Amnesty Journal Tunesien 18. Juli 2013

Ohrfeige für Säkulare

In Tunesien attackieren Salafisten zunehmend ­Bildungseinrichtungen. Ein prominenter Fall ist der Prozess gegen den Dekan der geisteswissenschaftlichen Fakultät von Manouba.

Von Bernd Beier

Tunesische Oppositionelle sprechen von einem klassischen politischen Prozess: Seit Juni vergangenen Jahres zieht sich das Strafverfahren gegen Habib Kazdaghli, den linken Dekan der geisteswissenschaftlichen Fakultät von Manouba, einer kleinen Stadt nahe Tunis. Dabei geht es um eine »imaginäre Ohrfeige«, wie es in tunesischen Presseberichten heißt.

Hintergrund des Verfahrens ist eine aggressive Kampagne, mit der Salafisten ihre repressiven Vorstellungen an Kazdaghlis Fakultät durchsetzen wollten. »An der Fakultät entwickelte sich eine unglaubliche Stimmung: Schwarze Flaggen in Bäumen und an Fenstern, Zelte, ein Imam, der vor jedem lauthals predigte, der ihm zuhören wollte, Lautsprecher, aus denen es an Feiertagen ununterbrochen schallte. Dann hieß es von Studenten: ›Ich will dies nicht studieren, ich will das nicht studieren; Darwin ist ein Ungläubiger; die Poesie, die die Liebe hochhält, wollen wir nicht.‹ Kurz: die Atmosphäre war nicht mehr auszuhalten.« Mit diesen Worten beschreibt Rabâa Ben Achour-Abdelkefi, ehemalige Hochschullehrerin und Mitglied der Tunesischen Vereinigung zur Verteidigung der universitären Freiheiten, die Situation, die vor gut einem Jahr an der FLAHM herrschte, der geisteswissenschaftlichen Fakultät von Manouba.

Mit einer monatelangen Kampagne versuchten Salafisten, von denen die meisten nicht an der Fakultät eingeschrieben waren, das Tragen des Niqab, der Vollverschleierung für Frauen, sowie einen Gebetsraum durchzusetzen. Aus pädagogischen und Sicherheitsgründen hatte der Wissenschaftsrat der FLAHM das Tragen des Niqab während der Vorlesungen und der Prüfungen untersagt, auf dem Campus ist der Niqab jedoch erlaubt.

Schnell eskalierte der Konflikt: Es folgten Sit-ins, die Belagerung von Hörsälen, tätliche Übergriffe auf das Lehrpersonal und Studierende sowie die Umfunktionierung eines Hörsaals in einen Gebetsraum seitens der Salafisten. Die Lehrenden reagierten mit gewerkschaftlichen Vollversammlungen, Streiks und einer Demonstration vor dem Hochschulministerium in Tunis. Zeitweise war die Fakultät ganz geschlossen, denn die Polizei ging nur äußerst zögerlich und halbherzig gegen die Salafisten vor.

Ausführlich beschrieben hat den Konflikt Habib Mellakh, Professor für französische Literatur an der FLAHM und Gewerkschafter, in dem Buch »Chroniken von Manoubistan«, das im Januar 2013 im renommierten tunesischen Wissenschaftsverlag Cérès erschien. Darin ist auch ein offener Brief an die Demokraten Tunesiens abgedruckt, der vor einer »schleichenden Faschisierung« Tunesiens durch die Islamisten warnt.

Warum »Chroniken von Manoubistan«? »Manoubistan erinnert an Afghanistan. Es geht nicht darum, die Jugendlichen zu stigmatisieren, die die Fakultät besetzten. Sie waren es vielmehr, die ein Lied gesungen haben, in dem es hieß, in Manoubistan werde der Islam unterdrückt«, sagt Dekan Habib Kazdaghli, der das Vorwort des Buches verfasste. Kazdaghli ist Ende Fünfzig und hat jahrzehntelange politische Erfahrung. Er gehörte zeitweise zum Zentralkomitee der ehemaligen Kommunistischen Partei Tunesiens, die mittlerweile sozialdemokratisch argumentiert, säkular ist und sich einem politischen Bündnis mit der islamistischen Regierungspartei Ennahda strikt verweigert.

