges Buch, weil seine Autoren ganz genau hingesehen haben.

Pun Ngai u.a.: iSlaves. Ausbeutung und Widerstand in Chinas Foxconn-Fabriken. Herausgegeben und übersetzt von Ralf Ruckus. Mandelbaum Verlag, Wien, 2013. 264 Seiten, 19,90 Euro.

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