Als Dekan geriet Kazdaghli schnell ins Zentrum des Konflikts um den Niqab an seiner Fakultät. Zeitweise verwehrten ihm die Salafisten den Zugang zu seinem Büro. Tunesiens Hochschulminister Moncef Ben Salem, ein Politiker der Ennahda, sagte im Februar 2012 in einem Zeitungsinterview, einige Dekane seien wegen ihres »politischen Fanatismus« für das Wiederaufflammen von Gewaltakten an der Universität verantwortlich.

Darauf angesprochen, sagt Kazdaghli: »Nun, ich bin Dekan an der Fakultät, meine politischen Ideen lasse ich draußen.« Im Übrigen hätten die Behörden »durch ihre Laxheit geglänzt, wenn nicht gar durch ihre Komplizenschaft«. Die Bewegung ­Ennahda betrachte die Salafisten als ihrer eigenen Sphäre zugehörig, und versuche, sie zu vereinnahmen.

Im März 2012 verschärfte sich der Konflikt um den Niqab, nachdem einige Hausverbote ausgesprochen worden waren. Ein Salafist tauschte die tunesische Flagge auf dem ehemaligen Polizeiposten der Universität (unter Ben Alis autoritärer Herrschaft wurde jede Hochschule polizeilich überwacht) gegen die schwarze Flagge seiner fundamentalistischen islamischen Bewegung aus. Einzig eine mutige Studentin stellte sich ihm entgegen und ließ sich auf ein Handgemenge mit ihm ein. Kurz darauf drangen zwei Niqab tragende Studentinnen in Kazdaghlis Büro ein und verwüsteten es. Kazdaghli erstattete Anzeige gegen sie – die er mittlerweile zurückzog. Eine der beiden Studentinnen beschuldigte ihn, er habe sie geohrfeigt, was der Dekan bestreitet. Die Studentin ließ sich ein ärztliches Attest ausstellen, das ihr »Spuren einer Ohrfeige« bescheinigte. Es wurde ein Verfahren gegen den Dekan eingeleitet, und die Staatsanwaltschaft verschärfte die Anklage von einfacher Körperverletzung auf Körperverletzung im Amt. Damit drohten Kazdaghli bis zu fünf Jahre Haft. Das Gericht ließ das Attest von der tunesischen Ärztekammer überprüfen.

Der Fall sorgte im In- und Ausland für Aufsehen. Ein Verteidigungskomitee wurde gebildet, dem auch Anwälte aus europäischen Ländern angehören. Die französische Tageszeitung »Le Monde« widmete Kazdaghli im Januar 2013 ein Porträt auf einer ganzen Seite. In einem Editorial hieß es: »Die Verurteilung von Herrn Kazdaghli wäre für die Salafisten ein sehr starker symbolischer Sieg. Damit wäre nicht allein die Freiheit zu denken und zu studieren in Tunesien sanktioniert. Eine Verurteilung würde die Schwäche der Justiz und des Rechtsstaats in dem Land demonstrieren sowie den wachsenden Einfluss, den die Salafisten unter dem nachsichtigen Blick von Ennahda ausüben.«

Am 2. Mai fiel das Urteil: Freispruch für den Dekan Kazdaghli, vier beziehungsweise zwei Monate Haft auf Bewährung für die beiden Studentinnen. Auf einer Versammlung an der FLAHM mit etwa 70 Beteiligten am gleichen Tag konstatierte Professor Mellakh, die Justiz habe ihre Unabhängigkeit gezeigt und die Angriffe auf die akademischen Freiheiten abgewehrt. Eine Frau im Publikum bemerkte: »Eine Schlacht ist gewonnen, aber der Krieg geht weiter.«

Da könnte sie Recht haben. Tags darauf, so schrieb Mellakh am 4. Mai in einem Artikel für das Internetportal Leaders.com, hielten etwa 50 Anhänger der UGTE, der Studierendengewerkschaft von Ennahda, an der Fakultät eine Versammlung ab und riefen dazu auf, den »zionistischen Dekan, Feind des Islam, der die Niqab-Trägerinnen verfolgt und ihnen ihr Recht auf Ausbildung verweigert«, des Amts zu entheben.

Der Autor arbeitet als Journalist in Berlin.

Mehr dazu